Die Comedienne Liza Kos

Interviewreihe “Davon leben” – Interview mit Liza Kos (Comedienne)

Die Comedienne Liza Kos lacht noch immer, trotz viel Ärger, Schicksalsschlägen und Enttäuschungen. Wie sie ihr Leben als Künstlerin meistert, lest ihr hier.

Wann und wo bist du geboren?

1981 in Moskau, in der damaligen Sowjetunion.

Bist du da auch aufgewachsen? Oder kamen deine Eltern nach Deutschland, bevor der Eiserne Vorhang fiel?

Ich bin dort aufgewachsen. Meinen Eltern ist es erst gelungen nach Deutschland zu kommen, als der Eiserne Vorhang gefallen war. Ich war damals 15 Jahre alt. Meine Eltern, mein Bruder und ich haben uns zu viert auf den Weg nach Deutschland gemacht.

Und wie war das für dich, neu anzufangen, in einer anderen Kultur mit fremder Sprache?

Sehr spannend und schwierig zu gleich. Ich würde sagen, zuerst war es spannend. Ich habe mich sofort in die deutsche Sprache verliebt. Wir sind mit dem Bus nach Deutschland gekommen und man hat uns an einer Raststätte aussteigen lassen. Wir haben ein Taxi gerufen und der Taxifahrer war ein Deutscher, der so wunderschön klar deutsch gesprochen hat, dass ich mir noch an dem Tag geschworen habe, irgendwann mal perfekt Deutsch zu lernen. So wie er. Das war am 12. August 1996. Schwierig wurde es ein paar Monate später, weil ich mich sehr isoliert gefühlt habe. Ich habe kaum Freunde finden können. Ich fühlte mich, als würde ich nicht in diese Gesellschaft reinpassen.

Wo seid ihr denn hingezogen? Und was haben deine Eltern beruflich gemacht, in der Sowjetunion und dann in Deutschland?

Wir sind zuerst nach Unna-Massen gekommen, ein Ort in der Nähe von Dortmund, der hatte (und hat vielleicht immer noch) so eine Art Auffanglager für russischsprachige MigrantInnen. Und dann wurden uns ein Paar Städte zur Auswahl genannt. Es waren Herzogenrath, in der Nähe von Aachen, und Münster. Meine Eltern haben sich für Herzogenrath entschieden, weil es so nah an der belgischen und holländischen Grenze liegt. Nicht weil die kiffen wollten (lacht). Wer hinterm Eisernen Vorhang lebt, weiß, wie sehr man endlich die ganze Welt sehen will, weil man doch jahrelang nicht ausreisen durfte oder konnte.

Mein Vater ist Musiker, Komponist, ein leidenschaftlicher Organist und meine Mutter ist Lehrerin. Die zwei Berufe sind in Russland gerade die, wo man am wenigsten verdient. Als Musiker kannst du nur viel verdienen, wenn du erfolgreich bist. Und als Organist kannst du deine Leidenschaft nur als Hobby betrachten. Es gab zu der Zeit vielleicht maximal drei Orgeln in Moskau. In einer katholischen Kirche, in einer evangelischen und im Krematorium. Wo hat mein Vater einen Platz gefunden? Im Krematorium! Meine Mutter hat in der letzten Zeit nur noch Nachhilfestunden gegeben, so verdienst du immer noch etwas mehr als eine eingestellte Lehrerin. In Deutschland hat mein Vater dann tatsächlich eine Weile in Herzogenrath als Organist und Küster gearbeitet, und meine Mutter fand für ein Jahr einen Job in einer sozialen Einrichtung. Ich muss aber ehrlich sagen, dass unsere Familie oft auf Sozialhilfe angewiesen war.

Ich nehme an, das war hart für dich beziehungsweise für die ganze Familie.

Ja, das war es. Ich habe in meinem Leben oft versucht, dem Bezug von Sozialhilfe oder Hartz-IV zu entkommen, aber es gelang mir oft nicht, und es hat sich durch mein Leben gezogen. Ich habe auch meine Comedykarriere so gestartet. Hartz-IV und Selbstständigkeit im Nebenerwerb, jahrelang. Erst seit Kurzem lebe ich von meiner Kunst.

Wie kam es, dass du mit dieser Familiengeschichte den so unsicheren Weg des Künstlerin-Seins eingeschlagen hast? Es wäre ja mehr als verständlich gewesen, wenn du einen sicheren Weg genommen hättest.

Ich hätte gerne einen sicheren Weg gewählt, wenn ich gekonnt hätte. Leider ist in meinem Leben schief gelaufen, was nur konnte. Angefangen damit, dass ich nicht im Kindergarten war und sehr viel allein war in meinen ersten Jahren. So konnte ich mich später nicht in der Schule integrieren, wurde jahrelang gemobbt, nicht nur wegen der fehlenden Integration, sondern, weil ich wirklich immer aus der Gesellschaft rausgefallen bin. In der Schulzeit durch meinen Glauben an Gott. In der Sowjetunion wurde so etwas belächelt. Ich habe sehr oft in der Schule gefehlt, weil ich nicht hin wollte. Ich musste nichts vortäuschen, ich fühlte mich wirklich gesundheitlich schlecht. So habe ich unglaublich viel Stoff verpasst. Insgesamt habe ich sechs Mal die Schule gewechselt. Nebenbei habe ich Musikschulen besucht, seitdem ich sechs war. Ich habe viel gelesen, ich kann nicht sagen, dass ich mich durch die Fehlstunden intellektuell nicht entwickelt hätte. Vielleicht sogar mehr als andere Kinder.

Als ich nach Deutschland kam, landete ich auf einer Hauptschule. Alles, was ich mir gewünscht hatte, beruflich zu machen, würde aber mit einem Hauptschulabschluss nicht funktionieren. Meine Eltern haben das Schulsystem nur vage verstanden und konnten mich überhaupt nicht unterstützen. Ich hätte jemanden gebraucht, der an mich glaubt und weiß, wo es lang geht. Stattdessen kam mal eine Berufsberaterin vom Arbeitsamt in die Schule, und als ich sagte, ich würde gerne Polizistin werden, hat sie gesagt: „Das geht nicht, dafür brauchst du Abitur und die deutsche Staatsangehörigkeit. Vergiss es. Lern was Soziales, Altenpflegerin oder so.“ Die deutsche Staatsangehörigkeit bekam ich später, Abitur auch, das hätte ich natürlich viel früher machen können, wenn sie mir gesagt hätte: „Es wird schwer, aber du schaffst das!“ Ich habe dann nach der Hauptschule eine Ausbildung zur Gestaltungstechnischen Assistentin angefangen und sie leider erstmal nicht zu Ende gebracht. Es ist nämlich noch viel mehr schief gelaufen.

Jetzt, wo ich davon so erzähle, finde ich, dass sich das total traurig anhört. So als würde ich mal ordentlich jammern wollen. Soll ich weitererzählen? Oder mich kürzer fassen? Ich glaube ja, die ganze Geschichte sprengt den Rahmen. Ich wollte ja schon lange ein Buch darüber schreiben (lacht). Worauf ich hinaus wollte ist: Ich bin durch mein Leben beinahe berufsunfähig geworden. Der einzige Beruf, den ich machen kann, ist der, den ich mache: Ich bin unangepasst, körperlich schwach, mir fällt es schwer, jeden Tag das Gleiche zu machen, ich kann mich überhaupt nicht unterordnen, bin nicht teamfähig. Ich kann also beruflich nur selbstständig sein. Warum es dazu gekommen ist, ist halt eine längere Geschichte.

Die du gern erzählen kannst. Deswegen sind wir ja hier. Es geht ja darum, wie es dazu kam, dass aus dir die Künstlerin wurde, die du heute bist. Welche (Um-) Wege du nehmen musstest, welche Hürden es gab. Ob Schwierigkeiten und Zweifel.

Also gut: Ich habe mich lange nicht für einen Beruf entscheiden können, auch deshalb, weil die meisten Berufe für mich wenig Sinn ergaben. Ich war sehr gläubig, und zwar so gläubig, dass ich dieses Leben als zweitrangig betrachtet habe. Ich hatte viele Talente: Ich war sehr gut darin, schnell neue Sprachen zu lernen, ich habe sehr gut gemalt und gezeichnet und ich war musikalisch. Doch die Berufe, für die man diese Talente brauchte, erschienen mir sinnlos zu sein. Dann habe ich meinen damaligen Freund kennen gelernt, er war Deutscher mit türkischem Migrationshintergrund, und da habe ich eine Suche angefangen, die mich noch weiter weg von klassischer Berufswahl brachte: Ich habe angefangen, mich intensiv mit dem Islam zu beschäftigen. Ich war mir sicher, keiner, der nicht ins Wasser reingeht, kann das Wasser erfassen, beschreiben, verstehen. Deshalb bin ich zum Islam konvertiert.

Diese Beziehung und die religiöse Forschung haben sehr viel Kraft gekostet. Ich habe zwar die Ausbildung in der Zeit gemacht, aber ich war überhaupt nicht in der Lage, mich auf den Unterricht zu konzentrieren. Außerdem habe ich schon in der Schulzeit einfach nicht gelernt, richtig zu lernen. Ich war echt froh, als ich im dritten Jahr der Ausbildung schwanger wurde und mich von dieser ganzen Schullast befreien konnte. Es folgte eine dreijährige Pause, in der es sehr viel Stress mit dem Kindsvater gegeben hat, von dem ich mich ausgerechnet vor der Schwangerschaft zu trennen angefangen hatte, weil ich mich mit dem Islam, wie er ihn gelebt hat, nicht wohlfühlte. Es ist zwar eine Floskel, aber mein Ex hat mein Leben zur Hölle gemacht. Es war alles dabei, von Stalking bis Kindesentführung. Ich will am liebsten gar nicht an diese Zeit denken. Als es etwas ruhiger wurde und ich mich wieder berappelt hatte, habe ich mit ganz anderem Bewusstsein die Ausbildung noch mal angefangen, diesmal im zweiten Jahr. Diesmal war ich sehr motiviert, brachte mir das Lernen bei, ich war sehr gut – bis leider noch ein Schicksalsschlag kam. Eine sehr schwere, lebensgefährliche Krankheit. Ich musste fünf OPs über mich ergehen lassen. Die Prüfung habe ich schließlich bestanden, aber die Noten waren schlecht. Dann folgten wieder ein paar Jahre in der Abhängigkeit von Hartz-IV.

Wann fingst du denn an, dich für Comedy zu interessieren? Wo hattest du zwischen all der religiösen Suche, der Ausbildung, Schwangerschaft und Kind, einem crazy Ex und schließlich eine lebensbedrohlichen Krankheit die Zeit, die Kraft und vor allem die Muße dafür? Oder war das ein nötiges Ventil für dich?

Ich war als Kind eine Zeitlang sehr lustig, auch als Teenager. Meine Eltern nannten es „frech“ (lacht). Aber ich habe nie gedacht, das beruflich zu machen. In der schweren Zeit, von der ich gerade sprach, gab es leider kein Ventil für mich. Erst als das Schlimmste vorbei war, habe ich einen Comedian kennen gelernt, der mir Mut gemacht hat, mal ein Lied zu schreiben. Er selbst war zwar Comedian und Musiker, aber für mich ging es erst mal nur um Musik, ganz ohne Komik. Leider wurde aus dieser Begegnung so etwas wie eine sehr unglückliche Liebesbeziehung. Aber unglückliche Liebe und Mut, ein Lied zu schreiben – das hat direkt einen Haufen Lieder ergeben. Die waren von sarkastisch-ironisch bis ernst-melancholisch.

Ich habe mir Gitarrespielen selbst beigebracht und im Jahr 2011 stand ich zum ersten Mal auf der Bühne. Es wurde direkt sehr lustig. Ich habe mit dem russischen Akzent gespielt und mit den typischen Klischees. Ab dem Moment wusste ich, dass ich Menschen zum Lachen bringen kann, und es hat mich süchtig gemacht. Ich habe viele Konzerte in Aachen gespielt, ich sah mich in etwa wie einen weiblichen Götz Widmann. Aber ich glaube, es hat ganz anders gewirkt. Zerbrechlich-melancholische Lieder gemischt mit lustigen Songs. Das war das Konzept von mir zwei, drei Jahre lang, bis ich dann doch meinen ersten Wortbeitrag hatte und auf eine klassische Comedy-Bühne gegangen bin. Und auch das hat direkt funktioniert.

Wenn du sagst, du habest mit dem Akzent und mit russischen Klischees gespielt: War und ist das ein Weg der Verarbeitung deiner Kindheit in der Sowjetunion? Allgemeiner gefragt: Wie persönlich sind deine Themen? Geht es da auch um Liebeskummer, Orientierungslosigkeit und Hartz-IV oder spielst du eine Rolle, wenn du auf der Bühne stehst?

Ich weiß nicht, ob es Verarbeitung war. Ich sehe die Kunst ehrlich gesagt nicht als Verarbeitung. Ich sehe meine Kindheit vielmehr als Inspiration. Ich erzähle in meinem Programm vor allem über meine Integration in Deutschland. Alles, was ich erzähle, ist angelehnt an mein Leben. Menschen verstehen oft nicht, dass ich wirklich vier Jahre lang Kopftuch getragen habe. Sie denken, es ist eine Legende, die ich mir als Comedyfigur ausgedacht habe. Ich spiele keine Rolle auf der Bühne, ich spiele schon mich selbst, die integrierte Russin. Am Anfang habe ich mit dem russischen Akzent angefangen, habe so getan, als könnte ich gerade mal ein Paar Sätze auf Deutsch sagen, bis ich auf einmal, für das Publikum total überraschend, anfing, akzentfreies Deutsch zu sprechen. Das war so eine Art Veräppelung des Publikums. Natürlich drehte sich viel um Wodka, Kälte, aber auch weiße Stiefel und Balalaika waren ein Bestandteil des Programms. Meine Themen sind ansonsten sehr persönlich. Aber ich habe noch nicht viel davon in mein Programm reinnehmen können. Liebeskummer, Orientierungslosigkeit und vielleicht Hartz-IV stehen noch auf der Liste. Aber ich habe ja vor, noch lange zu spielen. Es ist gut, noch viel Material und Themen in der Hinterhand zu haben.

Dein mittlerweile 12-jähriger Sohn lebt ja bei dir. Kriegst du das – vor allem finanziell und zeitlich – gut zusammen, Künstlerin und Mutter zu sein?

Das ist natürlich nicht so ganz einfach, vor allem zeitlich. Deswegen habe ich meine Karriere oft verlangsamt, weil er noch zu klein war. Was für ein Glück, dass Kinder wachsen. (lacht) Es geht meiner Meinung nach erst so richtig los. Finanziell hat mich ja wie schon gesagt das Amt unterstützt. Ich bin erst seit Januar komplett weg davon. Und es ist das erste Mal, dass ich eine künstlerische Sommerpause erleben werde. Ich habe im Juli gar keine Auftritte, heißt natürlich auch: Gar keine Einnahmen. Ich bin sehr gespannt, ob ich das alles schaffe. Wenn ich allein wäre, wäre es sicherlich einfacher, gleichzeitig aber auch schwerer, weil mein Sohn mich immer wieder sehr oft motiviert hat, weiter zu machen. Ich wollte immer ein gutes Beispiel für ihn sein. Ich denke, ohne ein Kind wäre es einfacher, mehr zu erreichen, aber ich hätte weniger Ansporn.

Mutter zu sein ist also auch eine Quelle von Kraft für dich. Trotz aller Widrigkeiten weiterzumachen.

Auf jeden Fall!

Wo wir gerade bei Widrigkeiten sind: Bist du nach so viel Schmerz in deinem Leben gefeit gegen schlechte Gefühle, die durch dein Leben als selbstständige Künstlerin entstehen? Belasten dich Geldsorgen, hast du Zweifel oder grübelst du viel? Oder hast du mittlerweile ein dickes Fell?

Ich glaube, ich habe tatsächlich inzwischen ein dickes Fell. Ich habe so wenig Sicherheit in meinem Leben gehabt, dass allein schon der Wunsch danach vergangen ist. Ich bin auf jeden Fall angstbefreit. Ich habe viel an meiner Art zu denken gearbeitet, viele Bücher zum Thema Selbstentwicklung gelesen, habe gelernt, positiv zu denken und vor allem habe ich erfahren, dass mein Leben in meiner Hand liegt. Dass ich nicht mehr das Opfer bin, das nur rumgetrieben wird. Ich stehe heute mitten im Leben und weiß, dass all meine Wünsche in Erfüllung gehen können, wenn ich richtige Ziele setze und richtige Schritte mache. Ich bin vor allem wirklich stolz auf mich, dass ich aus diesem Schlamassel rausgekommen bin, und dabei weder alkoholkrank wurde noch kaputt gegangen bin. Und ich weiß, was ich kann. Meine Vergangenheit hat mich sehr abgehärtet. Ich fühle mich stark und trotzdem sehr lebendig. Ein schönes Gefühl.

Alles in Allem bist du also zufrieden?

Ja, sehr! Ich hätte ja auch verbittert werden können, aber ich bin sehr offen. Ich möchte leben, Dinge erleben und freue mich, neue Menschen kennen zu lernen. Ich liebe meinen Beruf, ich mag mein Leben, wie es ist. Ich bin sehr, sehr dankbar. Dankbar für das Leben, für meine Vergangenheit, für Heute – und jetzt schon für meine Zukunft. Manchmal dachte ich: „Ich habe so viel Mist erlebt, da kann es ja nur noch gut werden in der Zukunft.“ Nach dem Motto: „Ich habe schon bezahlt, jetzt wird es Zeit, dass ich etwas bekomme.“ Vielleicht ist da was dran, vielleicht funktioniert das Leben aber auch ganz anders. Und vielleicht habe ich gar nicht bezahlt, sondern bekommen, denn auch wenn es bitter war, es war anscheinend wichtig, da durchzugehen – und jetzt wird es Zeit, dieser Welt etwas zurück zu geben. Ich bin jedenfalls sehr glücklich und freue mich schon auf das, was kommt.

Bildquellen

  • MK005(1): Michel Kitenge