Bundeswehr: Kriegsführung im 21. Jahrhundert

Unser Autor ist ehemaliger Bundeswehroffizier. Und kann sich als solcher natürlich viel kompetenter über unsere Streitkräfte lustig machen.

Montag – 8:31 Uhr

Obergefreiter Dosenkohl – zuständig für die Verwaltung von nicht-seetüchtigem Marinegerät betritt die Kaserne in Kiel. Dank der neuen Gleitzeitregelung ist er zu Dienstbeginn nahezu ohne relevanten Restalkohol vom vergangenen Freitag. „Das Wochenende war mal wieder zu kurz und was passierte überhaupt am Samstag und Sonntag?“

Beim Blick ins Hafenbecken fallen dem geschulten Auge sofort fünf zusätzliche Meter Tiefgang bei der rostigen Fregatte auf.

09:21 Uhr

Auf dem Weg in den Maschinenraum wird dem Obergefreiten klar, dass die rostige Fregatte nicht etwa zum Auslaufen beladen worden ist – er wechselt zunächst die Uniform und überlegt beim Aufhängen der nassen Klamotten, wem er das offenbar doch recht große Leck nun melden soll.

10:35 Uhr

Nach einem gepfefferten Anschiss vom Obermaat ist der Obergefreite nun für den Rest der Woche bedient und öffnet den ersten Kasten Flens auf der Stube, um den Stress abzubauen.

11:00 Uhr

Der junge, aufstrebende Obermaat stellt fest, dass keine der vorgesehenen Führungsebenen vor Ort ist, um sich dem Problem zu stellen. Feldwebel und Offiziere befinden sich auf Lehrgängen, in Therapiezentren oder bereiten sich gerade auf den Einstieg ins Zivilleben vor.

11:30 Uhr

Der leckgeschlagene Kahn sinkt zusehends. Gern würde der Obermaat einen würdigen Abgang mit einem Kapitän an Bord organisieren – doch es ist keiner zu finden. Zuletzt wurde diverse Kapitänleutnante und Fregattenkapitäne zum Einsatz in einem der vier Stäbe in Masar-e-Sharif befohlen. Dem Heer waren zuvor die Stabsoffiziere ausgegangen – die Stühle in Masar-e-Sharif aber so leer, wie nun nutzlos. Zumindest einem dieser Zustände konnte Abhilfe geschaffen werden.

12:00 Uhr

Da es keinen Kapitän geben wird, der mit dem Schiff untergeht, telefoniert der ambitionierte Obermaat nun mit einigen Abteilungen im Verteidigungsministerium.

Nach einer Reihe von Anschissen, die sich gewaschen haben – je nach Ansprechpartner Stressabbau oder Herzinfarktförderprogramm – übernimmt nun ein ranghoher Soldat aus dem Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit den Fall.

Währenddessen trocknet die Tinte auf der Gesprächsnotiz für die Personalakte des Obermaat. Die Worte „Nimmt zu viel wahr – nicht zum Offizier geeignet.“ limitieren die Karrierechancen des Obermaat empfindlich, für den Betroffenen jedoch ist das meist nicht festzustellen.

13:35 Uhr Einsatzführungskommando Potsdam

Die Feindaufklärung meldet, ein afghanischer Warlord habe fünf seiner eigenen Leute getötet. Grund sei – so meldet ein Informant des BND – dass die als Späher eingesetzten Afghanen seltsames Zeug von „Matrosen“ und „Marineuniformen“ gefaselt hätten.
Laut dem Profil, das der BND über den Warlord angelegt hat halte sich der Warlord für überdurchschnittlich intelligent. „Der Schluss liegt nahe, dass er auf Basis seiner Geografiekenntnisse entschieden habe, Marine in Afghanistan sei schlicht unmöglich. Flüsse führen zu wenig Wasser – einen Seehafen gibt es nicht.“
Drei Mitarbeiter des BND werden befördert – die Finte mit den Marinesoldaten funktionierte offenbar nicht nur zum Füllen der Einsatzdienstposten.

14:21 Uhr

Ein Redakteur des Investigativteams von NDR und die Süddeutsche erhalten einen anonymen Anruf. Der Obergefreite hat nach dem halben Kasten Flens zunächst Mut und dann Rachegelüste entwickelt. Der Redakteur organisiert eine Kameradrohne und plant einen Überflug des Hafenbeckens, um den mittlerweile bis zum Oberdeck gefluteten Kahn im Bild festzuhalten.

15:31 Uhr

Nervosität im Verteidigungsministerium – die Gleitzeitregelung ist für den heutigen Nachmittag ausgesetzt. Gründe kennt noch niemand – es wird auf den Eingang von Meldungen gewartet.

16:00 Uhr

Der Obermaat meldet nun, die Gefahr sei nahezu gebannt – seit gut 30 Minuten würde der Kahn nicht mehr sinken. Offenbar liegt er auf Grund.

16:21 Uhr

Der Inspekteur der Marine wird einbestellt. Von wem ist noch nicht klar – die Anrufe des NDR legen aber nahe, man müsse bis zum Abend einen Schuldigen für irgendwas gefunden haben. NDR – Norden – Meer : folgerichtig eine Aufgabe für die Marine.

17:15 Uhr

Das Konzept für die Krisen-PR steht! Das BMVg kündigt den Fortschrittsbericht Marine an. Neben einer steigenden Zahl einsatzbereiter Unterwassergefährte habe es gravierende Verbesserungen bei der Tarnung von Schiffen über Wasser gegeben, diese seien nahezu kaum noch zu sehen.

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