The sun always shines on tv

The sun always shines on TV: Götterdämmerung – über die zweite Staffel von Big Brother

Von 2000 bis 2002 schrieb der Medienwissenschaftler Mathias Mertens die sonntägliche Kolumne The sun always shines on TV über das Fernsehen. Heute: Teil 2 (1. Oktober 2000)

Der größte Unterschied zwischen Big Brother I und Big Brother II besteht darin, daß die Bewohner der zweiten Staffel schon Big Brother gesehen haben. Daß dieses keine sonderlich geniale Feststellung ist, beweist die Tatsache, daß auch Zlatko denselben Gedanken in einer Talkshow von Bärbel Schäfer geäußert hat. Es soll im Folgenden deshalb nicht darum gehen, ein Urheberrecht auf diese Theorie zu beanspruchen, sondern Zlatkos Erkenntnis argumentativ zu untermauern. Denn der Hauptunterschied zwischen der “Ballermann-Fraktion” und den “Studierten” besteht nicht in ihrem epistemologischen Vermögen. Sondern darin, wie wortmächtig sie ihre identischen Erkenntnisse verpacken können.

Eben weil sie Bewohner der ersten Staffel waren, wurden Zlatko, Jürgen, Alex et al. zum Paradigma für alles, was da folgen soll. Sie wurden zu Archetypen, die die Beurteilung des Containergeschehens überhaupt erst möglich machen. Nicht nur, daß sie Big Brother noch nicht gesehen hatten und infolge dessen unbefangen agieren konnten, weil sie nicht wußten, wie so etwas draußen aussieht, auch das Publikum hatte keine Bezugsgrößen, so daß alles, was Zlatko et al. taten, richtig war. Richtig, weil die einzige Differenz die zum Nichts war. Sie waren wie Hesiods erste Menschen ein “goldenes Geschlecht”, die sorglos lebten und denen alle Früchte des Erdreichs wie von selbst gewährt wurden. Womit jetzt nicht die pauschale Versorgung mit Grundnahrungsmitteln der ersten Bewohner gemeint ist, sondern die Lizenz zur Normsetzung.

Gemäß Hesiods Beschreibung wandelten die Menschen des “Goldenen Geschlechts” nach ihrem Verschwinden als fromme Schutzgötter in Nebel gehüllt über die Erde und wurden Geber alles Guten, Behüter des Rechts und Rächer aller Vergehungen. Und tatsächlich werden überall im Lande in Fernsehstudios kleine Olympe eingerichtet, auf denen der Götterrat mit seinen Vertretern Andrea, Jürgen usw. zusammengerufen wird, um sie zur Beurteilung der zweiten Generation zu befragen. Es ist dabei unerheblich, wie sie es finden, sie fungieren einzig als Verkörperungen der Differenz, als Anleitung für das Publikum, Big Brother II als sinnvolles Geschehen zu entwerfen.

Diese zwangsläufige Abgrenzung zu den Archetypen führt dann dazu, daß Harry, Steffi, Christian & Co. wie das “Silberne Geschlecht” aus Hesiods Erzählung von den “Menschenaltern” erscheinen müssen. Sie sind von ihren Vorgängern abgeartet und gleichen ihnen weder an Körpergestaltung noch an Gesinnung. Unvernünftige Handlungen stürzen diese neuen Menschen in Jammer, weil sie ihre Leidenschaften nicht mehr mäßigen und im Übermut gegeneinander freveln. Soweit die Außenwirkung. Innerhalb des zweiten Containerkosmos’ gibt es allerdings dieselbe Wahrnehmung. Und für die Bewohner entsteht dieses Jammertal nicht, weil sie sich von ihren Urbildern abgrenzen wollen, sondern im Gegenteil, weil jeder zu der neuen Verkörperung eines “Ballermann-Fraktion”-Mitglieds werden will.

Indem sie versuchen, sich einem Archetyp anzugleichen, differieren sie und nehmen sich die Möglichkeit, ein solcher zu werden. Das Bewußtsein davon, was man werden könnte, verhindert, daß man natürlich ist, daß das eigene Imago zu einem Naturphänomen wird. Das wird deutlich an den beiden Gründungsmythen dieser Generationen. In Big Brother I war es der Fernsehabend, den die “Ballermann-Fraktion” für sich selbst veranstaltete. Der Reflex auf die Situation des Beobachtetwerdens und zu Fernsehengemachtwerdens wurde zu einem Spiel für die Gruppe. Die Sichtbarmachung dessen, was sie darstellten, für sich selbst stiftete Identität und entließ die Gruppe in ihr Eigenleben. Gewissermaßen eine psychotherapeutische Befreiung vom Trauma durch dessen bewußte Durchlebung.

Ganz anders jetzt Big Brother II. Jeder redet davon, daß es ein Spiel ist, an dem sie teilnehmen. Der Spielcharakter ist also Prämisse und kann nicht mehr als Ausweichmöglichkeit genutzt werden. Und wie dieses vorausgesetzte Spiel aussieht, konnte man beim Bottich-Gespräch zwischen Harry und Karim erleben. Mit geradezu eiskalter Präzision machte Harry die Bewohner zu Schachfiguren, die entweder schieben oder geschoben werden können. Auffällig daran ist die Zweiteilung der Person in Handelnder und Beobachter. Während das Spiel im Container für die “Goldene Generation” zur Natur wurde, sind die Bewohner der “Silbernen Generation” Spieler und Figuren. Das Containergeschehen wird auf eine zweite Ebene herunterreflektiert, es gibt nicht nur das gelebte Leben zu beobachten, sondern auch die Planung des Lebens. Hatte der Fernsehabend von Big Brother I den Charakter eines Charade-Spiels ohne Sieger und Verlierer, so erinnerte das Bottichgespräch eher an die Paranoia der Scream-Reihe. Läßt man sich auf dieses Spiel mit den Ebenen ein, wird daraus großartiges Fernsehen.

Abschließend ein kleiner Blick auf die Zukunft. Im Anschluß an die “Goldene” und die “Silberne” Generation folgt nach Hesiod das “Eherne Geschlecht”. Eine grausame, gewälttätige und kriegerische Versammlung. Ihre Wehr war Erz, ihre Wohnung Erz, mit Erz bestellten sie das Feld. Sie waren Menschen von ungeheurem Gliederbau, die es verschmähten, von den Früchten des Feldes zu essen, und die sich vom Tierfleische nährten. Erwarten dürfen wir also einen Umbau des Containers in ein großes Fitneßstudio, die Nominierungen finden durch Ausscheidungskämpfe im Taek-won-do statt und die erste Amtshandlung der neuen Gruppe dürfte das Schlachten der Hühner sein. Wir sind gespannt.

Bildquellen

  • The sun always shines on tv: Mathias Mertens