Wieso wir viele Krisen haben – Aber keine Flüchtlingskrise

In einer Wirtschaftskrise ist es die Wirtschaft, die nicht in Ordnung ist, in einer Lebenskrise ist es das Leben. Momentan wird immer häufiger eine anderes Kompositum durch die Medien getrieben: Die Flüchtlingskrise. Mika Doe schreibt für Zebrabutter, wieso dieses Wort die eigentlichen Probleme verfehlt.

Deutsch ist eine schöne Sprache. Man kann zwei Nomen zusammensetzen und so in einem einzigen Wort spezifischer beschreiben, was man meint. Eine Krise zum Beispiel ist eine Zuspitzung oder eine Gefahrenlage; es bedeutet, etwas ist nicht in Ordnung. Fügen wir ein weiteres Hauptwort hinzu können wir genauer definieren, was da eigentlich nicht in Ordnung ist. In einer Wirtschaftskrise ist es die Wirtschaft, in einer Lebenskrise ist es das Leben. Momentan wird immer häufiger eine anderes Kompositum durch die Medien getrieben: Die Flüchtlingskrise.

In diesem Fall führt die Zusammensetzung zweier Nomen jedoch nicht zu einer spezifischeren Beschreibung der Umstände, sondern zu einer Verschiebung der Tatsachen: Das Recht auf Asyl ist ein Grundrecht. Trotzdem hat sich eine Terminologie etabliert, die suggeriert, etwas sei mit jenen nicht in Ordnung, die von diesem Recht Gebrauch machen. Mit den Menschen also, die vor Hunger, Verfolgung, Krieg und Armut fliehen, kurz: Als seien die Flüchtlinge das Problem. Das ist verfehlt, denn wenn, sagen wir, ein Zug ausfällt, weil das Schienennetz nicht gewartet wurde, so hat die Deutsche Bahn keine Fahrgastkrise. Das würde nämlich bedeuten, dass es die Schuld der Fahrgäste ist, dass sie Fahrgäste sind. Es wäre ein klassisches Beispiel für den schönen englischen Ausdruck to add insult to injury. Nicht nur fährt die Bahn nicht – Du bist auch daran schuld, weil du mit ihr fahren willst.

Der Ausdruck „Flüchtlingskrise“ ist symptomatisch für eine Fokusverschiebung in der öffentlichen Debatte. Zwar wird zunehmend differenziert über die Probleme berichtet, die Menschen auf ihrer Flucht zu überwinden haben, es schließt jedoch nicht zwangsläufig eine Berichterstattung aus, die explizit oder implizit die Hilfesuchenden selbst problematisiert.

Vielleicht haben wir also eine Begriffskrise. Die Rede ist von „Flüchtlingswellen“, als handele es sich um eine gesichtslose Masse; um eine Welle, die an unsere Festungsmauern prallt. Eine Masse, die mit ihrer Hoffnung auf ein besseres Leben unser Ideal von Europa bedroht. Wir halten an dem Ideal fest und möchten nicht noch einmal so hässlich sein, wie in Rostock-Lichtenhagen. Es war schlimm. Eine Schande. Deutschland pisst sich in die Jogginghose und die Welt schaut zu… Das Boot ist aber trotzdem voll. Die CDU Sachsen faselt ungestraft was von der Einschränkung des Schengen-Abkommens; mehr Kontrolle an den Außengrenzen soll es geben; „Flüchtlingsströme“ müssen „eingedämmt“ werden. Und ganz Deutschland scheint plötzlich voll zu sein mit „Asylschmarotzern“, die unsere schöne Nation melken wollen. Genau solche Begrifflichkeiten aber sind verbale Brandsätze. Über 200 Übergriffe auf AsylbewerberInnen hat es in diesem Jahr bereits gegeben und noch immer lesen wir in diesem Zusammenhang kaum das Wort, das das Kind beim Namen nennt: Terrorismus.

Vielleicht haben wir auch eine Erinnerungskrise. Jedes Kind in Deutschland kriegt eingebläut, dass es sich erinnern müsse, damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Rostock-Lichtenhagen wiederholt sich über 20 Jahre später immer noch – weniger extrem im Einzelfall, doch überraschend ähnlich, überraschend häufig und lässt die aufmerksame Zeitzeugin verwundert zurück. Könnte es vielleicht sein, dass Erinnerungskultur alleine nicht ausreicht?

Wenn Erinnerungskultur keine Folgen mehr für die Gegenwart hat, wird sie leer, unnachvollziehbar für eine neue Generation, die nicht am eigenen Leib erleben musste, an was sich da erinnert wird. Erinnerung läuft Gefahr hohl zu werden, wenn aus ihr nichts mehr folgt, außer Betroffenheit, denn Betroffenheit allein trägt nicht weit. Im schlimmsten Fall wird sie aber zu einem Ablassbrief. Eine Gewissensberuhigung, wenn mal wieder ein Jugendzentrum in der ostdeutschen Provinz schließen muss und außer der NPD keiner da ist, um den Maibaum aufzustellen. Im schlimmsten Fall brennt irgendwo wieder ein Asylantenheim, während sich Menschen in Anzügen bei Festakten erinnern.

Wir haben eine Infrastrukturkrise. Die Ämter sind überlastet. Wie in Berlin wo in der zentralen Meldestelle, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales, auf über 1000 Flüchtlinge lediglich 80 MitarbeiterInnen kommen.  Die Versorgung mit notdürftiger Verpflegung  wird weitgehend auf den Schultern der zivilen Bevölkerung getragen und Menschen müssen massenhaft draußen übernachten, manchmal tagelang, bis endlich ihre Nummer aufgerufen wird. Bilder von Zeltstädten und notdürftigen Unterkünften sind im Sommer 2015 keine Mangelware. Obdachlose Flüchtlinge gibt viele –  auch ohne dass Nazis Brandsätze zünden.

Wir haben eine Kommunikationskrise, wenn Statistiken nicht für einen langen Zeitraum gedeutet werden, sondern kurzfristige Ausschläge als Zeichen gelesen werden, dass „immer mehr kommen“. Geschuldet seien solche kurzfristigen Anstiege meist bewaffneten Konflikten, schreiben Benedikt Peters und Thomas Gröbner in ihrem Artikel von 2013. Der damalige Anstieg habe sich auf den syrischen Bürgerkrieg zurückführen lassen, schreiben sie.

„Betrachtet man die längerfristige Entwicklung der Asylbewerberzahlen, zeigt sich eine völlig andere Tendenz. Seit 1994, als etwa 352.000 Menschen Anträge stellten, ist ihre Zahl bis auf wenige Ausnahmen kontinuierlich zurückgegangen.“

2013 lag sie bei 77.651 Bewerbern – fünf Mal weniger als 1994. Hinzukomme die niedrige Erfolgsquote: 2011 seien nur 1,5 Prozent aller Antragssteller als Asylberechtigte anerkannt worden. 2015 liegen die Zahlen noch einmal deutlich höher und auch heute wird ein kurzfristiger Ausschlag in der Statistik häufig mit einem allgemeinen Trend oder gar einer Prognose verwechselt.

Wir haben eine Herz- und Verstandskrise.
Eine Verstandskrise, weil es scheint, eine klare Stellungnahme gegen Rassismus sei in diesem Land ein Anlass zur Diskussion. Wenn sich Farin Urlaub dagegen ausspricht, notleidenden Menschen ihren Wohnraum abzufackeln, dann sagt er damit nichts, was diskutiert werden müsste – oder auch nur könnte. Stattdessen wird er an seinem gesunden Menschenverstand durch die Zeitungen geschleift, als sei das Sommerloch hinter uns her.

Wir haben eine Herzkrise, weil die Bilder von Menschen, die dort ohne ausreichende Versorgung bei 34°C in der Sonne stehen, bei breiten Teilen der Bevölkerung mehr Angst als Mitgefühl wecken.
Wir haben viele Krisen, aber eine Flüchtlingskrise haben wir nicht.

Bildquellen

  • Refugee Rights Protest at Broadmeadows, Melbourne: https://www.flickr.com/photos/takver/5918017660