„Als Musik noch richtig groß war“ oder warum David Enthoven ein Held war [Deutsch / English]

Vor kurzem ist der Musikproduzent David Enthoven gestorben. Warum er und Menschen wie er dringend gebraucht werden, in einer Zeit in der Musik mehr Marketing als Kultur ist lest ihr hier.

Obwohl es mir eigentlich gut geht, bin ich in den letzten Tagen zweimal heulend zusammengebrochen.

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Das erste Mal war, nachdem ich wiederholt Searching for Sugar Man, den herzzerreißenden Film über den Musiker Sixto Rodriguez gesehen habe, der in Südafrika als Legende der Anti-Apartheids-Bewegung berühmter und beliebter ist als die Stones und selbst bis vor kurzem nicht mal etwas davon wusste. Er schlug sich Jahrzehnte lang in Detroit als Gelegenheitsarbeiter auf dem Bau durch und hat keinen Pfennig an seinem Ruhm verdient.
Das zweite Mal war, als ich erfuhr, dass David Enthoven, einer der Manager von Robbie Williams, gestorben ist. Am 11. August, dem Tag, als ich über das Schicksal von Sixto Rodriguez Rotz und Wasser geheult habe. David habe ich ein paar Mal getroffen und sehr gemocht. Sixto Rodriguez kenne ich nicht. Warum, habe ich mich gefragt, haben mich diese Lebensgeschichte und der Todesfall so im Mark erschüttert?

Ich glaube, weil beide Legenden der Musikgeschichte sind, wie es sie einfach nicht mehr gibt. Menschen, die eine so große Leidenschaft für Musik hatten, dass alles andere dagegen verblasste. Für die ein Song nicht nur ein weiterer Remix vom Remix des Remixes war, sondern für die Musik eine tiefe und wichtige Bedeutung hatte. Für die sie ein Lebensgefühl war, Lebensinhalt und nicht Begleitgedudel. Beide stehen für handgemachte, ehrliche Musik mit echten Lyrics, die eine wichtige Message hatten. Für Songs und Bands, die den Zeitgeist geprägt haben wie The Who mit „My Generation“. Für Sänger, die das, was uns alle bewegt in Worte übersetzt und in die Welt hinaus geschrien haben wie Johnny Rotten in Sex Pistols´ „Anarchy In The UK“.

Was so tieftraurig daran ist, ist, dass Musik heute so anders ist. Mit David Enthoven, der Bands wie T-Rex (denen er der Legende nach den Namen verpasste, da die Band Tyrannosaurus nicht schreiben konnte), Roxy Music, Emmerson, Lake and Palmer, Massive Attack und natürlich Robbie Williams managte, ist ein weiterer Vertreter dieser Generation abgetreten. Ich bin sicher, er ist längst dabei, da oben die Band der Bands zusammenzustellen aus David Bowie, Amy, Prince, Lemmy Kilmister, Kurt Cobain und Ian Curtis.
Ohne David hätten wir Hymnen wie Let Me Entertain You, Come Undone und Angels nicht, denn als Robert Peter Williams nach seinem Ausstieg bei Take That völlig am Rande seiner Kräfte, gezeichnet von Alkohol und Drogen, zu David Enthoven kam, hätte wohl kaum ein anderer noch einen Pfifferling auf den „fetten Tänzer“ (sorry Rob) gegeben. Aber Enthoven, der selber eine Alkohol- und Drogenhistorie hinter sich hatte, sah sofort den großen Star und brillianten Entertainer, der in Robbie steckte und tat von da an zusammen mit Tim Clark in deren Agentur IE Music alles, um diesen großen Künstler wieder aufzubauen.

Wer macht das heute noch? Wer hat die Geduld und überhaupt Interesse? In einer Welt, in der DJs Millionen machen und Castingshows in einer Vermarktungsmaschinerie ständig neue Pseudotalente auf den Markt werfen? In der Musik überall gratis abrufbar ist, gefühlt jede Sekunde ein neues Album auf den Markt geworfen wird.

Ich bin aufgewachsen in einer Zeit, da gab es noch Kassetten und LPs (Langspielplatten). Wir warteten gespannt auf die neue „BRAVO“ oder die nächste Folge von Formel 1 und saugten die News über unsere Lieblingsbands durstig auf. Wir fieberten dem Erscheinungstermin eines neuen Albums entgegen, waren glücklich, wenn wir es im Laden abholen konnten, Zuhause auspacken, das Cover anschauen und die Lyrics lesen konnten, bevor wir andächtig langsam die Nadel des Plattenspielers zum ersten Mal auf den Rand der schwarzen Scheibe sinken ließen.

Robert Smith von The Cure brachte uns bei, dass es eigentlich scheiße ist, als Band erfolgreich zu sein, weil man dann ja im Radio gespielt werde und damit automatisch Mainstream sei, was voll uncool war. Die Ramones spielten sich selber in einem Film mit ihrem Soundtrack (Rock’n’Roll Highschool 1979) und wurden darin von geschockten Lehrern gefragt, ob ihre Eltern eigentlich wüssten, dass sie die Ramones sind. Und wir nahmen Songs aus dem Radio auf Kassette auf und beschrifteten jedes Tape liebevoll und hörten es auf dem Walkman. Du warst entweder Popper (langer Pony und Pulli um die Schultern) oder Punk (selbsterklärend), oder Wave (Haare schwarz und hochtoupiert, spitze Schuhe, heute Emo-Style) oder Psycho (Englisch ausgesprochen, steif nach vorne geföhnter Pony, sogenanntes Flat / Jeans) oder Skin Head (die leider zum Teil auch Neo-Nazis waren).

Und dazu gehörte die passende Musik. Die Charts hörten nur Popper, die Punks Punk (ganz vorne die Sex Pistols , The Clash und The Dead Kennedys) und Independent, die Waves hörten wie der Name schon sagt New Wave. Dazu gehörten beispielsweise The Cure, Sisters of Mercy, The Jesus and Mary Chain, Depeche Mode und Alien Sex Fiend (die echt abgefahrene Songs wie New Christian Music, I’m Doing Time In a Maximum Security Home und E.S.T. (Trip To The Moon) rausgehauen haben).
Die Psychos hörten The Cramps, The Meteors und Ska, die Skins Böhse Onkelz (Das Tier in mir). Musik war ein Way of Life, Du hast Dich ausgedrückt und definiert über die Band die Du hörtest. Das war, wie Olli Schulz so schön singt, „als Musik noch richtig groß war“ (falls Ihr Euch fragt: ja, natürlich habe ich auch geweint, als ich diesen Song zum ersten Mal gehört habe).

Mir fehlt das einfach, und ich sehe sie nicht: die, die heute die Helden sind, die wir bräuchten, damit die richtig gute Musik nicht untergeht. Ich jedenfalls möchte gerne nochmal Songs zum ersten Mal hören, die einen beim ersten Hören auf Anhieb so flashen wie mich damals in den 80ern Passover von Joy Division.

Als hätte einem jemand ins Herz gegriffen, es zerschmettert und auf Vinyl geschmiert.

Darum ist David Enthoven für mich ein Held. Genauso wie sein Partner Tim Clark – Gott sei Dank hat die Musikwelt Tim noch. Menschen wie ihnen verdanken wir gute Musik.
Aber wo sind die neuen Helden? Wer kommt nach? Verdammt, meldet Euch!

„This is the crisis I knew had to come,
Destroying the balance I’d kept,
Turning around to the next set of lives,
Wondering what will come next.“

Joy Divison, Passover

“When music still was really big” or why David Enthoven is a hero

Although I’m actually feeling pretty good I burst into tears two times during the last days.

The first time I cried was after I had been watching the heartbraking film Searching for Sugar Man. It tells the story of musician Sixto Rodriguez who has been a legend to South Africas Anti-Apartheid movement. He was more popular there than the Stones, but didn’t know it until recently. He had been doing hard work in construction companies in Detroit and despite his fame he didn’t get a penny for his music. The second time I cried was when I read that Robbie Wiliams’ manager David Enthoven had died on August, 11. – the day I watched Searching For Sugar Man. I met David a few times and I really liked him, but I never met Sixto Rodriguez, so why did this story and the death of David touch and move me this deeply?

Maybe it is because both Sixto and David are legends of music history you simply can’t find anymore these days. People, whose passion for music was that huge that everything else faded in comparison. People, for whom a song was not only the remix of a remix of the remix , but for whom music had a deep and important meaning, for whom it was part of their lifes and not just something playing. They both stand for handmade, honest music with real lyrics, which come with a message. For songs and bands that shaped the Zeitgeist like The Who with “My Generation”. For singers who translated what moved people and who screamed it out loud to the world like Johnny Rotten in Sex Pistols’ “Anarchy In The UK”.

What’s so sad about it is, that music seems so different nowadays. With David Enthoven, who managed bands such as T-Rex (whom, as the legend says, invented the name because the band couldn’t spell Tyrannosaurus), Roxy Music, Emmerson, Lake and Palmer, Massive Attack and Robbie Williams, a further member of this generation of music legends passed away. I’m sure he’s already busy putting the band of the bands together up there in heaven with David Bowie, Amy Winehouse, Prince, Lemmy Kilmister, Kurt Cobain and Ian Curtis. If it wasn’t for David, hits like Let Me Entertain You, Come Undone and Angels would probably never have been written. When Robert Peter Williams came to see David after he had left Take That, nobody else would have given a shit for this young guy, wasted by alcohol and drugs, being denigrated as “the fat dancer” (sorry, Rob). But Enthoven, who had a history of alcohol and drug abuse himself, immediately saw the huge star and brilliant entertainer in Robbie. Teamed up with Tim Clark in IE Music they did everything to built up this amazing artist to what he is today, one of the most successful and powerful stars of our century.

Who would still do that today? Who would have both the patience and the interest? In a world where DJs make millions and Castingshows constantly throw new pseudo talents into the market like a marketing machine gun? Where music is retrievable for free at any time on any place, where every second a new album seems to be released?

I grew up in Germany in a time, when we still had tapes and vinyls. We waited unpatiently for the next issue of german music magazin “BRAVO” to be published and for the next episode of one of the rare music tv shows, Formel Eins. We didn’t have Google, so we soaked up the news about our favourite bands.

We’ve been looking forward to the release of a new album for months, and we were the happiest persons when we could actually pick them up at the store, unpack them at home, look at the cover and read all the lyrics before we gently let the record players needle sink to the edge of this piece of vinyl for the first time.

Robert Smith of The Cure taught us that it was actually shit to be successful as a band, because you would then be played on the radio and thus automatically be mainstream, which would be completely uncool.
The Ramones played themselfes in a movie with a soundtrack they did (Rock’n’Roll High School, 1979) and were asked by shocked teachers, whether their parents actually knew that they were the Ramones.
And we copied songs from the radio onto cassette and labeled each tape with love and then listened to it on the Walkman. You were either Popper (long bangs and a sweater around the shoulders) or Punk (self-explanatory), or Wave (hair black and teased, pointed shoes, today this would be similar to the Emo Style) or Psycho (stiff Pony, called Flat / Jeans) or Skin Head (most of them were Neo-Nazis nobody needed).

Only the Poppers listened to the charts, the punks listened to Punk of course (Sex Pistols, The Clash , The Dead Kennedys etc) and Independent and the Waves, as the name suggests, where fans of New Wave music. This included for instance The Cure, Sisters of Mercy, The Jesus and Mary Chain and Alien Sex Fiend (who really came up with some great songs like e.g. New Christian Music, I’m Doing Time In A Maximum Security Home and E.S.T. (Trip To The Moon).
The Psychos liked The Cramps, The Meteors and Ska like Madness and the Skins listened to german bands like Böhse Onkelz (Das Tier im mir). Music was a way of life, you expressed yourself and defined your lifestyle by the music you loved. That was when, as german singer Olli Schulz put it, “the music still was really big” (In case you ask yourself: yes, of course I also cried when I heard this song for the first time).

I would love to listen to a song for the first time again and be flashed by it like I was when I first heard Passover by Joy Division.
It was as if someone had ripped off your heart, smashed it and smeared on vinyl.

That’s why David Enthoven is a hero to me. Just as his partner Tim Clark – thankfully, the music world still has Tim. We wouldn’t have any good music without people like them.

But where are the new heroes? Damn, where are you? Please get in touch.

“This is the crisis I knew had to come,
Destroying the balance I’d kept,
Turning around to the next set of lives,
Wondering what will come next.”

Joy Divison, Passover

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