Burn, Wagner, Burn! – Über Stefanie Sargnagels Bayreuth-Bericht

Der Schaukampf Wagner vs. Sargnagel versprach der ZEIT-Redaktion eine provokante Konfrontation. Die Leser und Leserinnen, die sich über Stefanie Sargnagels Beitrag Überall spritzt Fett aufregen, verkennen die literarische Dimension der Satire.

Seit mehreren Tagen hält im Feuilleton der ZEIT die Diskussion um Stefanie Sargnagels Beitrag zu den diesjährigen Bayreuther Wagner Festspielen an. Anscheinend steht die Wiener Autorin dem toten Opernfürst in puncto Polarisierung und Paukenschlag in nichts nach. Richard Wagners Pathos – über den Woody Allen bekanntlich meinte: „I can’t listen to that much Wagner. I start getting the urge to conquer Poland“ – sein Mystizismus und seine Sakralisierung der Politik könnten in keiner größeren Distanz zu Sargnagels betonter Flapsigkeit stehen. In medias res betont Sargnagels Reisebericht diesen Konflikt zwischen wagnerischer Weltgeltung und ihrer grotesken Verstellung durch die absurde Komposition von Antithesen: „Bayreuth, endlich erreiche ich den Ort meiner Sehnsucht. Von nichts habe ich so lange geträumt wie davon, diesen altehrwürdigen Boden unter meinen Flipflops brennen zu spüren wie glühende Kohlen, mich der Geniewelt Wagners hinzugeben und in die sakralen Sphären germanischer Mythen einzutauchen wie ein Frosch.“

Wo Wagner für die einen die höchsten Kategorien des Mensch-Seins in künstlerischer Meisterschaft zur Diskussion stellt, ist Stefanie Sargnagel für andere der manifeste Ausdruck einer kulturlosen Verrohung, schnodderig im Tonfall und obszön in der Penetranz sexueller Gesten. Folglich konnte der Schaukampf Wagner vs. Sargnagel der ZEIT-Redaktion nichts anderes als größtmögliche Resonanz versprechen. Liegt es nicht also auf der Hand, dass all jene, die jetzt empörte Leserbriefe an die ZEIT schreiben und ihre zumeist langjährigen Abonnements kündigen der performativen Provokation des recht simpel konstruierten Bayreuth-Berichts auf den Leim gegangen sind?

Seit einigen Tagen postet Sargnagel Leserbriefe auf ihrer Facebook-Seite

Die Leserbriefe werden der Autorin von der Zeitung weitergeleitet, Sargnagel veröffentlicht sie auf ihrer Facebook-Seite. Ein Leser bezeichnet ihren Bericht als „absoluten Tiefpunkt an Niveau- und Geschmacklosigkeit“. Eine andere Leserin erklärt, dass sie den Artikel „unterirdisch schlecht und niveaulos“ findet. Weiter schreibt sie: „Ich bin seit über 40 Jahren Abonnentin der Zeit, aber ich kann mich nicht erinnern, daß [sic] ich jemals einen derart schlechten Artikel gelesen habe.“ Die schockierten Leser ähneln sich in ihrer Entrüstung über die mangelnde Objektivität und die von der Autorin demonstrativ zur Schau gestellte Obszönität.

Wer Sargnagels Bayreuth-Bericht gelesen hat, wird keineswegs abstreiten können, dass die junge Autorin über die historische Person Wagners, die Musik des Rings oder die diesjährigen Inszenierungen wenig – ja rein gar nichts – zu sagen hat. Stattdessen wuchert in ihrem Text die Übertreibung, sodass sich beim längeren Nachdenken der Eindruck einstellt, dass die Wucht der wagnerischen Götterdämmerung im Feuilleton der ZEIT anhand sprachlicher Verfahren nachgezeichnet wird: „Die Monotonie der letzten Tage ist erdrückend. Frühstück, Braten, Spaziergang, Brötchen, Oper, Cocktail. Frühstück, Braten, Spaziergang, Brötchen, Oper, Cocktail. Die Bayreuth-Depression.“

Sargnagels Bericht strotzt vor Hyperbeln, sodass es auch kaum verwundert, dass einige Kritiker ihrer Reisedokumentation an diesen, über das billige Maß hinausgehenden Stilfiguren Anstoß nehmen. Egal welchen Absatz des Artikels man liest, sie strotzen vor Übertreibung und Fabulierfreude: „Vor drei Jahren noch abgeranzte Punklokale, miese Gagen und billiger Wein, heute Bachmannpreis, ausverkaufte Hallen und Großbürgertum. Die Jahre der Lust sind vorbei, es beginnen die Jahre der Macht.“ In die Namen der Helden und Heldinnen des Rings mischt Sargnagel Figuren aus dem Kinofilm Herr der Ringe: „Der gesamte Ring der Nibelungen. Wotan, Brünnhilde, Siegfried, Gandalf, Frodo, Hagen – allein die Lautmalerei der Namen jagt mit einen Schauer über den Rücken, mein Anus fröstelt.“ Am Frühstücksbuffet ‘gönnt’ sich ihr Begleiter Martin Witzmann sieben Croissants mit Marmelade. Um elf gibt es Schweinsbraten. Später literweise Sekt, sodass man torkelnd den Hügel zum Festspielhaus besteigt. Dieses übertriebene Sprechen ist eine Lieblingsfigur komischer Dichtung und sicher würden die Reaktionen mancher ZEIT Leser nicht so heftig ausfallen, wenn die literarische Fülle des Textes nicht mindestens so perfekt inszeniert wäre wie das Rheingold am Eröffnungsabend der Bayreuther Festspiele: „ Die Leute stopfen sich Bratwürste in die Backen, überall spritzt Fett, neben mir lutscht ein alter Mann an einem großen Schokoladenkeks, und ein anderer Mann im Anzug schlabbert an einem Mövenpick-Eis. […] Es ist romantisch. Dann aber zerreißt das immer lauter werdende Klappern der den Hügel erklimmenden Gehhilfen die Stille wie ein Gewitter. “

Sargnagel steigert jedes Bayreuth-Klischee ins Absurde

Wagner wird sich nie ganz von seiner Vereinnahmung durch die Ideologie des Nationalsozialismus erholen. Doch Sargnagel steigert jede Verbindung dieser unheilvollen Liaison zwischen Gesamtkunstwerk und Faschismus ins Extrem und berichtet von einer Begegnung der etwas anderen Art auf dem Damenklo des Festspielhaus. Spätestens an dieser Stelle präsentiert der nunmehr fiktive Reisebericht seine surrealistische Übertreibung wie ein aufgeplusterter Pfau sein Federkleid: „Ich gehe auf die Toilette. Vom Herren-WC winkt mir jemand, in der Hand ein Koksröhrchen. Ich schaue genauer. Diese Schuhe, der strenge Scheitel, die Kartoffelnase. Es ist der „Führer“! „Etwas Panzerschokolade?“, ruft er mir zu.“

Immer wieder berichtet Sargnagel von angeblichen Fressorgien, die den ansonsten recht ereignislosen Bayreuth-Aufenthalt strukturieren: „Im Hotel gibt es Frühstück bis 13 Uhr, um den Opernbesuchern einen möglichst komfortablen Aufenthalt zu ermöglichen. Wir begrüßen diesen Komfort. […] Ich esse Rührei und Speck, Lachs mit Obers, Pumpernickel. Martin isst sieben Croissants mit Marmelade. Ab zehn Uhr gibt es eine Auswahl an gutbürgerlicher deutscher Hausmannskost und ein Kuchenbuffet. Ich esse Knödelterrine, Sauerbraten und Blumenkohl, Martin wählt eine Torte.“

Ihren Klimax erreicht die provokante „Opernkritik“ in einem Sargnagels hyperbolisches Kreuzfeuer durchbrechenden Kommentar Martin Witzmanns: „Bayreuth macht paranoid. Während ich zwischen all den Journalisten sitze und auf die Bühne stiere, bemerke ich die Härte des Sitzes. Meine Gedanken schweifen ab, entwickeln sich zur Grübeleien, in welcher Loge hinter mir der sogenannte ‘Führer’ damals wohl gesessen hat, neben ihm Winfried, ihm zart die versteinerten Hoden kraulend.“

Sicher ist das obszön, aber in der ins Uferlose gesteigerten Übertreibung funktioniert der Klamauk ausgezeichnet: Sargnagel inszeniert Bayreuth als Karneval von Ausschweifungen, Völlerei und Nichtigkeiten. Jedes Klischee über Bayreuth steigert sie ins Absurde. Die NS-Verstrickungen des Wagner-Clans? Winfried krault Hitler den Hoden. Bayreuth ist voller alter Menschen? Sie werden im Krankenbett samt Infusion den Grünen Hügel heraufgeschoben. Und dies alles wäre auch sehr komisch, wenn ich mich nicht über die offenkundige Widersprüchlichkeit der Leserbriefe wundern würde. Beschweren sich hier nicht offenbar sehr kultivierte Menschen, die Sargnagels Schilderungen für „niveaulos“ erklären? Können die verstörten Leser und Leserinnen, die ihre Bildung für so umfassend halten, dass sie eine ZEIT, die solche obszönen Artikel druckt, nicht mehr abonnieren wollen, können diese Bildungsbürger denn nicht eine musterhafte Satire identifizieren?

In Bayreuth zelebriert Sargnagel eine hemmungslose Verweigerung

Immer wieder nimmt Sargnagel in aller Öffentlichkeit Stellung zu politischen Themen. Sie positioniert sich feministisch, anti-faschistisch und postet auf Facebook, wie sich die Farbe ihres Stuhlgangs nach dem Besuch eines anarchistischen Sommerlagers verändert. Sargnagel versteckt sich nicht und setzt sich Kritik von vielen Seiten aus. Es ist zu vermuten, dass ihr als Frau mehr Häme, Spott und Ablehnung entgegengebracht wird, als einem Mann, der vergleichbares über Bayreuth schreiben würde. Weder ihr Begleiter Martin Witzmann noch Sargnagel entsprechen gängigen Rollenbildern. Während Witzmann Randfigur bleibt und wenige Zeilen am Ende des Artikels füllt, steht Sargnagel im Vordergrund. Sie gibt in der Beziehung den Ton an, während ihr männlicher Begleiter das zur permanenten Verfügung stehende Lustobjekt ist. Als ein japanisches Ehepaar im Aufzug bemerkt, wie sie ihrem Begleiter die Hoden krault, erwidert sie so forsch wie bestimmt: „German tradition.“

Wer sich über Sargnagels Provokation aufregt, verkennt den Ort ihrer Veröffentlichung. Die ZEIT entsendet jedes Jahr einen unbedarften Beobachter zu den Wagner-Festspielen. 2013 etwa berichtete die junge Schriftstellerin Helene Hegemann aus Bayreuth und konstatiert: „Das alles ist zu krass, wirklich.“ Für sie stellen die Wagner-Festspiele „eine zutiefst widersprüchliche Farce“ dar, „kein Mensch weiß, was er hier tut.“ Obwohl sich Sargnagel in manchen Augenblicken in Bayreuth langweilt, scheint sie ziemlich genau zu wissen, was sie in Bayreuth mit ihrer Zeit anfangen kann.

Stefanie Sargnagel versucht erst gar nicht in der großen Selbstdarstellung mitzuspielen

Anstelle sich einzufügen oder unterzuordnen, steigert die Autorin ihre exzessiven Bayreuth-Saga in die Provokation einer hemmungslosen Verweigerung. Sie ist unangepasst und weigert sich, den Anforderungen ihres journalistischen Auftraggebers, dem Feuilleton der ZEIT, aber auch den Erwartungen der Leserschaft zu entsprechen. Kein Wort über die Oper, keine Silbe über die Musik, kein Sterbenswörtchen über die Inszenierung. Hier stemmt sich jemand gegen das Flaggschiff des deutschsprachigen Bildungsbürgertums, die nichts zu verlieren hat und jedes Schamgefühl in den Schaumperlen des am Frühstücksbuffet ausgeteilten Sekts ertränkt.

Auf Facebook reagiert Sargnagel auf die allmählich eintrudelnden Leserbriefe wiederum in einem beispielhaften Understatement: „hätt ich gewusst dass die menschen so einfach zu provozieren sind hätte ich was viel ärgeres geschrieben.“ Zuvor hatte sie bereits in einem Post den Standpunkt markiert, von dem aus sie ihre Bayreuth Berichterstattung aufnahm: Sie bezeichnet ihre Sicht auf Bayreuth als „dreckige, schmuddelige, belanglose, buffetgeile working class sicht“ und wundert sich über „diese armen alten spießer“, die sich „wegen einem tagebuch über das frühstücksbuffet in bayreuth“ echauffieren.

In ihrem fiktiven Reisebericht liefert Sargnagel keinen ernstzunehmenden Beitrag über die Bayreuther Festspiele. Nicht nur die Bratwürste in Oberfranken, auch ihre Übertreibungen spritzten vor Fett. Wer ihren Bericht für bare Münze nimmt (und diesen Schluss lassen die zahlreichen Abo-Kündigungen von verärgerten, aufgeregten oder ob der mangelnden objektiven Qualität des Beitrags verärgerten Ex-ZEIT-Abonnenten zu), fällt auf die ironischen Textstrategien des Artikels herein. Ernstzunehmen sind aber die Reaktionen, die Sargnagels Satire provoziert.

„Luxus für Alle“ statt elitäres Gesamtkunstwerk

Warum sollte Sargnagel aber auch dem Pathos der Bayreuther Festspiele erliegen oder sich auf etwas einlassen, zu dem sie offenkundig keine intrinsische Beziehung unterhält? Sie ist keine Journalistin, keine Kritikerin und niemandem Rechenschaft schuldig. Sie selbst bezeichnet ihre Sicht als „belanglos“ und wundert sich über die Reaktionen, die ihre eigentümlich naive Sicht auf die Welt erst zur Geltung bringen. Die von der Autorin zur Schau gestellte Autonomie mag Leser und Leserinnen der letzten Ausgabe der ZEIT verstören. Welchen Grund aber könnte man haben, die lärmend-lüsternen Laien-Kritiker Sargnagel und Witzmann wieder einzuhegen? Möchte man wirklich auf ihre hyperbolische Trunkenheit reinfallen und die Polizei eines Bildungsbürgertums spielen, deren elitäre Selbstgenügsamkeit sich an symbolischen Orten wie dem Grünen Hügel manifestiert?

Da gibt es offenbar eine Stimme in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, die erst jüngst mit dem Publikumspreis des Ingeborg-Bachmannpreises ausgezeichnet wurde und die sich nicht in den Chor der fleißigen Arbeiter und Arbeiterinnen einer glitzernden, neoliberalen Warenwelt eingliedert. Stattdessen berauschen sich die Figuren des durch seine sprachliche Überfunktionalisierung literarischen Reiseberichts am Bayreuther Kuchenbuffet und randalieren im Heiligenschrein des Bildungsbürgertums. Ihre Haltung ist diejenige zweier Punks, die es sich einmal so richtig gut gehen lassen. Sie frönen der Parole „Luxus für Alle“ und stellen ihre hemmungslose „buffetgeilheit“ in einer „ZEIT-Abo-Kündigungs-Performance“ demonstrativ und schamlos zur Schau. Während Siegfried im gleichnamigen Stück das Schwert Notung schmiedet, verdichten Sargnagel und Witzmann in der Glut ihrer Sektlaune Anti-Thesen, Hyperbeln und groteske Stilelemente zu einer aberwitzigen Hypertrophie. Ihr Text ist literarisch und auf den Knalleffekt hin konstruiert. Aber nicht nur die komische, auch die pathetische Sprache bedient sich der Übertreibung. Beginnt nicht das Rheingold in „grünlicher Dämmerung“, einer von „wogendem Gewässer erfüllten Höhe“ bis die Rheintochter Woglinde „in anmutig schwimmender Bewegung“ in schäumenden Alliterationen zu singen beginnt: „Weia! Waga! / Woge, du Welle, / walle zur Wiege! / Wagala weia! / Wallala, weiala weia!“

Jede intellektuelle Anstrengung wäre anderenorts zielführender als in der Empörung über Stefanie Sargnagel. Indem Sargnagel durch ihren Text in das Mark der intellektuellen Wohlfühloase Bayreuth sticht, provoziert sie Reaktionen, die zwar zu erwarten gewesen wären, aber in ihrer im Namen der „Bildung“ und der „Kultur“ vorgetragenen Heftigkeit überraschen.

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