Chatroulette: Penisse sind erst der Anfang

Der Hype ist schon längst wieder vorbei. Trotzdem: Wer Chatroulette verstanden hat, hat das Internet verstanden. Ein explorativer Essay.

Auch, wenn der große Hype vorbei ist: Wer wissen will, wie das Internet funktioniert, der muss sich nur Chatroulette anschauen. Es bringt einem alles bei, was man übers Netz wissen muss. Für alle, die es interessiert: Ja, Chatroulette gibt es noch. Für alle, die es verpasst haben:   Das System „Chatroulette“ ist schnell erklärt: Man setzt sich vor die Webcam, und Chatroulette verbindet einen per Zufallsgenerator mit jemandem, der gerade genau dasselbe tut.

Das ist vergleichsweise oft ein Mann, der meint, ihm beim Masturbieren zuzusehen, sei genau das, worauf sein neuer, zufälliger Freund gerade noch gewartet hätte. Das ist der erste, der vodergründigste Nutzen des Next-Buttons, den der Chatroulette-Erfinder Andrej Ternowskij wohlweislich in seine Kreation eingebaut hat: Es ist ein Peniswegmachknopf. Ein Klick, und der Zufallsgenerator verbindet einen mit dem nächsten Partner.
Jeder Chatroulette-Nutzer ist anonym. Und wer anonym ist, hat mit niemandem Konsequenzen auszuhandeln hat als mit sich selbst. Also sind alle Regeln erstmal außer Kraft gesetzt. Sowohl diejenigen die Chatroulette vorgibt – „16+, clothes“ – als auch grundlegende Regeln des menschlichen Zusammenlebens wie „Du sollst Fremden nicht deinen erigierten Penis zeigen und sie dann noch fragen, ob sie dir ihre Brüste zeigen“ Oder umgekehrt, auch das soll es geben.

Der Notausstieg

Positiv formuliert heißt das: Bei Chatroulette ist jeder sich selbst überlassen. In diesem Sinn ist der Next-Button auch ein Notausstieg: Wenn meine Maßstäbe und die des Partners nicht zusammenpassen steige ich einfach aus. Oder, weniger dramatisch formuliert: Wenn der Partner, mir zu nackt, zu angezogen, zu dünn, zu dick, zu dumm, zu klug, zu laut usw. ist, wenn ich also, nach Hundersttelsekunden oberflächlicher Bewertung zu dem Schluss komme, dass wir nicht zusammenpassen, kann ich schnell und einfach verschwinden. Und muss keine Konsequenzen befürchten. Mein Gegenüber kann das genauso tun. Das ist die einzige Regel, die bei Chatroulette gilt: Wer nicht will, kann weiter. Immer, jederzeit. Der Nächste wartet schon. Viele Chatroulette-Nutzer gierendeshalb  nach Aufmerksamkeit. Denn vom Anderen – mag er fremd sein, wie er will – einfach missachtet zu werden, einfach kommentarlos weitergeklickt zu werden, ist nicht schön. Das wirft einen auf die Unzulänglichkeiten zurück, die man in den Augen des Anderen vielleicht haben könnte. Manche Nutzer inszenieren regelrechte Sekunden-Performances, um den Anderen sofort zu fesseln und bei der Stange zu halten: Es gibt für diesen Zweck alle erdenklichen Arten von Masken. Es gibt einen Nutzer – man stolpert hin und wieder mal über ihn oder seine Nachahmer – der in Sekunden eine Zeichnung seines Gegenüber anfertigt. Es gibt Musiker an buchstäblich jeder Art von Instrument, von Zeit zu Zeit sogar komplette Bands, die für den Anderen vor der Webcam agieren: Ein Wohnzimmerkonzert über den Atlantik hinweg. Der Next- Button generiert tausendfach kreative und ungewöhnliche Strategien, die nur dem einen Zweck dienen, den Anderen davon abzuhalten, ihn zu benutzen. Oder anders: Den Anderen davon abzuhalten, dem Nächsten den Vorzug zu geben.

Der heilige Gral des Netzes

Die Mechanismen der Selbstinszenierung gelten – abgeschwächt, weil Chatroulette das härtere System ist – auch bei Facebook: Man will eben nicht zu einem beliebigen Teil des Nachrichtenstreams seiner Freunde werden. Man will nicht irgendein beliebiger Fremder in einer Reihe von Fremden sein. Es ist die Suche nach zumindest einem, der den „Gefällt mir“- Button klickt, zumindest einem, der nicht den „Next“-Button klickt. Größer formuliert ist diese Selbstinszenierung auch ein Markt-Mechanismus: Das Netz ist eine endlose Überforderung von parallelen Streams, es gibt immer ein Nächstes. Und noch eines. Und noch eines. Die Kunst ist, den Anderen das Nächste vergessen zu lassen. Diesen Mechanismus zu finden, also den
Mechanismus, der den Anderen für eine Zeit lang innehalten lässt, ist der Heilige Gral des Internets. Gewonnen hat eigentlich schon, wer das nur für eine Minute schafft. Denn die Aufgabe ist ja nicht, dem endlosen Schwirren des Netzes seinen eigenen kleinen Flügelschlag hinzuzufügen. Das gilt für gestandene Nachrichtenredaktionen genauso wie es für Inhaber von Katzenblogs gilt. Gewonnen hat, wer den Anderen dazu bringt, sich eben nicht das Nächste anzuschauen, sondern diesen Artikel, diesen Post, diesen Teil des Streams. Das kann ökonomisch motivert sein, persönlich, oder auf hundert andere Arten: Wer Aufmerksamkeit will, braucht Strategien, sie zu generieren. Und je größer das Angebot ist, desto ausgefeilter müssen diese Strategien sein. Und am Ende steht dann eben Click-Bait.

Die Steinzeit des Internets

Wollte man es sehr weit fassen, ähneln die Strategien zur Bindung des Anderen an das eigene Produkt – Aufmerksamkeit erzeugen durch Ungewöhnliches, Sensationelles – bei Chatroulette zwar denen einer Nachrichtenredaktion, allerdings ist der Informationswert von Chatroulette sehr gering. Unterhaltungen, wenn sie denn zustande kommen, gehen über Smalltalk nicht hinaus. Und während Facebook vom User in Richtung eines Informationsmediums mit ein paar Freunden drin getunt werden kann, geht das bei Chatroulette nicht. Wollte man Traditionen suchen, könnte man sagen: Facebooks frühe Wurzeln liegen in den Newsgroups. Die waren hochspezialisierte Foren, primär zum Austausch von Informationen gedacht, in die sich auch immer wieder persönliches mischte. Die Wurzeln von Chatroulette wären eher in der Tradition der Chaträume zu suchen.

Ein kleiner Exkurs in die Steinzeit des Internets: Damals, als man sich noch mit Modems einwählte und ein ISDN-Anschluss das Nonplusultra war. Ein kleiner Exkurs in die Zeit, als noch nicht alle immer online waren. Es ist damals viel über das Spiel mit Identitäten gesprochen worden, das in der Anonymität des Netzes (sprich: AOL-Chaträumen) möglich wurde. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, wie groß dieser Befreiungsschlag der – zumindest theoretischen – Möglichkeit einer grenzenlosen Freiheit gewesen sein muss. Im Rückblick erscheint das geradezu als Besessenheit, eine Besessenheit davon, jeder zu sein, bloß nicht man selbst. Diese neu gewonnene Freiheit wurde dann in der Praxis sehr schnell – genau wie bei Chatroulette – von denjenigen gekapert, die auf der Suche nach einer schnellen Nummer waren. “Cybersex” war eines der Worte, die damals durch den Diskurs geisterten. Es wurde sogar ein Ganzkörperanzug entwickelt, in den an strategischen Stellen vibrierende Plättchen eingelassen waren, die der Andere dann fernsteuern konnten. Die meisten behalfen sich allerdings mit Text, und entwickelten die Kunst des einhändigen Tippens zu einer gewissen Perfektion. Der Traum von Sex über große Entfernungen hinweg lässt die Menschheit auch nicht los – neuestes Porno-Spielzeug ist die Oculus Rift [NSFW!].

Keine Anonymität

Die Anonymität und das Spiel mit Identitäten im Netz sind in letzter Zeit aus der Mode gekommen. Wer durch die Ruinen der einstmals blühenden Zivilisation von Second Life wandert, bekommt einen guten Eindruck davon. Das Bedürfnis, jemand anders zu sein, scheint erstmal vorbei zu sein. Auf keiner der Social-Networking-Seiten des Augenblicks wird mit Pseudonymen gearbeitet, im Gegenteil, der richtige Name ist ja gerade erforderlich, wenn man auffindbar sein will. Facebook ist das genaue Gegenteil von Anonymität: Man legt sich selbst dort möglichst genau an, man ist tausendfach gespeichert und verlinkt. Und die Anderen, diejenigen auf der Freundesliste, machen mit. Was eben genau der Grund ist, weshalb Facebook nicht von masturbierenden Armeen niedergerannt wird: Jeder ist mit seinem Klarnamen öffentlich dabei. Es herrscht zwar eine gewisse Privatheit, die auch hart an den Grenzen des Erträglichen vorbeischrammen kann. Das allerdings wird dadurch erträglich wird, dass der nächste Post eines anderen Freundes nie weit entfernt ist. Wollte man Chatroulette-Begriffe auf Facebook übertragen, könnte man sagen: Die Timeline bei Facebook – also die versammelten Beiträge aller Freunde – ist ein permanter, automatisch laufender Next-Knopf, dessen Taktung umso höher ist, je mehr Andere es gibt. Aber anonym ist auf Facebook niemand: Jeder kennt die Geschichte von dem, der seinen Chef anrief, und sagte, er sei krank, und danach die Fotos von der gestrigen Tour durch die Kneipen hochlud. Und dabei vergaß, dass sein Chef auch gleichzeitig einer der Anderen war, einer seiner Facebook-Freunde. Wegen des Spiels mit Anonymität ist Chatroulette in den Medien auch als das „Anti-Facebook“ bezeichnet worden. Das ist nicht weit genug gedacht. Natürlich, niemand gibt bei Chatroulette Informationen über sich Preis, jedenfalls nicht so, wie bei Facebook: Keiner der Partner kennt den Namen des Anderen, seinen Standort, seine Meinungen, was er mag und nicht mag. Es gibt nichts als das Kamerabild des Anderen. Privater als das allerdings kann man kaum noch werden. Denn diejenigen, die dem Anderen eine Sekundenperformance bieten, und diejenigen, die ihren Penis vorzeigen, das sind bei Chatroulette die Ausnahmen, das sind die Extreme. An denen kann man zwar gut erklären, zu welchen Höhen bzw. Tiefen diese Zufallskamerabekanntschaften animieren können.

Was passiert beim Aufeinandertreffen?

Meistens aber ist der Andere jemand, der, den Kopf geneigt hat oder ihn die Hände stützt und dabei gelangweilt in die Kamera schaut. Der an seinem Schreibtisch sitzt, oder in seinem Wohnzimmer, manchmal auch im Bett liegt. Der, mit anderen Worten, zuhause ist. Vereinfacht könnte man sagen: Die meisten Menschen sehen dem Anderen nicht gerne beim Masturbieren zu: Der Next-Knopf wird gedrückt. Die meisten Menschen schauen dem Anderen gerne dabei zu, wie er ein kleines, privates Schauspiel inszeniert: Der Next-Knopf wird nicht gedrückt. Auch davon gibt es natürlich Ausnahmen, aber die sind nicht das Interessanteste. Das Interessante ist die Frage: Was passiert, wenn zwei ganz normale Menschen aufeinandertreffen? Die Privatheit die sich bei Facebook einstellt, ist eher textbasiert, und das wiederum heißt, sie ist einerseits abstrakt, und andererseits kontrollierbar. Chatroulette erlaubt den unverstellten Blick ins Gesicht eines  Fremden, in seine Wohnung. Die Bewertungsmechanismen funktionieren genau wie bei jemandem, der sich ungefragt im Café mit an den Tisch setzt: In Sekundenschnelle knallen Menschen  aufeinander ein, wird der Andere aufgrund spärlichster Informationen in eine Schublade gesteckt. Einerseits sind die Informationen für eine solche Einordnung bei Chatroulette geringer: Der Andere ist nicht komplett da, nur ein kleiner, verzerrter Webcamschnipsel, nur ein Molekül des Anderen. Andererseits gewährt er auch Einblick in seinen Wohnraum, oft tatsächlich in einen so privaten Raum wie das Schlafzimmer. Letztendlich sind bei Chatroulette nur die Extreme anonym: Diejenigen, die sich inszenieren, sind in der Lage, sehr genau zu kontrollieren, was sie von sich Preis geben. Und das erschöpft sich eben in der nur selten persönlichen Inszenierung. Und diejenigen, die ihren Penis in die Kamera halten, geben nichts von sich Preis als ihren Penis. Nun sind Penisse zwar alles andere als austauschbar, aber sehr viel über die Persönlichkeit sagen sie auch nicht aus. Was für Brüste genauso gilt. Die Frage danach, wer der Andere eigentlich ist, bleibt auf jeden Fall unbeantwortet.

Diejenigen, die keine Extreme sind, beantworten die Frage danach, wer sie sind, aus allen Kanälen. Das Problem ist, dass sich Privatheit dabei schnell und sehr unmittelbar einstellt, Nähe aber nicht. Es ist, als wäre man bei einem völlig Fremden zu einem Gespräch eingeladen, während dieser gleichzeitig auch bei einem selbst eingeladen ist. Was wiederum bedeutet, dass beide sich bewegen wie ein einer fremden Wohnung: Vorsichtig, weil sie nicht wissen, was erlaubt ist und was nicht, was sie anfassen dürfen und was nicht. Vorsichtig aber auch, weil trotz der  hunderstelsekundenschnellen Bewertung der Andere doch noch einmal abgeschätzt wird. Wenn er nämlich die zweite Runde erreicht. Die erste Phase ist die der oberflächlichen, intuitiven Bewertung, in der schnell und effektiv ausgesiebt wird. Die Hand klebt noch an der Maus und der Mausszeiger ist auf dem Next-Knopf. Ein Gespräch kann es erst danach geben: Wenn die zwei Phasen des Beschnüffelns kein Ausschlusskriterium ergeben, wenn die Hand vom Next-Knopf zur Tastatur wandert.

Der Raum wird abgeschafft

Auf jeder anderen Kommunikationsplattform, die es jemals im Internet gab und gibt, kommt man leichter mit Fremden ins Gespräch. Das ist vor allem eine Frage des Raumes, in dem man sich begegnet: Ein ganz normaler Chatraum ist wie eine weiße Wand im öffentlichen Raum, die kollektiv beschrieben wird, und damit in Besitz genommen. Als würde ein Grafitti-Künstler seinen Namen auf eine Wand setzen. Es geht einmal darum, ein Lebenszeichen von sich geben, sich seiner eigenen Existenz zu versichern, wie auch immer man in dem Augenblick heißen mag. Andererseits wird die Wand aus dem Besitz der Öffentlichkeit in einen persönlichen Besitz zu überführt: Ein Raum wird erobert. Second Life funktionierte ähnlich, nur, dass der Raum nicht nur erobert werden konnte: Er konnte dauerhaft verändert und eingerichtet werden. Genau dasselbe ist es bei Facebook, nur eben nicht anonym: Hier wohnen keinen Avatare, sondern echte Menschen verlängern ihren Wohnraum ins Netz hinein, sie richten sich richtigehend ein: Sie tapezieren ihr Profil, sie hängen Fotos auf, sie bauen einen Plattenschrank. Das eigenartige, und einzigartige an Chatroulette ist, dass es nicht den Raum erweitert, dass es keinen Raum baut, der vom User zu kolonisieren wäre. Im Gegenteil: Chatroulette schafft diesen Raum konsequent ab: Bei Chatroulette wird nicht das Netz bewohnt, sondern der Wohnraum dahinter, und Chatroulette verbindet nur.

Nun ist das Netz ja von jeher ein Medium des Nebensächlichen gewesen, ein Medium unter der  Herrschaft des Nächsten, das immer schon da ist. Als schnelllebigstes Medium kann es nicht anders. Das geht sogar soweit, dass das Unwichtige mit dem Wichtigen Tür an Tür wohnt, so dicht, dass es keine Unterschiede gibt: Das Medium verwandelt seinen Inhalt, nicht der Inhalt das Medium. Im Netz wird alles zur Randnotiz. Wenn nun über die Belanglosigkeit beispielsweise von Twitter-Posts oder Facebook-Statussen gemäkelt wird, vergessen die Mäkler gern, dass genau das ein Symptom des Mediums ist. Genausogut könnte man man kritisieren, dass es im Radio keine Bilder gibt. Über Belanglosigkeit einzelner Posts im Netz zu mäkeln, ist auch und vor allem sinnlos, weil es den ganzen Rest ausblendet: Dass das Internet ein Medium des Nebensächlichen ist, hat auch und vor allem damit zu tun, dass es ein Archivierungsmedium ist. Es geht nicht um den einzelnen Post, es geht um das riesige Projekt alles, aber auch wirklich alles zu archivieren, diesen unendlichen leeren Platz, der zur Verfügung steht, mit Information anzufüllen.

Keine Geschichte, kein Zurück

Der Next-Button bei Chatroulette ist eines nicht: Ein Back-Button. Selbst die frühesten Chaträume, selbst die ältesten Newsgroups haben eine Vergangenheit, wenigstens insofern, dass beim aktuellen Chat immer zu dessen Anfang zurückgescrollt werden konnte. Chatroulette kennt kein zurück: Wenn der Andere weg ist, ist er weg. Es gibt keine Timeline wie bei Facebook, es gibt keine Chathistory, mit Hilfe derer man noch einmal an den Anfang zurückkehren könnte. Was in der Natur der Konstruktion von Chatroulette liegt: Es gibt ja keinen Raum, in dem irgendetwas archiviert werden könnte. Man muss das noch einmal betonen: Chatroulette eliminiert die Vergangenheit. Chatroulette hat keinen Raum, es verbindet nur Räume. Alle anderen Kommunikationsplattformen im Internet erweitern den verfügbaren Raum auf irgendeine Weise, und bieten irgendeine Art von Archiv. Chatroulette arbeitet einerseits dem Medium Internet zu, in dem es die Gegenwart und das Nächste zu den einzig gültigen Zeiten erklärt. Andererseits arbeitet es gegen das Medium, indem es die Vergangenheit leugnet, und keinen neuen Raum schafft, der zur gemeinsamen Kolonisierung freigegeben wäre. Im Gegenteil: Es verengt den verfügbaren Raum – für beide Beteiligten – auf einen kleinen, verpixelten Kameraauschnitt, der immer schon vom Anderen besetzt ist.

Nun ist der große Hype um Chatroulette schon längst wieder abgeklungen. Ob und wie dieser Hype begonnen hat, wie er verlaufen ist, diese Frage könne man beantworten, letztendlich ist das aber uninteressant. Die interessantere Frage ist dieselbe Frage, die Chatroulette so interessant macht: Was verbirgt sich hinter dem Next-Knopf? Wie geht es weiter? Natürlich lässt sich das nicht sagen, etwas anderes zu behaupten wäre nichts als die übliche prophetische Scharlatanerie selbsternannter Netzseher. Was sich allerdings sagen lässt, ist dass Chatroulette der vorläufige Höhepunkt einer schon jahrelang andauernden Verlagerung ist. Vor ein paar Jahren noch war das Internet hauptsächlich ein Archiv, einfach eine Ansammlung von Texten, Bildern und Videos, die auf unendlichem Raum verstaut wurden. Facebook, Twitter, und wie die ganzen Websites des Augenblicks heißen, haben damit begonnen, das Statische der Archivfunktion zugunsten dynamischer Timelines aufzulösen. Das wiederum ergab eine Verlagerung von der Vergangenheit hin zur Gegenwart und zur Zukunft. Sie haben auch damit begonnen, das Netz als einen Teil des Wohnraumes zu begreifen, der eingerichtet und gepflegt werden muss, und damit eine Verlagerung von der Neutralität eines reinen Archivs hin zur Privatisierung des Netzes angestoßen. Gleichzeitig wird der Raum, auf dem tatsächlich agiert werden kann, immer kleiner. Obwohl das Netz theoretisch unendlich Platz bietet, ist die Zeichenzahl beschränkt, wird der Abstand zwischen den Posts immer kürzer, verschwinden die Posts immer schneller im Orkus der Vergangenheiten, wird der Kampf um Aufmerksamkeit immer hysterischer und lauter. Chatroulette eliminiert die Vergangenheit restlos, schafft den Aktionsraum komplett ab bzw. verlagert ihn in den privaten Wohnraum hinein, und ist damit – vorläufig – die extremste Entwicklungsstufe eines jahrelangen Trends. Dass Chatroulette häufig abgetan wird als ein  Spielzeug, in dem viel zu oft Penisse auftauchen, ist schade. Denn Penisse sind erst der Anfang.

Bildquellen

  • penis: Jan Fischer