Jessica Jones: Die Superkräfte helfen nicht gegen den Dreck der Welt

Die Netflix-Serie Jessica Jones gibt einer Hardboiled-Detektivin Superkräfte – nur, damit sie stärker an der Welt verzweifeln kann. Wen soll man auch verprügeln, wenn der Verbrecher die Gesellschaft ist?

“Hammett gave murder back to the kind of people that commit it for reasons, not just to provide a corpse; and with the means at hand, not hand-wrought dueling pistols, curare and tropical fish.”

Raymond Chandler, The Simple Art of Murder

Die Bahn ruckelt. Sieh raus.

Es ist Nacht.

Die Neonlichter am Rand des Stadtzentrums. Aus. An. Rot. Grün. Gelb.

Die Lichterketten der Absturzkneipen.

Die Bahn ruckelt. Sieh raus.

Ein bisschen Musik? Jazz? Ja. Miles Davis, vielleicht, irgendeine einsame, traurige Trompete, die einsam unter dem Neonlicht ihre Blue Notes wimmert.

Der Dreck unter den Neonlichtern am Rand des Stadtzentrums. Aus. An. Rot. Grün. Gelb.

Die Eckensteherjungs.

Der Dreck.

Selbstverständlich hat hier jeder ein Geheimnis.

Du denkst, du könntest da mit Superkräften etwas daran ändern? Viel Glück.

Willkommen in Jessica Jones’ Welt.

Diese Welt, diese verdammte Welt, in der es kein Gut und Böse gibt, in der es nichts gibt als den eigenen Vorteil, Geheimnisse, in der jeder Dreck am Stecken hat, ist alt. 1930 veröffentlichte Dashiell Hammet The Maltese Falcon, den ersten Krimi, in dem der Ermittler genauso zwielichtig war wie der Verbrecher, und nur zufällig für die andere Seite arbeitete. In der die Verbrecher nicht nur, wie Raymond Chandler später schrieb,  “für eine Leiche sorgten”, an der ein exzentrischer Detektiv seine überragenden deduktiven Fähigkeiten demonstrieren konnte. Es ging auch nicht um das Verbrechen, nicht ums Whodunnit, sondern darum, warum dieses Verbrechen überhaupt begangen wurde: Weil die Dinge nun einmal beschissen sind. Weil die Welt beschissen ist. Weil die Menschen nun einmal leben wollen, aber die Gesellschaft ihnen keine Wahl lässt. Vielleicht klärt der Detektiv das Verbrechen auf, vielleicht nicht. Aber gegen die Welt, gegen die Beschissenheit der Dinge ist er machtlos.

Hammets Detektiv, Sam Spade, ist kein guter Mensch, noch nicht einmal rechtschaffen. Irgendwo in ihm drin steckt ein Moralkodex, tief verborgen. Raymond Chandlers Philip Marlowe hat einen – nur leicht verquer.

“He is a relatively poor man, or he would not be a detective at all. He is a common man or he could not go among common people. He has a sense of character, or he would not know his job. He will take no man’s money dishonestly and no man’s insolence without due and dispassionate revenge. He is a lonely man and his pride is that you will treat him as a proud man or be very sorry you ever saw him. He talks as the man of his age talks — that is, with rude wit, a lively sense of the grotesque, a disgust for sham, and a contempt for pettiness.

The story is the man’s adventure in search of a hidden truth, and it would be no adventure if it did not happen to a man fit for adventure. He has a range of awareness that startles you, but it belongs to him by right, because it belongs to the world he lives in. If there were enough like him, the world would be a very safe place to live in, without becoming too dull to be worth living in ”,

schrieb Chandler. Marlowe ist der einzige – seiner Ansicht nach – rechtschaffene Mensch unter dem dreckigen Neonlicht der Stadtrandbezirke. Und er ist nicht auf der Suche nach dem Mörder, er ist auf der Suche nach der Wahrheit, nach Erlösung. Er will die Welt zu einem besseren Ort machen – und scheitert immer wieder. Die Detektive dieser Hardboiled-Krimis sind auch ganz gerne mal Alkoholiker. Und so leicht und pulpig sich Hardboiled-Krimis auch lesen: Sie sind immer Gesellschaftskritik, sie richten ihren Blick immer auf unlösbare Missstände. Und sie wurden immer hoffnungsloser: Mickey Spillanes Detektiv Mike Hammer löste zwischen 1979 und 1996 Kriminalfälle in New York – und verließ sich, im Gegensatz zu Philip Marlowe, nicht einmal mehr auf die Polizei. In der zweiten Hardboiled-Generation versagen selbst die staatlichen Organe, Mike Hammers Hoffnungslosigkeit, an den Zuständen etwas zu ändern, ist so groß, dass er keine Wahl hat als sich aus seinem Alkoholrausch aufzuschwingen und mit seiner 45er Magnum Polizei, Richter und Henker gleichzeitig zu spielen. Was nicht immer spurlos an ihm vorüber geht.

“Fragile. Handle with care.”

Die Hardboiled-Krimis wurden später zu einer der Grundlagen des Film Noir, der immer gerne die Hoffnungslosigkeit aufzeigt und sich in den dunklen, blinden Flecken der Gesellschaft herumtreibt, sich im Verbrechen und dem Zwielicht suhlt, dabei aber, in der Tradition des Genres, auch gerne übertreibt.

Und genau das ist auch die Tradition, in der Netflix neue Superhelden-Serie Jessica Jones steht. Jessica Jones (gespielt von Krysten Ritter) ist Privatdetektivin, und alles, was Chandler über Marlowe schreibt, könnte genauso gut für sie gelten. Da ist der Schmerz einer dunklen Vergangenheit. Da ist ihr Bedürfnis, die Welt zu verbessern, die Dinge gerade zu rücken, die Menschen, die ihr nahe stehen zu beschützen. Und dafür greift sie gerne und problemlos zu Gewalt, schmeißt ihre Klienten durch Glasscheiben, hintergeht Menschen, tötet, wenn es sein muss. Gleichzeitig leidet sie: An sich selbst, an ihrem eigenen Moralkodex, an der Welt und der Tatsache, dass sie nicht die Macht hat, sie zu ändern. Die Scheibe zu ihrem Büro, diejenige, auf der der Name ihrer Detektei steht, zerbricht gleich in der ersten Szene. Sie ersetzt sie durch ein Stück Pappe, auf das “Fragile. Handle with care” gedruckt ist.

Jessica Jones ist, was Hardboiled-Detektive angeht, eine sehr klassische Figur. Selbstverständlich ist ihr Büro eine staubige Absteige ohne Tageslicht. Selbstverständlich trinkt sie. Viel. Selbstverständlich wacht sie jeden Morgen neben leeren Whiskyflaschen auf. Selbstverständlich vögelt sie rum. Selbstverständlich läuft sie nachts alleine unter dem Neonlicht der Stadt umher und führt Monologe zu schickem Cool Jazz. Selbstverständlich ist sie kein per se guter Mensch, keine Heldin. “The only thing you can charge me with is trying to make a living in this goddamn city”, sagt sie einmal.

Neu – für das Genre – ist, dass Jessica Jones nicht nur eine sehr klassische Hardboiled-Privatdetektivin ist, sondern auch Superkräfte hat. Nichts Großartiges, nur übermenschliche Kräfte, und sie kann sehr hoch springen. Und selbstverständlich, dass sie die erste weibliche Superheldin aus dem Marvel-Stall ist, die ihre eigene Serie / ihren eigenen Film bekommt. Schon bei Netflix letzter Marvel-Serie, Daredevil, zeichnete sich ab, dass Netflix nichts mit der hübschen glossy Avengers-Welt und ihren durchgestylten übergroßen Explosionsmaschinen von Helden zu tun haben will (über die Jessica Jones sich auch ständig lustig macht), sondern sich lieber in den dreckigeren, ambivalenteren Ecken des Superheldenmythos herumtreibt. Während aber Daredevil – trotz ständiger Gewissenskonflikte – ein im Prinzip sehr eindeutig guter Superheld ist, dessen Superheldenfähigkeit auch hauptsächlich darin besteht, immer wieder verprügelt zu werden und dann trotzdem nochmal aufzustehen, ist Jessica Jones schnell mit den Fäusten bei der Hand. Beide operieren hauptsächlich im New Yorker Stadtteil Hell’s Kitchen, aber wo Matt Murdock / Daredevil noch an das Gute glaubt und daran, dass die staatlichen Autoritäten etwas bewirken können, hat Jessica Jones solche Illusionen nicht mehr. Wo Matt Murdock Wert darauf legt, dass seine geheime Identität gewahrt bleibt, ist Jessica Jones das scheißegal. “Nobody would believe you anyway”, sagt sie zu einem, der damit droht, sie auffliegen zu lassen. Und dass Jessica Jones’ Gegner Kilgrave / Purple Man (gespielt von David “Tenth Doctor” Tennant) den Kingpin in die Tasche steckt, ist eh klar.

Auch Superkräfte helfen nichts

Als Heldin für die erste eigene Superheldinnenserie ist Jessica Jones eine großartige Wahl. Sie ist unflätig, gewalttätig, und generell sehr weit entfernt sowohl von einem klassischen Frauenbild wie auch von klassischen Superheldinnen in knappen Kostümen, die ihre Melonenbrüste gut zur Geltung bringen. Die Serie legt auch großen Wert darauf, sie weit davon abzurücken: Gleich in der ersten Folge sehen wir sie auf der Toilette telefonieren und besoffen einen Typen in einer Bar abschleppen. Aber auch als Hardboiled-Detektivin ist Jessica Jones eine spannende Figur, die auf ihre Vorgänger noch einmal die Superheldenfähigkeiten drauf setzt. Als Bösewicht ist Kilgrave – bzw. Purple Man – mit der Fähigkeit, Menschen seinen Willen aufzuzwingen, eine gute Wahl für die Staffel. Kilgrave ist besessen von Jessica Jones, er will sie quälen und sie besitzen. Jessica Jones’ Welt ist bestimmt von fremdgesteuerten Menschen, ihre Welt ist eine, in der jeder ihr potentiell Böses wollen könnte. Es geht um die Frage: Wer ist frei? Wer ist fremdbestimmt? Es geht um Macht, die über andere ausgeübt wird, aber eher auf psychologischer Ebene. Co-Abhängigkeit, vielleicht.

Es gibt immer wieder Gespräche über Rassismus, über die Frage, wie man sich anderen gegenüber verhalten sollte. Kilgrave schafft es, die Grundtriebe von Menschen außer Kraft zu setzen: Selbsterhaltung, den anerzogenen Zwang, sich nicht in die Hose zu machen. Wenn man es hoch hängen wollte, könnte man Kilgrave als Metapher lesen für aufgezwungene gesellschaftliche Normen, Bilder, Urteile und Vorurteile, die sich immer wieder in den Hinterkopf einschleichen und das Handeln bestimmen, ob man will oder nicht. Patriarchat, ein Stück weit, aber nicht nur, es ist größer als das, auch, wenn sie immer wieder als feministische Heldin gelesen worden ist. Jessica Jones ist eine Aktivistin, die sich nicht fremdbestimmen lassen will, die versucht, außerhalb dessen zu leben, aber genauso drinsteckt wie alle anderen, selbst ohne Kilgrave bleibt sie als selbstständige Privatdetektivin abhängig von einer großen Anwaltskanzlei, die ihr immer wieder Aufträge zuschanzt. Und deren Chefin einmal andeutet, dass ihre Arbeit leichter wäre, wenn sie mit Kilgrave zusammen arbeiten könnte. Jessica Jones Welt ist so verkommen, so dass ihr selbst die Superkräfte nicht viel bei ihrem Kampf für eine bessere Welt nützen, sie ihrer Erlösung kein Stück näher bringen. Selbst, wenn sie Kilgrave besiegen kann: Er formuliert nur aus, was sowieso schon da ist  – und wen kann man schon verprügeln, wenn das Verbrechen von der Gesellschaft begangen wird, die Menschen dazu zwingt, sich ständig selbst zu verleugnen? Wenn man selbst Opfer davon ist?

Und die Bahn ruckelt.

Sieh raus.

Sieh gut hin. Wer sieht, wird daran verzweifeln.

Diese verdammte, dreckige Welt.

Bildquellen