Simon Pegg, Autor und Schauspieler

Hollywood lässt unsere Gesellschaft verblöden sagt Simon Pegg… oder vielleicht doch nicht?

In einem kürzlich erschienenen Interview kritisierte Schauspieler Simon Pegg den scheinbaren Trend zur Verdummung Hollywoods. Was ist da dran?

Before Star Wars, the films that were box-office hits were The Godfather, Taxi Driver, Bonnie And Clyde and The French Connection – gritty, amoral art movies. Then suddenly the onus switched over to spectacle and everything changed … I don’t know if that is a good thing.

Sagte der Schauspieler und Berufsnerd Simon Pegg vor kurzem in einem Interview in der britischen Radio Times. Man muss dazu wissen, dass Pegg selbst nicht nur eine Ikone der (britischen) Nerdkultur ist, sondern diese selbst massiv zelebriert.

“Obviously,” he said, “I’m very much a self-confessed fan of science-fiction and genre cinema. But part of me looks at society as it is now and thinks we’ve been infantilised by our own taste. We’re essentially all consuming very childish things – comic books, superheroes… Adults are watching this stuff, and taking it seriously!

Seit dem durchschlagenden Erfolg seiner und Jessica Hynes’ Serie Spaced gehört Pegg zum anglophonen Nerd-Inventar. In Spaced gibt Pegg einen – wie passend – Nerd in seinen frühen 30ern der rumhängt, Comics liest und Filme schaut. Seine Rolle als Shaun in Shaun of the Dead machte ihn außerhalb Grossbritanniens populär, und spätestens mit seiner Verkörperung von Lt. Commander Montgomery „Scotty“ Scott in den neuen Star Trek-Filmen von J. J. Abrams ist Pegg auch international bekannt.

It is a kind of dumbing down, in a way, because it’s taking our focus away from real-world issues. Films used to be about challenging, emotional journeys or moral questions that might make you walk away and re-evaluate how you felt about … whatever.
Now we’re walking out of the cinema really not thinking about anything, other than the fact that the Hulk just had a fight with a robot.

Lässt uns das Hollywood-Kino also verblöden? Weil wir vielleicht nur noch den Hulk im Kopf haben? Vermutlich nicht. Das Argument ist so alt wie populäre Medien selbst. Schon im ausgehenden 18. Jahrhundert wurde das Lesen von Romanen zum kulturellen Streitpunkt, ja geradezu verdammt:

„Hochverrath an der Menschheit, weil man ein Mittel erniedrigt, das zur Erreichung höherer Zwecke bestimmt ist.“

Glücklichweise ist Pegg ein technisch begabter Nerd mit digitalem Rückkanal und führt seine Argumente auf seinem Blog nocheinmal genauer aus:

[…]the idea of our prolonged youth is something I’ve been interested in for a very long time. It’s essentially what Spaced was about, at least in part.
[…]
In the 18 years since we wrote Spaced, this extended adolescence has been cannily co-opted by market forces, who have identified this relatively new demographic as an incredibly lucrative wellspring of consumerist potential. Suddenly, here was an entire generation crying out for an evolved version of the things they were consuming as children. This demographic is now well and truly serviced in all facets of entertainment and the first and second childhoods have merged into a mainstream phenomenon.

Es einen Trend dazu, dass die Kinder der Baby Boomer Generation, also Menschen die in den 70er und 80er Jahren aufwuchsen, eine kulturelle Dominanz ausüben, indem sie die Blockbuster-Franchises ihrer Zeit am Leben erhalten. Die Ursache ist aber nicht, dass – wie Pegg postuliert – die Leute sich nur an infantilen filmischen Spektakeln ergötzen wollen. Die Wahrheit ist simpel: Erst mit Ankunft der Blockbuster in den 70er Jahren kam das Franchise in die Kinos. Das gilt am meisten für Star Wars aber auch für The Godfather. Der wiederum erhielt einen zweiten Teil, gerade weil der erste so kommerziell erfolgreich war. So will diese Generation nur, dass was ihr zusteht: Eine Weitererzählung der Mythen ihrer Kindheit und eine Gelegenheit diese Mythen mit ihren eigenen Kindern neu zu erfahren.

Auch schmeißt Pegg die New Hollywood-Ära durcheinander mit dem Gesamtwerk Hollywoods, denn all seine positiven Beispiele sind die Filme die die Bewegung des New Hollywood ausmachten. Die Arbeiten des New Hollywood wollten sich von der industrialisierten Spektakelfabrik des alten Hollywood-Studio-Systems abgrenzen, das vorher den US-amerikanischen Film beherrschte und solche Monster wie Ben Hur, King Kong oder Vom Winde verweht produzierte. Nachdem sich Hollywood dieser Gegenkultur angepasst hatte (so wie Gegenkultur immer vom kapitalistischen Mainstream integriert wird), begann eine Integration des Prinzips des New Hollywood in die Studios. Filmreihen wie Star Wars konnten nur auf diesem gemischten Boden gedeihen. Nicht, dass Hollywood davor oder danach mehr oder weniger sozialkritische Filme produzierte. Filme mit einem diskursiven Thema sind kein Phänomen einer bestimmten Zeit und genau das ist Peggs kurzsichtiger Irrtum.

Recent developments in popular culture were arguably predicted by the French philosopher and cultural theorist, Jean Baudrillard in his book, ‘America’, in which he talks about the infantilzation of society. Put simply, this is the idea that as a society, we are kept in a state of arrested development by dominant forces in order to keep us more pliant. […] It makes sense that when faced with the awfulness of the world, the harsh realities that surround us, our instinct is to seek comfort, and where else were the majority of us most comfortable than our youth?

Baudrillards kuriose Hassliebe mit den USA und seine Philosophie, die mancher auch als Science-Fiction deklariert hat, führt Pegg in eine Falle, denn er lässt sich auf ein gefährliches Spiel ein in dem er unterstellt es gäbe ein System, dass „uns“ dumm und infantil hält in dem was wir tun. Genau das ist ein klassisches, überhebliches und sehr schales Argument gegen populäre Kultur. Mit diesem unterstellten „Massenbetrug“ durch eine Kulturindustrie kam auch schon Adorno um die Ecke. Der Umgang mit populärer Kultur ist in jedem Fall ein aktiver, informierter, widerständiger und verarbeitender. Wer behauptet die Rezipienten populärer Kultur seien unmündig muss dies auch für sich selbst akzeptieren. Wer sich selbst für mündiger hält als alle von uns hat sich als ernstzunehmender Diskussionspartner disqualifiziert.

[…] There was probably more discussion on Twitter about the The Force Awakens and the Batman vs Superman trailers than there was about the Nepalese earthquake or the British general election.

Es ist schlicht einfacher sich zu einem zweiminütigen Trailer eine Meinung zu bilden, vorallem wenn das Handwerkszeug zur Meinungsbildung über jahrzehnte eingeübt werden konnte, als über komplexe politische oder soziale Ereignisse. Darum ist ein Tweet zum Star-Wars-Trailer schneller generiert als zur politischen Zukunft Großbritanniens oder den sozial-ökonomischen Folgen einer Naturkatastrophe. Ein Glück.

Aber vielleicht ist es doch nicht ganz so schlimm mit Simon Peggs Zustand, denn immerhin revidiert er seine Meinung zum „dumbing down“:

The ‘dumbing down’ comment came off as a huge generalisation by an A-grade asshorn. I did not mean that science fiction or fantasy are dumb, far from it. How could I say that? In the words of Han Solo, “Hey, it’s me!” In the last two weeks, I have seen two brilliant exponents of the genre. Ex Machina and Mad Max: Fury Road, both of which had my head spinning in different and wonderful ways […]
I guess what I meant was, the more spectacle becomes the driving creative priority, the less thoughtful or challenging the films can become.

Und im letzten Satz erkennt man vielleicht den Antrieb den Simon Pegg hatte, denn er schreibt gerade das Drehbuch des dritten Teils der neuen Star Trek-Reihe um. Man könnte meinen, dass die Hollywood-Studios ein wenig mit J.J. Abrahms geschimpft haben, denn immerhin haben Comic-Bombast-Filme wie The Avengers 2: Age of Ultron Milliardenumsätze gemacht, während die letzte Erzählung der größten und ältesten Film- und Fernsehfranchises der letzten 50 Jahre kaum ein Break-Even schafft. Und auf den ersten faulen Blick mag das am fehlenden Spektakel liegen, denn Star Trek – so die Produzenten – muss „less Star Trek-y“ werden und ein breiteres Publikum ansprechen. In Wirklichkeit liegt der mangelnde Erfolg nur an einer Sache: Star Trek ist nur was für Nerds.

via io9, Quelle: RadioTimes

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