Pegida Demo: Ein Kind, das sich vor dem Süßigkeitenregal auf den Boden wirft

Unser Autor war am vergangenen Montag in Dresden und hat sich Pegida und die Gegendemonstranten angeschaut. Er fand beide Seiten gruselig.

Wir sitzen in einer Dresdner Küche, Bier auf dem Tisch, Wein auf dem Tisch, ein voller Aschenbecher, und M. sagt: “Das ist wie im Theater. Um zu wissen, wie es war, müssen wir erstmal die Presseauswertung abwarten.”
Es ist kalt draußen, vielleicht die erste klirrende Nacht des Jahres, meine Beine schmerzen vom langsamen Laufen, vom stundenlangen Stehen, in meinen Ohren klingen immer noch die Pegida-Reden und die schrillen Antworten der Trillerpfeifen darauf nach.
Ich nehme einen Schluck des lokalen Dresdner Biers.
“Ich fand beide Seiten gruselig”, sage ich.

Zwei schreiende Massen

Ich bin ein unpolitischer Mensch. Nicht, weil mich die Tagespoltik nicht interessiert. Ich verfolge das alles sehr aufmerksam. Diese ganzen Dinge, die in meinem Stream landen, das eifrige Engagement meiner politischeren Freunde, die Nachrichten, die Analysestücke und Kommentare. Ich bin mir nur immer nicht sicher, ob das nicht alles unwichtig ist. Ob man nicht sagen muss: Was für einen Unterschied macht es, ob ich auf Straße gehe? Gehe ich auf die Straße, engagiere ich mich, weil ich der Meinung bin, dass es etwas bringt, oder tue ich das für mich und mein Gewissen? Poste ich, diskutiere ich, laufe ich um anderen zu zeigen, woran ich glaube? Oder tue ich das, um etwas zu ändern? Was unterscheidet die eine schreiende Menge von der anderen?

Alles unverständlich

Wir stehen mit Blick auf den Theaterplatz, mit Blick auf die Semperoper, und hören bruchstückhaft die Pegida-Reden. Zwischen uns und der Pegida-Demonstration ist nur eine dürre Reihe Polizisten. Es werden Böller geworfen, es wird gegeinander angeschrien. Unsere Seite: “Lügenlutz!”, “Halt die Schnauze!” oder eben einfach Trillerpfeifen. Was von der anderen Seite zurückkommt ist unverständlich, aber sicher auch nicht nett. Links ein Lautsprecher, über den etwas erzählt wird, auch unverständlich, rechts ein Lautsprecher, der immer überbrüllt wird, sobald man etwas verstehen kann. Das kommt mir kurz metaphorisch sehr richtig vor: Unvereinbare Positionen, die gegeneinander anschreien, so lange, bis es keinen Dialog mehr gibt, nur noch Aggression.

Das Schreien der Meinung

Ich finde extreme Meinungen, festgefahrene Meinungen, Meinungen, die schreiend gegen eine andere artikuliert werden, gruselig – völlig unabhängig davon, was genau da artikuliert wird. An Lautstärke, an der lauthalsen Überzeugung, richtig zu liegen nehmen sich beide Seiten nichts. Ich finde Menschen gruselig, die nicht zweifeln, sondern sich eine wie Beton zementierte Meinung bilden. Und dann kompromisslos gegen eine gegenteilige Meinung angehen. Ich fühle mich falsch dort. Ich unterdrücke mehrmals den Impuls, den Menschen mit der Trillerpfeife links von mir zu bitten, ruhig zu sein, damit ich mir mal anhören kann, worum es eigentlich geht. Nicht, dass ich nicht der Meinung bin, hier auf der Seite der Trillerpfeifen richtiger zu sein als auf der anderen. Aber das jemandem entgegen zu schreien ist noch einmal ganz etwas anderes.

Zeichen gegen Zeichen

Wichtig war, finden wir in der Küche heraus, dass wir so viele waren. Dass wir uns als Symbol gegen oder für irgendetwas die Beine in den Bauch gestanden haben. Dass wir Teil einer Zahl waren, weil die anderen auch eine Zahl waren. Symbol gegen Symbol. Zeichen gegen Zeichen. Darum ging es. Nicht darum, auf die Straße zu gehen mit einer Gruppe von Menschen, die ähnlich denken und inhaltlich etwas rüberzubringen. Es war rein symbolisch, wie wir da auf am Theaterplatz standen, es zählte nur die Anwesenheit.

Menschendarsteller

Zwischen den unverständlich hervorgebrachten Positionen, die nur Leute überzeugen, die schon überzeugt sind, denke ich: Es bringt nichts, keiner Seite, sich auf die Straße zu stellen. Denn natürlich ist es nicht möglich, so miteinander zu reden, als Masse, mit einer Reihe Polizisten dazwischen. Natürlich müssen die Sprüche, Parolen einfach sein, Schlagworte, Haken, die sich fest setzen. Ein gut formuliertes Argument kann man nicht schreien. Natürlich ist es wichtig, eine Position zu formulieren. Etwas, womit ich nicht zufrieden bin auf alle mir möglichen Arten zu artikulieren. Genauso wichtig, wie eine Gegenposition anzuhören. Einen Kompromiss zu finden. Sich zu einigen, und sei es nur darauf, dass man sich nicht einigen kann. Das ist naiv, vielleicht, das kann, wenn man nicht gehört wird, frustrierend sein, aber solange man nicht außerhalb des demokratischen Systems agieren möchte (wofür es auch Gründe geben mag), ist es das einzige, was man tun kann. Das Problem ist nur: Pegida agiert außerhalb des demokratischen Systems, jedenfalls außerhalb eines Systems, in dem ein Dialog noch möglich wäre. Wo Journalisten angegriffen werden, ist es naiv daran zu glauben, dass ein Dialog möglich ist. Wo Menschendarsteller wie Akif Pirinçci ihre wüsten Gedankengänge formulieren können, ist es naiv zu glauben, es sei möglich, sich gegenseitig zu verstehen.

Das Kind und das Süßigkeitenregal

Ich bin ein unpolitischer Mensch, der sich in Massen und auf Demonstrationen unwohl fühlt, und wir stehen da, uns am Theaterplatz die Beine in den Bauch, wir sitzen da, in der Küche, und trinken Bier, und dann schweigen wir. Und ich denke an ein Kind, das sich vor einem Süßigkeitenregal auf den Boden schmeißt und schreit, weil es etwas möchte. Ich frage mich, was besser ist: Das Kind in derselben Lautstärke niederzubrüllen. Oder einfach wegzugehen. Ihm keine, absolut keine Aufmerksamkeit zu schenken. Ihm damit bewusst zu machen, dass so etwas eine nutzlose Taktik ist, eine, die so falsch ist, dass es keinen Punkt gibt, an dem man beginnen könnte, darauf einzugehen. Ich frage mich, ob sich etwas ändert, wenn viele Kinder das tun und ihre Taktik damit selbst bestätigen. Und irgendwann schwimmt mir der Kopf von zuviel Dresdner Bier, und das einzige, was ich noch feststellen kann, bevor ich nichts mehr feststellen möchte, ist: Ich weiß es ja auch nicht, aber bestimmt geht das alles auch weniger laut.

Bildquellen

  • 20151019_202402: Jan Fischer