Unirahmenvertrag: Ein offener Brief an die VG Wort

Ab dem 01.01.2017 tritt der Unirahmenvertrag in Kraft, urheberrechtlich geschützte Texte dürfen dann Studierenden nicht mehr über elektronische Lernsysteme zur Verfügung gestellt werden. Ein Rückfall in die 80er Jahre, meint unser Autor in seinem offenen Brief an die VG Wort.

Ab dem 01.01.2017 tritt deutschlandweit eine Neureglung zur Abrechnung von Urheberrechtsansprüchen für durch e-Learning Plattformen wie lsf oder stud.ip bereit gestellte Lehr- und Unterrichtsmaterialen in Kraft. Bisher wurden diese Ansprüche mit 716.500€ p.a. von den Bundesländern an die VG Wort abgegolten. Die Konsequenzen des sogenannten Unirahmenvertrages bedeuten für die Studierenden einen Schritt in die prädigitale Welt der 1980er Jahre: Warteschlangen vor den Kopierern, an denen sich Studentinnen und Studenten auf eigene Kosten die entsprechenden Texte aus den Semesterapparaten zusammenkopieren. Ein offener Brief an die VG Wort:

Sehr geehrter Herr Rainer Just, sehr geehrter Herr Dr. Robert Staats,

ich unterrichte u. a. an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig zu Themen des Kulturjournalismus, des Kreativen Schreibens und der Literaturwissenschaft. Wie Sie sich unschwer vorstellen können, habe ich bisher sehr umfänglich elektronische Forschungs- und Lernsysteme genutzt, um den Studierenden urheberrechtlich geschützte Texte zur Verfügung zu stellen. Ab dem 01.01.2017 ist dies laut eines Rundschreibens des Vorsitzenden der LHK Niedersachsen, Prof. Dr. Friedrich, nicht mehr möglich.

Geld, das nicht allen zur Verfügung steht

Wie sichere ich ab dem Einsetzen der Neureglung die Qualität meiner Lehre ab? Wenn ich den Studierenden die in den Seminaren zu besprechenden Texte nicht länger online zur Verfügung stellen kann, müssen sich die Studierenden diese Materialien aus Semesterapparaten zusammenkopieren (dürfen die das überhaupt?). Kopien kosten Geld, auch wenn sie, wie an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig, von Seiten der Hochschule subventioniert sind. Gut, werden Sie jetzt einwenden, sollen sich die Studierenden das Material eben selbst besorgen, beispielsweise die entsprechenden Bücher (digital) erwerben.

Auch dies kostet aber Geld. Geld, das – vielleicht werden Sie sich an ihre eigene Studienzeit erinnern – nicht allen Studierenden zur Verfügung steht. Das Studium des Kindes – oder der Kinder – stellt vor allem einkommensschwache und viele immigrierte Familien vor nahezu unlösbare finanzielle Aufgaben. Neben Semestergebühren, Lebens- und Wohnkosten steigen nun ab dem Beginn des kommenden Jahres nun auch noch die Materialkosten, was zu einer weiteren Benachteiligung und einem damit verbundenen Ausschluss großer Teile der deutschen Gesellschaft führt. Das Studium an deutschen Hochschulen leistet einen großen Beitrag zur Integration immigrierter Menschen  und bietet Kindern aus einkommensschwachen Familien die Möglichkeit später einmal das Leben zu führen, das ihre Eltern ihnen erträumten. Durch Ihre Neuregelung bestärken Sie damit indirekt rechtspopulistische Parteien wie die AfD, indem sie Integration erschweren und die Klassenschranken noch undurchlässiger werden lassen. Ist dies in ihrem Sinne?

Gesellschaftlicher Stand der 80er Jahre

Da die meisten Studierenden Texte heute digital lesen, haben online gestellte Texte in den elektronischen Forschungs- und Lernsystemen weiterhin den Vorteil, dass sie Papierressourcen schonen. Studierende, die in langen Schlangen vor den Kopierern stehen und sich ihre Materialien mühsam Seite für Seite aus auseinanderfallenden Büchern zusammenkopieren müssen, verschwenden nicht nur ihre Zeit, sondern auch natürliche Ressourcen. Wie kann dies in ihrem Sinne sein, oder leugnen Sie wie der zukünftige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika den Klimawandel?

Hinzu kommt, dass Sie mit dieser Neureglung die Digitalisierung der deutschen Gesellschaft massiv einschränken. Dies wäre nicht weiter schlimm, vielleicht sogar im Sinne bibliophiler Ordinarien, wenn nicht der Rest der Welt eben diese Digitalisierung massiv weiter betreiben würde. Ist es also in Ihrem Sinne, dass Deutschland als einziges westeuropäisches Land auf den gesellschaftlichen Stand der Achtzigerjahre zurückgeworfen wird und in der Konsequenz daraus deutsche Unternehmen ihre letzten deutschen Standorte ins Ausland verlagern? Oder glauben Sie etwa, dass die Menschen dann mehr Zeit haben Bücher zu lesen?

Leistungsträger und Zukunft

Zuletzt denke ich, dass es doch vielmehr in ihrem Sinne sein sollte, wenn den Studierenden an den Hochschulen weiterhin mittels unkomplizierter Verfahren Textauszüge und Lernmaterialien zur Verfügung gestellt werden können. Jene Textauszüge, von denen sonst nur mehr ein noch kleineres Fachpublikum Kenntnis nehmen würde. Der wissenschaftliche Buchmarkt platzt aus allen Nähten, was unter anderem dazu führt, dass ein Großteil der publizierten Dissertationen in Verlagen erscheint, in denen die frisch Promovierten erhebliche Druckkostenzuschüsse zahlen müssen. Die Möglichkeit Studierenden Textauszüge über elektronische Forschungs- und Lernsysteme zur Verfügung zu stellen, führt doch vor allem dazu, dass die Lehrenden an den Hochschulen und Universitäten vor großem Publikum Werbung für Texte machen, von deren Existenz die Studierenden anderweitig wohl kaum erfahren hätten und die sie sich im Idealfall später einmal in Buchform anschaffen werden. Müssten Sie in diesem Sinne nicht Gelder an Universitäten ausschütten?

Den Streit, den Sie mit der Kultusministerkonferenz austragen, tragen Sie letztlich auf dem Rücken der Studierenden und damit auf dem Rücken eines nicht nur zukünftig wichtigen Teils der deutschen Gesellschaft aus! Natürlich verstehe ich, dass Sie bemüht sind Ihre Interessen und die Interessen ihrer Autoren zu schützen (dass Sie dies auch nicht zur Zufriedenheit aller Beteiligten tun, steht auf einem anderen Blatt!), vielmehr sollte es aber in Ihrem Interesse sein, dafür zu sorgen, dass Studierende ungehinderten Zugang zu Lernmaterialien und Wissen bekommen. Denn diese Studierenden sind die zukünftigen Leistungsträger dieser Gesellschaft und damit auch Teil Ihrer Zukunft.

Mit freundlichen Grüßen,

Christoph H. Winter

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