Hurricane 2023: Freitagabend

Henner wühlt sich durch die Massen und findet sein Glück bei Billy Talent und Kraftklub.

Nachdem wir uns mit 5 Minuten Terrinen und Ramen gestärkt haben und zwei Minischauer zur Entspannung der Staubsituation gesorgt haben, beschließe ich gegen 17:30 Uhr den Weg zum Infield anzutreten. Die Donots sind da bereits mitten in ihrem Gig, ich schaue aus der Ferne ein paar Songs lang zu, wie sie ihre Fans zu so schlauen Sachen animieren wie zum Beispiel alle gemeinsam noch mehr Staub in die Luft zu werfen. Das Hurricane sah kurz tatsächlich aus wie Holi-Festival in schmutzig grau. Es sorgt aber auch für viele weitere mit Staub panierte Gesichter bei den im Moshpit tanzenden Hardcore Fans. Die scheinen sich aber nicht weiter daran zu stören. Ausgelassen und wild feiern sie den Auftritt bis zum Ende.

Ich schlendere rüber zur Wild-Coast-Stage, wo Betterov seinen spannenden Mix aus Indie-Gitarrenmusik und deutschen Texten zum Besten gibt. Leider ist der Sound im großen weißen Zelt, dessen Eingang dieses Jahr ans Südende verlegt wurde, eher mäßig, der ein oder andere schiefe Ton lässt sich nicht überhören, sodass der Funke bei mir nicht so recht überspringen will. Schade, das habe ich bei Betterov auf anderen Konzerten schon besser erlebt.

Ich lasse mir ein, mit knapp 10 € ziemlich überteuerten, dafür aber sehr leckeres Pulled Pork Brötchen mit Coleslaw schmecken, spüle mit dem ersten Bier des Tages nach und mache mich auf den Weg zur blauen River-Stage, auf der jetzt Provinz spielen. Die Band hat genau diese Bühne auch letztes Jahr schon bespielt, die vier charismatischen Jungs können mit ihren eingängigen Indie-Pop-Melodien auch dieses Jahr wieder die Besucher begeistern. Schnell ist die Masse am tanzen, springen und laut mitgrölen. Tatsächlich entsteht schnell eine ganz eigene Atmosphäre aus Freude, Ausgelassenheit und guten Vibes, die Spielfreude der Band überträgt sich ohne Reibungsverlust direkt auf das elektrisierte Publikum, so geht Hurricane-Feeling. Herrlich!

Beseelt und glücklich mache ich mich auf den staubigen Weg zur Mountain-Stage, wo Peter Fox mit Band und Tänzern die Bühne bereits voll ausfüllt. Souverän spult der Berliner die Songs seines gerade neu erschienenen Albums herunter, nicht ohne auch ab und zu mal einen Klassiker wie etwa Schüttel deinen Speck einzustreuen. Die Masse feiert den „Dancehall-Caballero” und seinen gelungenen Mix aus Afrobeats, Reggae, Ska und Pop. Ich bahne mir meinen Weg durch das feiernde Infield zum westlichen Rand, wo bei dem Promostand eines Energieanbieters Liegestühle auf die mittlerweile gut durchgerockten Besucher warten. Nach kurzer Wartezeit kann ich tatsächlich eine der begehrten Sitzgelegenheiten ergattern und chille hier bis zum Ende des Konzertes. Ich werde halt auch nicht jünger …

Billy Talent und Kraftklub

Als nächstes bespielt Billy Talent die Mountain-Stage, also beschließe ich einfach meine entspannte Position zu halten. Die kanadische Post-Punk-, Alternative- und Rockband hatte ihren großen Durchbruch Anfang der 2000er und kann inzwischen auf eine sehr große Fanbase zählen. Dementsprechend schnell füllt sich das Infield des Hurricane 2023 wieder, beim ersten Song ist das Ende der Menschenmenge von meinem Platz aus nicht auszumachen. Beeindruckende Menschenmassen.

Red Flag, Fallen Leaves, Rusted from the Rain, keiner der Hits der Band fehlt in diesem Set und die Fans drehen durch. Ich hätte nicht gedacht, dass es noch staubiger werden kann, werde aber eines Besseren belehrt. Ich beschließe schon vor Ende des Gigs die Staubhölle hier hinter mir zu lassen und begebe mich zurück zur River-Stage wo als nächstes Kraftklub spielen. Erfahrungsgemäß sind die Chemnitzer Jungs zurzeit derartig beliebt, dass es ratsam ist, sich früh auf den Weg zu ihrem Konzert zu machen, wenn man noch einen guten Platz in Bühnennähe ergattern möchte.

Krafklub haben ein Glücksrad mitgebracht

Ich schaffe es mir einen Weg an den äußeren linken Rand ganz vorn zu bahnen, wo ich mich sogar an die aufgestellten Bauzäune lehnen kann. Schnell füllt sich das restliche Infield mit zigtausenden Fans, die Jungs sind wirklich derzeit auf dem Höhepunkt ihrer Beliebtheit angekommen. 

Ein riesiger Vorhang verhüllt die Bühne, bei den ersten Tönen öffnet er sich langsam und gibt den Blick auf die Band frei. Da sie inzwischen einfach zu viele Hits haben, können sie zwangsläufig nicht alle spielen. Um die Fans trotzdem zufriedenzustellen und sie vor allem in die Setlist Entscheidung mit einzubeziehen, holt Felix Kummer ein Mädel aus dem Publikum auf die Bühne, die an einem Glücksrad drehen darf, auf dem verschiedene Songs stehen. Das Rad bleibt bei „Scheiß Indie Disko“ und bringt die Fans zum Jubeln. 

Für den nächsten etwas ruhigeren Song lässt die Band es sich nicht nehmen ein Bad in der Menge zu nehmen und vom Moshpit aus zu spielen. Mehr Kontakt zum Publikum geht nicht, die Atmosphäre gleicht einem Wohnzimmerkonzert und die Herzen der Fans schäumen über voll Liebe für diese Ausnahmeband. 

Auch der Bühnenaufbau ist beeindruckend, beim nächsten Song spielt der Gitarrist auf einer zweiten Etage etwa 6 Meter über dem Sänger und wird mit der gesamten Ebene langsam heruntergelassen. Wahnsinn, was da inzwischen technisch machbar ist.

Musikalisch hätte Kraftklub solche Gimmicks eigentlich nicht nötig, sie packen ihre Fans auch allein mit ihrer Musik fest an den Schultern und schütteln jeden Einzelnen kräftig durch. Für mich zusammen mit Provinz das heutige Festival Highlight.

Beseelt und glücklich mache ich mich auf den Weg zurück ins Camp, inzwischen ist es wieder arg kalt geworden und ich bin froh, meine Jacke dabei zu haben.

Noch ein letztes Bier mit meinen Freunden, bevor ich total verstaubt, aber glücklich ins Bett falle.

Morgen stehen Bukahara, Madsen, Pascow, Muse und einige mehr auf meinem Zettel, da versuche ich jetzt den Akku erstmal wieder aufzutanken.

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