Imagebroschüre für den Vatikan: Papst Franziskus. Ein Mann seines Wortes

Wim Wenders stellt seinen neuen Film Papst Franziskus: Ein Mann seines Wortes im Astor Grand Cinema in Hannover vor. Mit dem Film hat er dem Papst einen großen Gefallen getan. Sich selbst eher nicht.

Das Wetter über Assisi ist heiter bis wolkig, traurige Streicherklänge hängen mit den Wolken in der Luft. Als die Sonne hervorbricht, schrauben sich die Streicher zu einem fröhlicheren Crescendo hoch, Überblende auf: Die Basilika San Francesco.
Wim Wenders‘ Dokumentarfilm Papst Franziskus: Ein Mann seines Wortes beginnt mit einem Exkurs. Vier, fünf Minuten lang wird der heilige Franz von Assisi vorgestellt, der, der Legende nach, von Gott gesagt bekam: „Geh und erneuere mein Haus, denn es ist verfallen.“ Und Gott wurde erhört: Franz von Assisi gilt als Erneuerer der Kirche. „Ich bin katholisch aufgewachsen“, sagt Wenders im Nachgespräch zu dem Film, „und der einzige Heilige, der meine Phantasie immer wieder anregte war Franz von Assisi.“ Gerade deshalb hätte Wenders es begrüßt, als der der derzeitige Papst Franziskus sich – als erster Papst überhaupt – nach dem für kirchliche Verhältnisse radikalen Revolutionär benannte. Immer wieder zeigt der Film auch mit einer Handkurbel-Kamera von 1925 auf alt gedrehte Szenen aus dem Leben des Heiligen.
Den Hauptteil des Filmes allerdings macht das Gesicht des Papstes aus, das dem Publikum überlebensgroß von der Leinwand entgegen schaut. Der 72jährige Wenders hat seine Gespräche mit dem Papst mit einem Teleprompter-Arrangement so gedreht, dass dieser nicht den Interviewer anschaut – sondern sich direkt ans Publikum wendet. „Ich wollte nicht für mich alleine haben“, sagt Wenders, „dass der Papst mir in die Augen schaut und mit mir redet.“

Sensation, keine Sensation

Es ist, selbstverständlich, eine Sensation (und kluge PR-Taktik seitens des Kommunikationsbüros des Vatikan), dass ein Papst einen Filmemacher einlädt, in ausschweifenden Interviews mit ihm zu sprechen. Acht Stunden Interviewmaterial hätte es gegeben, sagt Wenders. Warum es ausgerechnet Wenders – dessen Dokumentarfilmwerk mit Filmen wie Pina und Buena Vista Social Club mit genauer Menschenbeobachtung zwischen großartig und kitschig schwankt – sein musste, weiß der Regisseur auch nicht genau. Hierüber hüllen Vatikan sowie Regisseur sich in Schweigen.
Es ist keine Sensation, was Wenders aus seinen Papst-Gesprächen gemacht hat. Inszeniert wird Franziskus in diesem einseitigen Gespräch mit den Kinogängern als lächelnder Humanist und Pazifist, der betont, wie wichtig althergebrachte Werte wie Arbeit, Familie und Wohnung seien, dass Raffgier schlecht sei, auch innerhalb der Kirche, jeder das wenige, das er besitzt teilen solle, dass Homosexualität nicht verurteilenswert sei, aber Männer und Frauen nur zusammen komplett, dass Machismo und Feminismus die Geschlechter auseinander brächten, Umweltschutz wichtig sei, dass Pädophilie in der Kirche nicht geduldet würde. Dazwischen wird immer wieder Archivmaterial aus dem Vatikan geschnitten, in dem Franziskus vor dem US-Kongress Waffenhandel verurteilt, vor der UN zu Frieden aufruft, während der Nachwehen eines Hurrikans in demselben gelben Plastikponcho wie seine Zuhörer eine Schweigeminute abhält. Und immer wieder: Im Stile des Franz von Assisi zu Armen und Ausgestoßenen reist, sei es in Südamerika, Afrika oder in US-Gefängnissen und dort Kinder, Erwachsene, Kranke und Gesunde segnet, als müsste er bis spätestens Morgen mit der gesamten Weltbevölkerung fertig sein.

Hochglanzbroschüre

Mit anderen Worten: Auch wenn Wenders immer wieder betont, dass es seitens des Vatikan keinerlei Einmischung in seinen Film gegeben hätte, weder finanziell noch künstlerisch, hat er mit Ein Mann seines Wortes wenig mehr als eine ambitionierte und vor allem äußerst textlastige Imagebroschüre für den Papst produziert. Die mit keinem Wort auf Kritik am Vatikan oder dem Papst eingeht oder sich mit dem Gegenwind beschäftigt, der Franziskus aus den konservativeren Kreisen der Kirche entgegenweht. Das wäre, so Wenders, auch nicht der Film gewesen, den er hätte machen wollen. „Ich wollte“, sagt der sich selbst als ökumenischen Christen bezeichnende Dr. h.c. der Theologie Wenders, „keinen Film drehen, der für oder gegen etwas ist. Meine Art Filme zu machen ist immersiv. Ich versuche in meinen Dokumentationen in etwas, was ich mag zu verschwinden. Auch mit der Meinung, die dich dazu habe.“

Freundlicher Herr in weißer Kleidung

Ein meinungsloser Film, der sich seinem Objekt unkritisch anverwandelt sollte es also werden. Und das ist Wenders – sicherlich zur Freude des Vatikan – auch gelungen. „Beim Schneiden“, sagt Wenders im Nachgespräch, „wurde mir klar, dass der Papst nichts als seine Worte hat. Da ist mir der Titel eingefallen.“ Es wird in diesem Nachgespräch auch Stück für Stück klar, dass Wenders den freundlichen alten Herren in weißem Ornat für eine Art moralischen Kompass hält, eine Art Schwarzweißmacher, der in einer komplizierten Welt mit seinen Worten Orientierung bietet. Der „Optimismus“ und die „Fröhlichkeit“ des Papstes hätten im imponiert, meint Wenders. Es sei eine Utopie, die Franziskus den Menschen böte – in Zeiten, in denen es kaum andere Utopien, dafür aber viele Halbwahrheiten, Fake News sowie zu viel Beschleunigung gäbe.

Stück für Stück wird in Ein Mann seines Wortes allerdings klar, wie altbacken diese Utopie, die der Papst bei Wenders präsentieren darf dann doch ist – vor Revolutionären solle man keine Angst haben, verkündet Franziskus, er damit sich selber meint, bleibt offen. Dennoch ist die Grundlage der Papstutopie, dass möglichst alle Schäfchen ins schwarzweiße humanistisch-christliche Weltbild zurückgeführt werden sollen, egal, wie sie ihre Religion nun nennen, und dort mit schlichten Vorstellungen von Gut und Böse vor allem erdulden. Besonders gilt das für das in der Relevanzkampagne der Kirche Kirche so einfach zu kapernde Klientel der Armen und Ausgestoßenen. Aber selbst die Atheisten, die, wie Franziskus verkündet, ebenfalls von Gott geliebt würden, sollen sich diesem Weltbild anschließen. Das mag für eine starre und langsame Altherrenorganisation wie die katholische Kirche etwas modernes und revolutionäres haben. Genau, wie es für den ärmsten und von Naturkatastrophen am meisten gebeutelten Teil der Weltbevölkerung, der im Film zwecks Tröstung zu den Besuchen des Papstes strömt, sicherlich eine gute Sache ist, dass sich überhaupt mal jemand um sie kümmert, und sei es nur ein freundlicher alter Herr in lustiger weißer Kleidung.

Revolution von gestern

Dass Franziskus als ein Papst der Reformen angetreten ist, und immer noch versucht, einer zu sein, ist unbestreitbar. Im Kern aber ist sind diese Reformen, diese „Revolution“, diese „Utopie“, die da der Wortwelt des Papsts entspringt eine, die Duldsamkeit und Hoffnung auf ein besseres Leben nach dem Tod beinhaltet und ansonsten konservative Werte, gewürzt mit ein paar Achtsamkeitsfloskeln und gerade genug gesundem Menschenverstand, dass man sich nicht sofort vor den Kopf packen möchte, propagiert. Das sind nicht die Zutaten einer besseren Welt, das sind die Zutaten einer Welt von gestern – und selbst so wenig ist einigen Kirchenvertretern schon zu viel.
Sicherlich möchte Wenders seinen Film so nicht gelesen haben – dennoch sind es die Worte des Papstes aus denen sich von Angesicht zu Angesicht mit dem Publikum, dieses ideologisch gestrige Weltbild aus dem Pazifismus und Humanismus, den man ja gerne so unterschreiben möchte, herausschält. So lange, bis gegen Ende des Filmes in einer Inszenierung, die wohl selbst für Scientology zu viel gewesen wäre, er alleine in einem gigantischen Kerzenmeer sitzt während sphärischer Gesang das Ganze untermalt. Das ist der Punkt den dem es gruselig wird – und die Worte des Papstes, alle seine Bemühungen, all seine Freundlichkeit nur wie ein klug ausgedachter Trick seinen, der katholischen Kirche ein klein wenig mehr Relevanz zu verschaffen in einer Zeit, die sie eigentlich nicht mehr bräuchte.

Papst Franziskus: Ein Mann seines Wortes ist ab dem 14.6. in den Kinos zu sehen.

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