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Klick mich, ich bin Clickbait! Aber Klickzahlen lassen sich nicht nur mit seichten Themen erbeuten. 4 Ideen, mit Clickbait dem gesellschaftlichen Wandel gerecht zu werden.

Los, klick mich! Komm schon, stell dich mal nicht so an, du willst es doch auch!
Mit der subtilen Verführungskunst eines Vergewaltigers, der die Jungfrau zu ihrem Glück zwingen möchte, versucht Clickbait unsere Aufmerksamkeit zu erhaschen. Mit Überschriften und Bildern, die die Neugier anregen sollen, ködern Jahrmarktsschreier wie Buzzfeed oder Heftig unsere Klicks. Doch die Artikel und Videos, die sich hinter den sensationsgeilen Aufmachern verbergen, werden nur selten den aufgepeitschten Erwartungen gerecht.
Denn was uns als klickwürdig aufgetischt wird, sind meist boulevardeske Geschichten über Frauen, Kinder und Tiere sowie Bastel- und Alltagstipps. Doch warum sollten mit Clickbait nur seichte Themen angepriesen werden? Gerade in einer politisch aufgeheizten Zeit wie der unseren sollten Themen, die die Menschen in diesem Land wirklich bewegen, nicht ignoriert werden.
Es gilt, dem politischen Wandel der Gegenwart Tribut zu sollen. Rechtes Gedankengut drängt immer weiter in die Mitte der Gesellschaft vor. Hier bietet sich für Medienschaffende die Chance, neue Zielgruppen zu akquirieren.

1. Listicals

Dank sogenannten Listicals kann sich der Leser einen schnellen Überblick über ein bestimmtes Thema verschaffen: 9 Tipps und Tricks, ein Bügeleisen im Haushalt zu verwenden. oder 17 Dinge, die dir schwule Männer gerne zum Thema Blowjobs sagen möchten sind hierfür nur zwei von unendlich vielen Beispielen.
Für den geschichtsinteressierten Volksdeutschen bieten sich Listicals an wie 10 Gründe, warum unter Hitler nicht alles schlecht war – angefangen von der Autobahn bis hin zur Familienpolitik versteht sich. All jene, die in Sachen globaler Verschwörung ganz genau wissen, wie der Hase läuft, klicken selbstverständlich auf 10 Wahrheiten, die die Illuminaten und das internationale Finanzjudentum vor uns verschweigen. Nicht spezifisch deutsch, aber zumindest mit deutschem Spitzenplatz wäre der Artikel mit der simplen Überschrift Die 10 größten Genozide der Geschichte. Nr. 3 wird noch heute geleugnet.

2. Bilder

Das Internet ist ein visuelles Medium, weswegen die Bilder wichtiger sind als die Überschriften. Clickbait-Bilder bestechen meist durch Kreise und Pfeile, die auf irgendetwas verweisen, was dort eigentlich gar nicht ist. Aber in Sachen Clickbait-Bilder können Buzzfeed, Heftig und Co. noch einiges von einem der führenden Printmedien Deutschlands lernen.
Die Rede ist nicht etwas von der Bild-Zeitung, die seit ihrer Gründung im Grunde nichts anderes als gedrucktes Clickbait macht, sondern vom guten alten Spiegel, dessen Strategie schlicht und ergreifend lautete: Hitler. Der ein oder andere wird sich daran erinnern können, dass es Zeiten gab, in denen der Spiegel Traum-Auflagen erzielte, wenn der GröFaZ das Titelbild zierte. Der einstige Spiegel-Coverboy würde ohne Zweifel nicht minder traumhafte Klickzahlen generieren:

  • 9 Tipps und Tricks, ein Bügeleisen im Haushalt zu verwenden: Hitler mit einem Bügeleisen in der Hand; ein Pfeil in Richtung des Bügeleisens.
  • 17 Dinge, die dir schwule Männer gerne zum Thema Blowjobs sagen möchten: Hitler mit einem … na ja, ihr könnt euch schon denken, was er im Mund hat und worauf der Pfeil deutet.
  •  10 Gründe, warum unter Hitler nicht alles schlecht war: Hitler, wie er ein arisches Baby küsst; ein Pfeil auf den kleinen Herrenmenschen. (Ich meine das Kind.)
  • 10 Wahrheiten, die die Illuminaten und das internationale Finanzjudentum vor uns verschweigen: eine Bildmontage mit Elvis, Bigfoot und Hitler; ein Kreis um Hitlers Bärtchen.

3. Quiz

Neben emotionalen Geschichten und Haushaltstipps erfreuen sich auch Quiz sehr großer Beliebtheit. In der Tradition von Persönlichkeitstests wie Wähle ein Kartoffelgericht – und wir sagen dir, welche deutsche Partei du bist sowie in Anlehnung an Bentos legendäres Quiz Welcher Bürgerkrieg bist du? zeigt sich der wahre Charakter eines Menschen anhand des Tests Welcher Weltkrieg bist du?, der bereits mit Antwortmöglichkeiten für einen potenziellen 3. Weltkrieg daherkommt:

  1. Wie beginnst du einen Krieg? a) per klassischer Kriegserklärung, b) einfach ins Nachbarland einmarschieren, c) via Twitter
  2. Warum führst du Krieg? a) für Deutschlands Platz an der Sonne, b) für Führer, Volk und Vaterland, c) Make America great again!
  3. Wie entgehst du der Niederlage? a) niederländisches Exil, b) Suizid, c) schönreden und alle gegenteiligen Behauptungen als fake news und alternative Fakten diskreditieren.

4. Lifehacks und Do It Yourself

Obwohl sogenannte Lifehacks schon vor dem ersten Weltkrieg in Form von Sammelkarten auf Zigarettenschachteln verkauft wurden und heutzutage nicht mehr aus dem Internet wegzudenken sind, wären sie einem Teil der neuen rechten Zielgruppe vermutlich nur schwer zu vermitteln. Ein Klassiker wie 10 Möglichkeiten, Alu-Folie zweckzuentfremden würde sich bei Reichsbürgern und ähnlich gesinnten Zeitgenossen eigentlich nur auf das Bauen von Hüten beschränken.
Zumindest Nachahmer des NSU könnten sich unter Umständen für Basteltipps wie 10 DIY-Waffen für den Widerstand im Untergrund begeistern. Der handwerklich begabte Rassist findet hier sowohl anfängerfreundliche Anleitungen für Rohrbomben als auch fortgeschrittene Projekte, wie zum Beispiel Biowaffen in der Küche anzurühren.
Rezepte für Molotowcocktails erscheinen dabei nur auf den ersten Blick für Kochseiten geeignet. Aber natürlich ließen sich auch unabhängig von der politischen Gesinnung weitere Clickbait-Konzepte verwirklichen. Beispielsweise eine Kochwebsite für Kannibalen in bester Leckerschmecker-Manier, die dann den Namen Hannibal Lecterschmecker tragen könnte. Hauptsache viel Käse und Bacon.

Übrigens…

In einer selbst angelegten Studie ging die Süddeutsche Zeitung vergangenes Jahr der Frage nach, was die politischen Lager hierzulande vereint. Hierfür wurde analysiert, was Personen, die auf Facebook eine bestimmte Partei (Linke, Grüne, SPD, FDP, CDU, CSU, AfD) liken, sonst noch liken. Der Datensatz der Süddeutschen wies nur vier Webseiten aus, die von Sympathisanten aller Parteien geliket wurden: Focus Politik, Die Welt, Huffington Post sowie Nametests.com.
Großer, parteiübergreifender Beliebtheit erfreut sich aber auch die Clickbait-Schleuder Heftig, die lediglich von Anhängern der FDP nicht gemocht wird. Ihre Schwesterseite Geniale Tricks hingegen wird ausschließlich von Anhängern der Linskpartei sowie der CSU und AfD geschätzt.
Was spricht also dagegen, Clickbait-Artikel verstärkt auf die politische Weltanschauung der Leserschaft auszurichten? Ein Markt scheint gegeben und eine Zielgruppe vorhanden zu sein. Jetzt gilt es nur noch, beides zu erschließen.

Bildquellen

  • clickbait3: Benny Krüger