Turteltauben auf einem Ast

Mirkos Lovecouch: Willst du mich Heiraten? Ja, Nein, Vielleicht?

Mirko Wenig stellt fest, dass viele Freunde den Bund der Ehe eingehen. Jetzt, mit beinahe 40 Jahren, findet er sogar Gefallen an der Idee. Heiraten wird er so bald trotzdem nicht.

Ich gehöre einer Generation an, die zum Thema Heirat ein zwiespältiges bis pragmatisches Verhältnis hat. Ich selbst habe es auch, ebenso wie mein Zwillingsbruder, der mittlerweile trotzdem verheiratet ist. Ich habe zu viele Ehen scheitern sehen. Und zu viele Ehen, in denen die Partner nur deshalb zusammen bleiben, weil sie glauben es zu müssen. Und doch: ich beobachte, dass immer mehr Freunde und Bekannte um mich herum heiraten. Auch jene, die sich zur Homosexualität bekennen, gehen oft Lebenspartnerschaften ein.

Ich weiß noch, wie ich von der Trauung meines Bruders erfuhr. Es gab keine Hochzeitsfeier, kein Brautkleid und keine Torte. Er teilte es mir in einem Satz am Ende einer Mail mit. Sie hatte einen normalen Betreff, etwa „Re:Aw:Re:“ und enthielt zunächst überhaupt keinen Hinweis auf das freudige Ereignis. Stattdessen zählte mein Bruder auf, welche CDs er sich soeben gekauft hatte, schrieb von irgendwelchen Hausarbeiten und den Magenproblemen seines Katers Paul, bis plötzlich dieser Satz kam: „Ach übrigens, ich bin jetzt verheiratet.“ Hätte ich diese Mail nicht bis zum Ende gelesen, ich hätte vielleicht bis heute nicht gewusst, dass mein Bruder verheiratet ist.

Andere Paare, die seit Jahren glücklich zusammen leben, heiraten gar nicht. Und wenn ich mir ihre Begründungen anschaue, ausdiskutiert in unzähligen Küchengesprächen, haben sie tatsächlich gute Argumente. Es ist nicht so, dass sie einander nicht lieben würden, im Gegenteil. Aber ist denn die Vorstellung nicht absurd, so argumentieren sie, man könne mit einem schriftlichen Vertrag die Liebe zementieren? Einem Vertrag ähnlich jenem, den man beim Kauf eines Autos unterschreibt oder der Wiedereingliederungsvereinbarung im Jobcenter? Und ist es nicht der schönste Liebesbeweis, wenn man auch ohne Heirat bis ans Lebensende zusammen bleibt, über alle Krisen hinweg? Wenn sie denn überhaupt mit nur einem Partner zusammenleben und nicht polyamorös mehrere Beziehungen gleichzeitig führen. „Ihr könntet Steuern sparen!“ ist noch das Beste, das mir als Argument für eine Heirat in so einem Moment einfällt.

Elf Schritte bis zur Ehe

Wer sich davon überzeugen will, dass eine Trauung, zumindest die weltliche Variante, auch ein bürokratischer Akt ist, der muss nur auf eine Webseite der vielen deutschen Standesämter gehen. Dort ist der korrekte Ablauf einer Heirat beschrieben, Schritt für Schritt. Ich zitiere:

“Die standesamtliche Trauung dauert ca. 20-30 Minuten und hat in der Regel folgenden Ablauf:

1.) Begrüßung des Brautpaares durch die Standesbeamtin/den Standesbeamten.

2.) Feststellung der Personalien des Brautpaares und der Trauzeugen – gültigen Personalausweis nicht vergessen!

3.) Betreten des Trauzimmers. Brautpaar, Trauzeugen und Hochzeitsgäste nehmen Platz.

4.) Ansprache der Standensbeamtin/des Standesbeamten.

5.) Ehekonsenserklärung – Eheschließungsformel: Fragen der Standesbeamtin/des Standesbeamten an das Brautpaar (einzeln und nacheinander), ob sie die Ehe
miteinander eingehen wollen; bei Bejahung: Ausspruch der Standesbeamtin/des Standesbeamten, dass die beiden Verlobten nunmehr rechtmäßig verbundene Eheleute sind. Bei Verneinung: Abbruch der Trauung durch die Standesbeamtin/den Standesbeamten.

6.) Ringwechsel: die Brautleute stecken sich gegenseitig die Eheringe an.

7.) Brautkuss.

8.) Der Ehebucheintrag wird durch die Standesbeamtin/den Standesbeamten vorgelesen…” usw. usf.

Dies also ist der gesetzlich vorgeschriebene Ablauf einer Trauungszeremonie auf dem Standesamt. Es ist nur ein kleiner Einblick, denn es sind immerhin elf Schritte, die ein Brautpaar erdulden muss, bis sie offiziell als Ehepaar gelten. Sogar für den Brautkuss hat die deutsche Bürokratie im Ablaufplan einen genauen Zeitpunkt festgelegt, er muss an siebter Stelle erfolgen. Was, wenn sich das Brautpaar zeitiger küsst – muss die Trauung dann wiederholt werden? Inklusive Ehekonsenserklärung, Eheschließungsformel und der Feststellung der Personalien?

Die Ehe ist auch ein Rollenspiel

Hier fällt mir ein drittes Argument meiner Heiratsgegner am Küchentisch ein: es ist die Autorität der Ehe und die traditionellen Rollenzuschreibungen, die sie zurückschrecken lässt. Schon der Begriff der Ehe bedeutet im Althochdeutschen nicht nur „Ewigkeit“, sondern auch „Gesetz und Ordnung“. Es gehört zu den historischen Allgemeinplätzen, so berichtet der Sozialwissenschaftler Franz X. Eder, dass bei der Wahl eines Heiratskandidaten bzw. einer Kandidatin noch bis ins 19. Jahrhundert hinein nicht primär romantische Liebeswünsche eine Rolle spielten, sondern Besitz, Vermögen, Arbeitsfähigkeit und „Ehre“. Wer kein Geld und Ansehen hatte, dem blieb der Hafen der Ehe verwehrt. Und bei Laurie Penny wird selbst die romantische Liebe, die heute vielen Heiratsentscheidungen zugrunde liegt, zum Unterdrückungsinstrument.

Und doch: ich finde es gut, dass so viele Freunde nun heiraten. Die Hochzeit gilt als der schönste Tag des Lebens, und sollte es tatsächlich so sein, so scheint mir, dass dies nicht nur wegen der Feier und dem Alkohol so ist. Es ist der schönste Tag im Leben, weil sich zwei Menschen, die sich lieben, zueinander bekennen. Weil sie Verantwortung füreinander übernehmen und bekunden, dass sie zusammen bleiben wollen – auch wenn sie natürlich wissen, dass eine Ehe auch Kampf und unter Umständen Verzicht bedeutet. Es gibt wohl zwischen zwei Menschen kein Band, das enger ist als das der Ehe – zumindest, wenn sie freiwillig zueinander fanden. Ja, die Skeptiker haben schon Recht, rein statistisch hält eine Ehe im Schnitt 14 Jahre. Kann man denn den Umstand, dass heute jede zweite Ehe geschieden wird, nicht auch derart deuten, dass jede zweite Ehe glücklich ist und gelingt? Ich glaube, meine Freunde wissen sehr genau, was sie tun. Sie musste keiner zum Heiraten zwingen.

Ja, sie sind ein bisschen spießiger geworden!

Bevor ich mich jetzt hier anhöre wie ein Pfarrer, will ich an dieser Stelle noch verraten, dass ich viele ehemalige Heirats-Skeptiker kenne, mittlerweile selbst verheiratet sind. Sie hatten früher gute Argumente dagegen und haben jetzt gute Argumente dafür. Sie haben im Schnitt, wenn ich mich nicht verzählt habe, 1,75 Kinder und Haustiere, die irgendwie auch zur Familie gehören. Und auch mein Bruder ist wohl glücklich, so wie er zum Zeitpunkt der Trauung glücklich war – auch wenn die Musik auf dem Standesamt aus einer billigen Stereoanlage kam und nur eine einzige Beamtin anwesend gewesen ist, kein einziger Gast.

Ja, sie sind vielleicht ein bisschen spießiger geworden, meine Bekannten, die geheiratet haben, aber nicht so spießig, dass man Angst um sie haben muss. Man kann bei ihnen nun nicht mehr einfach abends klingeln und fragen, ob sie mit auf ein Konzert kommen oder in die Bar. Dann gibt es Ärger, weil man die Kinder weckt. Ja, ich genieße immer noch mein Single-Leben und genieße die damit verbundenen Freiheiten. Aber Heiraten, das kann man schon machen, das tut ja auch meist nicht weh. Und wenn ich irgendwann bei einer Hochzeit den Brautstrauß fangen sollte, dann wäre das auch in Ordnung. Die Ehe – sie scheint zumindest nicht in jedem Fall daran zu hindern, miteinander glücklich zu sein.

Skeptiker könnten nun einwenden: aber bedeutet eine Zweierbeziehung nicht tatsächlich Zwang? Macht uns die Idee der romantischen Liebe – zwei sind füreinander geschaffen – nicht unfrei? Es gibt viele Menschen, die eben nicht in einer Zweierbeziehung glücklich werden. Doch was mir selbst an den Freundinnen und Freunden auffällt, die sich zu Polyamorie bekennen: auch sie sehnen sich oft nach festen Beziehungen, nach einer bestimmten Art von Verbindlichkeit, nach Vertrauen und der Routine einer Partnerschaft. Sie wollen sich nicht nur durch fremde Betten vögeln, sondern auch eine emotionale Bindung zu ihrem bzw. ihren mehreren Geliebten aufbauen. Nur eben nicht zu einer Person, sondern zu mehreren. Und so werden wir die Institution der Ehe wohl langfristig auch für Partnerschaften öffnen müssen, die mehr als zwei Personen verbinden.

Das am längsten verheiratete Ehepaar waren übrigens Karam und Kartari Chand, die 1925 in Indien nach einem alten Sikh-Ritual geheiratet haben. Auf die Frage, was das Erfolgsrezept für diese lange Ehe ist, antworteten sie: ab und an ein Gläschen Whiskey und täglich eine Zigarette.

Bildquellen

  • Turteltauben: Merlin Schumacher