Spamfilter 2017: SHATTER – von den Umwegen eines Work in Progress

Vom Theaterstück zum virtuellen Comic zum digitalen Spiel – das Team hinter SHATTER gibt auf dem Spamfilter Festival in Hannover Einblick in seine Werkstatt.

Irgendetwas, das lässt sich mit Sicherheit sagen, geht hier vor. Der Raum ist voller Papier. Auf den Tischen liegt das Manuskript von Olivia Wenzels Theaterstück Das endlose Zersplittern der Dinge der Länge nach ausgebreitet. An halbrund angeordneten Stellwänden hängen mit Pfeilen verzierte Diagramme und Konzeptzeichnungen des Zeichners Christian Partl, weiter hinten liegt noch einmal das Manuskript zum Durchblättern, und, ein besonderer Schatz, wenn man verstehen will, was vor sich geht, ein kurzes Konzept. Daneben mehr Zeichnungen und Pappmaché-Figuren. Das Team hinter SHATTER sitzt um einen Tisch in der Mitte herum, neben Wenzel und Partl sind das noch die Sounddesignerin Malu Peeters und Dramaturg Lasse Marburg. Zwei Figuren, leicht gruselig, mit riesigen Augen und spitz zulaufenden Köpfen, blicken von einer Leinwand auf die Szene hinab.
Irgendetwas, wie gesagt, geht hier vor.
Was, das erschließt sich nicht sofort. Man muss es aufsammeln wie Puzzlestücke. SHATTER sei, so das Programm des Festivals, eine interaktive, begehbare Graphic Novel, allerdings ein Work in Progress, erst noch im Entstehen. Die kleinen Text- und Bildstücke im Raum vermitteln einen ersten Eindruck einer Welt, die sich langsam über Figuren und Sprache erschließt. Eine freundliche Erzeugermaschine gibt es da, einen Turm, der aufgebaut und wieder zerstört wird, ein Kind, das im Inneren einer Krake lebt. Überhaupt: Kraken und Tentakel scheinen wichtig.
Vom Gedanken an eine interaktive Inszenierung, sagt Olivia Wenzel, sei das Team inzwischen abgerückt. Sie wollten die Idee jetzt lieber als Game umsetzen. Ob Game, Theaterinszenierung, irgendwas dazwischen oder vielleicht etwas ganz anderes: Das scheint im Team niemanden großartig zu kümmern. Vor allem Lasse Marburg kennt sich auch aus mit dem Verwischen solcher Grenzen, er arbeitet auch mit machina ex, einer Theatergruppe, die immer wieder Geschichten als eine Art Live Point-and-Click-Adventure inszeniert.

Eine Welt zusammensuchen

Der Tisch, um den das Team sitzt, wirkt nur auf den ersten Blick chaotisch. Auf den zweiten ist es der analoge Entwurf für ein digitales Spiel. Einige Würfel liegen darauf, grob gezeichnete Settings, schnell zusammengefaltete Spielfiguren. Jemand würfelt, eine Banane muss irgendwo hingelegt werden, damit die Jahreszeit sich ändert. Ein Stück Text wird dazu vorgelesen. Jeder Spielzug dauert eine Weile, weil die Regeln gerade erst im Entstehen begriffen sind – alles muss erst einmal notiert und ausgehandelt werden.
Irgendetwas, wie gesagt, geht hier vor.
Und es wird mit jedem Schritt ein wenig klarer. Denn die Veranstaltung ist weniger die Diskussion, als die sie angekündigt war – sondern vielmehr eine Art Tag der offenen Tür in einer Werkstatt, in der ein noch nicht ganz fertiges Produkt zusammengebaut wird. Überall liegen die Einzelteile rum, es gibt, ohne Zweifel, eine fertige Welt, in der alles passiert. Und wer SHATTER: Work in Progress besucht, kann sich diese Welt zusammensuchen. Eine Welt, die Stück für Stück wächst, mit immer neuen Ideen immer mehr Leben bekommt – und vielleicht, irgendwann einmal, groß und stark und erwachsen wird. Als was genau, das weiß niemand.

Bildquellen

  • 20170810_184927: Jan Fischer