Zufällige Verdachtsmomente dafür, dass Matthias Matussek ein Arschloch sein könnte

Unser Autor hat sich einmal das Facebook-Profil des Journalisten Matthias Matussek genauer angeschaut – und das Zentrum einer sich selbst bestätigenden Stammtisch-Filterblase entdeckt, bei der es ihm kalt den Rücken runterläuft.

Du sitzt in deinem Lieblingsladen, dieser Laden, bei dir um die Ecke, da, wo du hingehst, wenn du weg willst, aber auch nichts großes mehr, der Laden ist ein wenig ranzig, aber es geht, die Musik ist gut, die Getränke einigermaßen kühl, du wirst in Ruhe gelassen, niemand interessiert sich dafür, was du angezogen hast, alle sind angenehm unaufgeregt, und im Prinzip ist alles gut.

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Dann wird es plötzlich laut, drüben, an dem Tisch, an dem diese Gruppe älterer Männer sitzt, laut. Eine Stimme sticht hervor, wühlt sich immer wieder aus den Hintergrundgeräuschen hervor, ist vielleicht ein wenig lauter als die anderen, hat ein größeres Mitteilungsbedürfnis als die Stimmen der anderen, und du musst hinhören, es geht nicht anders.

“ich hielt für möglich, dass die Oberlehrer der Gleichstellung 13-Jährige mittlerweile so fragen, denn wir leben in Zeiten, in denen sich eine vierfache Mutter, die von der traditionellen Familie als ihrem Lebensideal spricht, darüber belehren lassen muss, dass sie damit eventuell die Homosexuellen beleidigt.

In Zeiten, in denen der Gleichstellungsfachmann mit seinem „Beziehungskoffer“ in Berliner Grundschulen auftaucht, wo die Kinder dann pantomimisch schwule Lebenswelten wie „darkrooms“ erobern sollen.”,

krakeelt die Stimme, und die anderen alten Männer am Tisch klatschen und stoßen mit ihrem Bier an.

“Was für ein Eiertanz um die einfache Tatsache, dass die schwule Liebe selbstverständlich eine defizitäre ist, weil sie ohne Kinder bleibt. Der Philosoph Robert Spaemann hatte es in einem Interview mit der “Welt” so ausgeführt: “Das Natürliche ist auch moralisches Maß für die Beurteilung von Defekten. Nehmen Sie die Homosexualität: Die Abwesenheit der sexuellen Anziehungskraft des anderen Geschlechts, auf dem die Fortexistenz der menschlichen Gattung beruht, ist ein solcher Defekt. Aristoteles nennt das einen Fehler der Natur. Ich sage, es ist einfach ein unvollständig ausgestattetes Wesen, wenn es über die Dinge nicht verfügt, die zu einem normalen Überleben gehören.”

fährt die Stimme, ein wenig lauter, fort.

“Im Kampf gegen rechts gibt es die erstaunlichsten Rollenspiele. Eine Aktivistin schrieb darüber, welchen Anfeindungen sie ausgesetzt sei, weil sie die AfD kritisiere. Sie fühle sich mittlerweile “wie in den Dreißigerjahren”. Das ist der Vorteil der Hysterie um Pegida, AfD und andere neurechte Bewegungen – sie versorgen noch den mittelmäßigsten Spießer nachträglich mit einer Widerstandsvita. Nach dem Motto: Diesmal verstecken wir die Juden im Keller. Hitler hätte heute keine Chance mehr.

Allerdings ist der Griff in die antifaschistische Requisitenkammer nur bedingt logisch, denn die Ironie besteht ja darin, dass der kriegerische Islam antisemitisch ist. Er will Israel auslöschen und die Juden gleich mit. Sodass diejenigen, die für eine islamische Willkommenskultur streiten, möglicherweise auch eingefleischte Judenhasser gleich mit umarmen. Und mögliche Bombenleger.”

schreit diese Stimme durch deine Lieblingskneipe, und der Tisch mit den alten Männern, jubelt, Hört, Hört! schreien sie, und der Besitzer der Stimme – du schaust ihn jetzt direkt an – nippt selbstzufrieden an seinem Bier. Die Kumpel können sich ja nicht irren, er ist eine coole Sau.

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Das ist eine lange Einleitung – eigentlich nur, um eines zu sagen: Matthias Matussek zu lesen, das ist exakt so: Diesem unangenehmen Typen zuzuhören, dessen Stimme sich viel zu laut ungefragt in bessere Gedanken drängt, der seine konservative Meinung als große, progressive Weisheit verbreitet, und dabei so neben der Spur liegt, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll da reinzugrätschen. Das ist dieser Matussek-Denkmodus: Stammtisch, aufpoliert für Print.

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Das Faszinierende an Matussek ist tatsächlich, dass er offenbar Zeitungen – und vor allem sein Facebook-Profil – als Forum fürs gedankenlose Herumpöbeln versteht, durchsetzt von pointenlosen, privaten Fotoserien, und das alles lebt zum Einen von der Aura seiner vergangenen Leistungen als Journalist und der Leute, die um seinen virtuellen Stammtisch herumsitzen und ihn in seiner Pöbelei bestätigen.

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Man kann Matussek auf Facebook dabei zuschauen, wie er immer weiter in seine eigenartige Mischung aus Islamhass, Katholikentum, Konservatismus, Systembestätigung und Vorurteilen hineindriftet, komfortabel getragen von seiner Filterblase, die nicht ganz so laut ist, sich dann aber von einem Herumkrakeeler mit lauter Stimme und etwas Bekanntheit bestätigt fühlt.

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Zum Einen ist das ein Lehrstück darin, dass man sich niemals auf Algorithmen verlassen sollte, die einen nur in seinen Ansichten betätigen, zum Zweiten vielleicht auch ein Lehrstück darüber, wie sich Ansichten, egal, aus welcher Richtung, in die Gesellschaft hineinfressen können. Zum Dritten ist es einfach nur gruselig, Matussek, einem per se ja gar nicht dummen und nicht ungenau beobachtenden Menschen, dabei zuzusehen, wie er verzweifelt versucht, sich zu fundierten Meinungen zu strampeln – und immer kurz davor an sich selbst verreckt.

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