Edition Digital Culture: Die Welt hinter den Katzenvideos

Die Edition Digital Culture steigt tief ins Netz ein – und findet dort eine beeindruckende Welt hinter den Katzenvideos.

Halt, Stopp. Einmal kurz den Scrollfinger hochnehmen, bitte, von der Maus, vom Touchscreen. Lass einmal kurz die Katzenvideos Katzenvideos sein, die immer gleichen Memes sind auch in ein paar Minuten noch da, die schönen, inspirierenden Sprüche sind auch gleich noch pointenlos.
Das hier ist jetzt gerade mal wichtig. Dauert auch nicht lange.
Denn, auch auf die Gefahr hin, dass das etwas ketzerisch klingt: Es gibt im Internet eine Welt hinter all diesen Dingen.
Man muss sich das mal denken, als wäre es noch nicht normal, dieses Netz. Als wäre es tatsächlich etwas besonderes, das wir da jeden Tag zur Verfügung haben und in unseren Taschen mit uns herumtragen. Denn das ist es. Auch, wenn der Facebook-Feed zu den immer gleichen Sprüchen und Bildern degeneriert, auch, wenn auf Twitter immer dieselben Pointen hochgespült werden, auch, wenn es vollkommen normal ist, zwischendrin mal eben die eine oder andere Zusammenfassung einer Pokémon-Episode nachzulesen, weil man sich nun auch nicht alles merken kann. Mehr Information war noch nie. Und das Netz wächst, irrsinnig schnell, immer, die ganze Zeit. In jeder Sekunde wird der vorletzte Satz wahrer. Es ist der Wahnsinn, wenn man mal drüber nachdenkt.

Die digitale Kultur

Und selbstverständlich hat sich hinter dieser ganzen Information auch schon längst eine Kultur herausgebildet, eine, die auf viralen Videos, auf Remixes, auf globalen Witzen und Phänomenen basiert, die erste, wenn man so will, wirklich weltumfassende Kultur des Postens, Veränderns, Mixens, des Kommunizierens, die ihre ganz eigenen Codes, Witze und eben auch festgefahrenen Ideen entwickelt hat.
Wie jede Kultur und die Technik, auf der sie basiert, bringt auch die digitale Kultur die Möglichkeit zum Gebrauch und zum Missbrauch mit sich – vor allem bringt sie, nachdem sie entsteht, das Bedürfnis hervor, darüber zu sprechen, sich damit zu beschäftigen, in die, wenn man so möchte, tieferen Gegenden dieser Kultur einzudringen und zu schauen, was genau man eigentlich hinter all diesen einfachen Benutzeroberflächen noch so damit anstellen kann.

Tiefer eindringen

Das ist der Punkt, an dem die Edition Digital Culture aus dem Christoph Merian Verlag ins Spiel kommt. Jeder der bis jetzt drei Bände beschäftigt sich mit einem spezifischen Phänomen der digitalen Kultur und dringt etwas tiefer darin ein – der erste Band befasst sich mit digitalem politischem Aktivismus, der zweite mit der Kunst des Hackens und der dritte mit dem gut ausgedachten, aber in der Praxis eher undurchschaubaren Rechtekonvolut von Public Domain beziehungsweise Gemeinfreiheit. Jeder Band umfasst Essays, Interviews oder praktische Beispiele von künstlerischem Umgang über sein und mit seinem Thema, jeweils auf deutsch und englisch, und ist für interessierte Laien gedacht, die etwas tiefer in eine neue Kultur und ihre Techniken eindringen wollen.

Künstlerische Praxis

Dass es so etwas gibt, ist gut und wichtig – kleine, feine, schnell lesbare Texte, die kritisch auf und in das Datenrauschen schauen und versuchen, Neues zu sehen und zu beschreiben. Es geht dabei in den Texten oft um ganz praktische Beispiele, künstlerische Verformungen von Phänomenen oder Gedanken, die mit Digitalisierung zu tun haben. Dabei steht zwar immer das Lob des Digitalen im Vordergrund – anders ist es bei der Auswahl der im und ums Netz eher umtriebigen Autoren und Autorinnen nicht zu erwarten – dennoch ist nicht alles hochjubelndes, unkritisches Lob. Besonders im zweiten Band, in dem es ums Hacken geht.
Spannend ist in der Buchreihe nicht nur der Blick ins Netz – es sind meistens vor allem die konkreten Ausgangspunkte, die Praxis der künstlerischen Projekte, welche die Bände lesenswert machen, wie Zone*Interdite von Christoph Wachter und Mathias Jud, Delivery for Mr. Assange der !MedienGruppe Bitnik oder auch nur die Bemühungen des Statens Museum for Kunst in Dänemark, sämtliche gemeinfreien Werke im Besitz des Museums online zugänglich zu machen.

Eine ganze Welt

Interessant ist dabei, dass sich in den Essays schon andeutet, dass künstlerische Praxis, das Reden darüber und die Frage, wo Kunst aufhört und wo der Aktivismus, das Hacken, die gesellschaftspolitischen Aktionen anfangen, nicht eindeutig zu klären ist – nicht, dass das eine besonders neue Erkenntnis wäre, trotzdem zeigen die Bände noch einmal eindrucksvoll, dass gerade im digitalen diese Grenzen fließend, wenn nicht irrelevant sind. Denn trotz allem ist das Netz für den, der weiß wie, nach wie vor ein Schutzort, an dem erstmal alles möglich ist.
Und wenn die Onlinewelt aus zu vielen Katzenvideos und inspirierenden Sprüchen besteht und aus zu wenig Substanz, heißt das letztendlich nichts als: Hinter den Katzenvideo wartet noch eine ganze Welt darauf, entdeckt und beschrieben zu werden – die Sprache dafür haben wir. Die Edition Digital Culture macht einen Anfang.


Titelangaben: Dominik Landwehr (Hg.): Political Interventions. Edition Digital Culture 1
Basel, Christoph Merian Verlag 2014
248 Seiten, 15,00 EUR

Titelangaben: Dominik Landwehr (Hg.): Hacking. Edition Digital Culture 2
Basel, Christoph Merian Verlag 2014
260 Seiten, 15,00 EUR

Titelangaben: Dominik Landwehr (Hg.): Public Domain. Edition Digital Culture 3
Basel, Christoph Merian Verlag 2014
252 Seiten, 15,00 EUR

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