Es gibt sie noch, die alten Männerrollen

Raue Kerle, nackte Weiber, Fußball und ein kaltes Bier: Martin Spieß über veraltete Männer- und Frauenbilder im Netz.

Ich muss nicht grillen. Ich esse auch mal Salat. Ich muss kein Hobbyhandwerker sein, der Bohrmaschinengebrauch und Regalbau im Blut hat. Ich muss nicht viel vertragen. Ich zähle nicht voller Stolz die Male, die ich bei der letzten Sauftour gekotzt und trotzdem weitergesoffen habe. Fußball ist keine Religion und Bier nicht der Mittelpunkt des Universums. Ich muss mir nicht ständig Pin-Up-Girls angucken (mal davon ab, dass der US-amerikanische Playboy gerade angekündigt hat, dass damit nun auch Schluss ist.)

Geht es nach dem Onlinemagazin mann.tv, muss ich jedoch genau das. „Das Onlinemagazin für Männer“, das auf seiner Facebookseite mit dem Slogan „WIR WOLLEN ALLE NUR DAS EINE!“ (jawohl, in Großbuchstaben) wirbt, käut da ein Männerbild wider, das ausschließlich aus Klischees und Stereotypen besteht: Bier trinken, Grillen, Fußball und (halb-) nackte Frauen angucken.

Die Seite transportiert gleichzeitig außerdem ein sexistisches Frauenbild: Frauen quasseln in einer Tour, können nicht einparken, wollen ständig nur shoppen und haben ihre Emotionen nicht im Griff.

Lebensweisheiten aus der Hölle

Diese und andere Vorurteile verpackt die Redaktion von mann.tv in Clickbait-Bildchen, die oft mit „Lebensweisheiten von Männern für Männer“ überschrieben sind. Die Sprüche lauten dann etwa:

„Hinter jeder wütenden Frau steht ein Mann, der absolut keine Ahnung hat, was er schon wieder falsch gemacht hat.“

„Männer können trinken, ohne Durst zu haben. Frauen können reden, ohne ein Thema zu haben.“

„Frauen gähnen morgens beim Aufstehen, Männer haben morgens eine Morgenlatte. Das kann doch kein Zufall sein, oder?“

Mindestens genauso oft postet die Redaktion Links zu Videos auf der mann.tv-Internetseite. Da finden sich dann Perlen wie „Motorradsprung von der Skischanze! Der Kerl hat Eier aus Stahl! Hammer!“ oder „Das neue Partnerspiel! Finger oder Penis? Das ist hier die Frage! Zum Schießen witzig…“.

Mario Barth würde frohlocken

Extremsport, harte Kerle, das kalte Bierchen nach getaner Arbeit, ohne dass die Alte nervt: es scheint so schön zu sein, sich auf dem vermeintlichen Wissen über die kleinen Unterschiede auszuruhen, dass mann.tv nicht die einzige Seite dieser Art ist. Die MÄNNER Seite (die man richtigerweise mit Bindestrich schreiben müsste), hat mit über 750.000 Likes mehr als doppelt so viele wie mann.tv. Der Inhalt aber ist derselbe: Stereotypie, Klischees, Sexismus. Und der Untertitel auf der Homepage maennerseite.net spricht Bände: „Das Männermagazin für die besten Menschen der Welt“. Mario Barth würde jauchzen und frohlocken.

Man könnte jetzt fragen, ob diese Haltung der Tatsache geschuldet ist, dass sich auf Vorurteilen auszuruhen lediglich einfacher ist. Auf nichts kann man sich verlassen: der Job ist unsicher, die Renten sowieso, Europa bekommt die Flüchtlingskrise nicht in den Griff und PEGIDA will Gabriel und Merkel hängen sehen.

Vielleicht brauchen die Menschen ein Refugium. Einen panic room, in dem man vor der sich ändernden Welt sicher ist. Vor allem vor „Genderwahn“ und „Gleichmacherei“. Ein „is doch so!“ als Trotz, als Rückversicherung, dass es eben Dinge gibt, die sich nie ändern. Wie wirbt der Retro-Versandkatalog Manufactum für seine Produkte? „Es gibt sie noch, die guten Dinge.“

Die gute alte Zeit, die es nie gegeben hat

Aus diesem Satz spricht dieselbe Nostalgie, derselbe Wunsch nach der guten alten Zeit – auch wenn es die sprichwörtliche gute alte Zeit nie gegeben hat. Sie war und ist schon immer ein Symbol für die eigene Unfähigkeit, Vergangenes vergangen sein zu lassen und sich der Gegenwart oder gar der Zukunft zuzuwenden. Den Lauf der Dinge zu akzeptieren.

Männer sind keine harten Kerle, die beim Extremsport ihr Leben riskieren, mit Kumpels Fußball gucken und Bier saufen, während die Alte die Wohnung zu verlassen hat. Frauen treffen sich nicht mit ihren Freundinnen zu Prosecco und GNTM, um gackernd über Belanglosigkeiten zu quasseln, ohne – abgesehen von Schuhen und Männern – ein Thema zu haben. Frauen sind für Männer nicht nur dann ein Thema, wenn sie mit gemachten Brüsten für einen Fotografen posieren und zum „Schnittchen zur Wochenmitte“ degradiert werden.

Wir schreiben das Jahr 2015. Männer und Frauen dürfen selbst entscheiden, ob sie sich ein Nackensteak oder eine Tofuwurst auf den Grill legen. Weil sie als Individuen eine Entscheidung treffen. Da können mann.tv oder Die MÄNNER Seite (wo ist der fucking Bindestrich, Jungs?) noch so ausdauernd an ihren anachronistischen Rollen festhalten. Wie hat Bob einst gesungen? The times, they are a-changin’.

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