Ninia Binias aka Ninia LaGrande im Interview

„Es ist ja nicht so, dass ich die ganze Zeit frustriert herumlaufe“ – Ein Interview mit Ninia LaGrande

Ninia Binias – besser bekannt als Ninia LaGrande – über Arbeit, Alltag, die Blicke der anderen und #keinzwerg.

Ninia Binias – besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Ninia LaGrande – geistert in letzter Zeit immer mal wieder durch die deutsche Medienlandschaft. Noch präsenter ist sie als Moderatorin, Slammerin und Autorin auf den deutschen Poetry Slams und Lesebühnen.

Als Zum Tode des kleinwüchsigen Schauspielers Michu Meszaros in der Süddeutschen Zeitung ein Nachruf erschien, der, sich, vorsichtig ausgedrückt, im Ton vergriff gehörte Ninia LaGrande zu den lautesten, war aber bei weitem nicht die einzige, die unter dem Hashtag #keinzwerg ihrem Ärger Luft machten (mittlerweile hat die SZ eine Entschuldigung veröffentlicht).
Wenn man LaGrande mit einem Adjektiv beschreiben müsste, wäre das energetisch. Nicht energisch, energetisch. Als sei in ihr sehr viel aufgestaut, das sich irgendwie seinen Weg bahnen muss. Jedenfalls läuft sie im Hannoveraner Café Safran, in dem wir uns treffen, entschlossen auf den Tisch zu, lächelt ein breites Lächeln, bestellt einen Latte Macchiato und spielt gleichzeitig ungeduldig mit ihrem Handy im Ananas-Case. Dann los.

Ninia Binias aka Ninia LaGrande im InterviewJan Fischer: Ich habe deinen Blog gelesen, und alles wirkte, als seist du die ganze Zeit unheimlich beschäftigt.

Ninia Binias: (Lacht) Gerade arbeite ich auf die Sommerpause hin. Ich habe noch zwei Wochen, und dann den ganzen Juli frei. Aber grundsätzlich lebe ich ja vom vom Moderieren und Schreiben. Hauptsächlich für Slams oder für Anthologien oder Magazine, aber ich texte auch noch für die Firma, in der ich früher angestellt war.

JF: Und die deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften organisierst du gerade auch noch mit, oder?

NB: Stimmt, da war ja was (lacht), Aber da verdienen wir vorrangig kein Geld mit, da ging es einfach nur darum, die Meisterschaften nach Hannover zu holen. Jetzt finden sie hier statt, 2017, im Oktober. Da hat sich ein Grüppchen zusammengetan um das zu organisieren. Man muss sich da immer zwei Jahre vorher bewerben und ein bisschen auf die Kacke hauen, von wegen: Das und das haben wir uns schon überlegt. Wir haben den Zuschlag gekriegt, meine Aufgabe ist die Logistik. Ich bin sozusagen die Herrin über die Excel-Tabellen und ich weiß wann welche Deadline wo eingehalten werden muss.

JF: Mich kann man mit Excel-Tabellen ja jagen.

NB: Ich find‘s voll geil, mir macht das richtig Spaß. Es ist nicht super aufwändig, und ich bin gerne der Kopf von solchen logistischen Sachen. Da bin ich mir sicher, dass alles läuft. Wir werden quasi alle Spielorte bespielen, die es in Hannover gibt. Die Eröffnungsgala im Theater am Aegi, das Festivalzentrum ist im Kulturzentrum Faust, da finden auch die Vorrunden statt. Die Halbfinale sind in Herrenhausen in der Orangerie und Galerie und das Finale in der Oper. Das ist schon viel.

JF: Zwischen Subkultur und Hochkultur alles dabei. Du hast ja bestimmt nicht schon immer gesagt, dass du moderieren und schreiben möchtest. Was war der ursprüngliche Plan?

NB: Ich habe Germanistik und Kunstgeschichte studiert, auch zu Ende, auch mit sehr gutem Abschluss. Ich wusste aber überhaupt nicht, was ich danach machen wollte. Irgendwas mit Medien, wie alle, ich habe auch diese ganzen Praktika gemacht. Ich hatte auch ganz kurz überlegt, ob ich an der Uni bleibe und eine Doktorarbeit in Germanistik schreibe. Aber ich habe das eigentlich gehasst. Ich habe mich bei so wissenschaftlichem Arbeiten eher durchgewurschtelt und auch nicht gerne gelernt. Ich habe ein Volontariat bei der Schlüterschen bekommen, Unternehmenskommunikation. Dann habe ich mich in der Firma, bei der ich zuletzt war, beworben, die haben mich gegoogelt, haben meinen Blog und meinen Twitter-Account gefunden und mich gefragt, ob ich Social Media machen möchte. Da habe ich aber schon nebenbei moderiert und bin aufgetreten, das wurde irgendwann so viel, dass ich mich endgültig selbstständig machen musste.

JF: Wie lange bist du schon selbständig?

NB: Das ist jetzt fast schon ein Jahr her, und das klappt ganz gut. Aber es ist, gerade im Poetry Slam, natürlich nicht einfach. Viele der jungen Slammer und Slammerinnen, die jetzt nachwachsen haben diese krassen Vorbilder. Die auch alle ein wenig berühmt sind und im Fernsehen auftreten, und die sehr gut davon leben können. Die denken: Ich mache das jetzt auch. Denen ist dann nicht bewusst, dass die Leute das teilweise schon seit 10 Jahren machen und davon 8 nur rumgefahren sind und von Luft und Liebe gelebt haben und das einfach total anstrengend ist.

JF: Es wächst also im Poetry Slam viel Nachwuchs heran?

NB: Ja, und das ist ja auch gut so, vor allem, weil da viele Mädchen und junge Frauen dabei sind. Die sind auch alle gut. Es gibt ja immer noch die Meisterschaften für die unter 20jährigen, die gibt es u.a. aus rechtlichen Gründen. Die sind ja immer noch sehr jung, manchmal 15 oder 16. Die können einfach nicht bei den Großen mitmachen, weil die teilweise auch nach 22 Uhr nicht mehr dort sein dürfen. Es kommt aber durchaus vor, dass da ein 16jähriger alle Älteren mit seinem Text wegbrennt.

JF: Kommt du gerade überhaupt zum Schreiben?

NB: Es ist nicht so, dass ich plötzlich einen Tag frei habe und mich zum Schreiben hinsetze. Es ist ist eher so, dass ich Ideen wochenlang mit mir herumtrage. Ich tippe das immer in die Handy-Notizapp, damit ich nichts vergesse, besonders oft passiert das nachts, so kurz vorm Schlafengehen. Und wenn ich Zeit hab, verwurste ich eine von den Ideen. Der Text steht ja schon, ich muss ihn nur noch aufschreiben. Ich mache auch viel im Zug. So richtig Zeit habe ich dann aber erst im Sommer, vor allem bei eigenen Sachen ohne Auftrag. Das geht erst im Urlaub. Am besten auf eine Fähre ohne Handyempfang.

Ninia_Interview-013JF: Hast du eigentlich eigenartige Angewohnheiten beim Schreiben? Brauchst du immer dasselbe Getränk, musst du immer am selben Ort sein, die Seite immer gleich formatiert haben?

NB: Ich kann tatsächlich überall schreiben. Ich wechsele den Ort, wenn ich merke, dass es irgendwo nicht mehr geht. Ich gehe auf den Balkon, auf den Fußboden, in ein Café… Ich habe viele andere Ticks. Aber nicht beim Schreiben (lacht).

JF: Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass die Leute dir nachschauen, wenn du hier reinkommst. Tatsächlich ist das aber gar nicht passiert, das macht mir ein bisschen meine Überleitung in den nächsten Themenblock kaputt. Aber dass dir niemand nachgeschaut hat, ist ja auch schon mal eine gute Sache.

NB: Ja, auf jeden Fall. Es sind ja nicht so viele Menschen hier, und Linden ist ein Viertel in Hannover, in dem es Leute gibt, die noch sehr viel spektakulärer aussehen als ich. Deswegen fühle ich mich hier so wohl.

JF: Woanders passiert dir das aber öfter?

NB: Ich glaube sogar öfter, als ich es merke, weil ich inzwischen sehr daran gewöhnt bin. Wenn ich mit Leuten, die ich neu kennenlerne zum ersten Mal durch die Stadt gehe, dann merken eher die, dass ich angekuckt werde. Ich kucke ja auch bei Leuten, die besonders groß, klein, dick, dünn oder sonstwas sind, oder einen tollen Stil haben. Das muss ja nicht immer etwas negatives sein, wenn man auffällt. Unangenehm wird es, wenn Leute länger starren oder anfangen zu reden. Da kann ich nicht so gut mit umgehen.

Ninia Binias aka Ninia LaGrande im InterviewJF: Gehst du dann hin und sagt ihnen, dass sie es lassen sollen?

NB: Um Gottes willen. Ich bin bei Leuten, die ich nicht kenne eher schüchtern, ich würde nie von selber das Gespräch anfangen. Manchmal kucke ich einfach nur zurück, bis es den anderen auch unangenehm wird. Ich versuche der Situation eher zu entkommen und über das Schreiben oder den Blog Leute dazu zu bewegen, mal ein bisschen länger nachzudenken.

JF: Gibt es auch wirklich schlimme Situationen, also solche, an die du dich vielleicht nicht so einfach gewöhnen kannst?

NB: Die haben weniger mit der Größe zu tun als damit, dass ich eine Frau bin und nachts alleine unterwegs bin. Aber es gibt so Sachen, die versuche ich zu vermeiden: Größere Teeniegruppen fangen gerne mal an zu kichern, was ich verstehen kann, weil ich auch mal Teenie war und alles lustig fand, was irgendwie anders war. Aber ich empfinde das als anstrengend. Oder Menschen drängeln sich in der Schlange vor, und sagen dann: “Entschuldigung, ich dachte, Sie wären ein Kind”, wo ich dann denke: Bei einem Kind wäre es also ok gewesen sich vorzudrängeln. Aber das passiert selten, und auch nicht überall. Auf Island und in Kanada habe ich mich sehr wohl gefühlt, ich hatte das Gefühl das interessiert die einen Scheißdreck, wie ich aussehe. Als ich dann wieder in Hannover war – obwohl es hier eigentlich geht, mittlerweile kennen mich ja ein paar Leute – oder in Braunschweig, wo meine Eltern wohnen, war das sehr anstrengend. Ich kam aus einer Situation, in der nie jemand gekuckt hat, und plötzlich kucken wieder alle und sind unfreundlich.

JF: Also eher eine deutsche Sache?

NB: Das ist auch nicht überall in Deutschland so. In Berlin oder Hamburg in bestimmten Vierteln ist das genauso wie in Vancouver. Das ist eher so eine Art Grundstimmung. Als ich aus Kanada und Island wiederkam, ist mir das extrem aufgefallen. Aber in europäischen Ländern war das kein großer Unterschied. Vielleicht liegt das aber auch an einer anderen Art von Höflichkeit.

JF: Wollen wir, auch, wenn das große Trara schon wieder vorbei ist, über #keinzwerg reden?

NB: Es ist ja nur die aktuelle Geschichte vorbei. Aber grundsätzlich, wie man das an den Kommentaren in der BILD, der Vice und auch bei Twitter gesehen hat, ist das noch nicht aus den Köpfen.

JF: Das sind dann was für Kommentare? Sowas wie „Regt auch mal nicht auf, es gibt Wichtigeres?“

NB: Ach, so Wortspielchen. Zwergenaufstand, das fällt oft. Und natürlich fühlen sich Menschen in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt, bei mir auch der alte Witz, den ich auch schon ewig kenne, von wegen dann kann sie blasen ohne sich zu bücken. Dass da jetzt die Gutmenschen kämen und sich schon wieder aufregen. Sowas halt, wie immer.

JF: In deinem Blog schreibst du, du seist wütend gewesen, als du den Artikel zum ersten Mal gelesen hast. Bist du immer noch wütend?

NB: Nicht mehr so, wie als ich ihn zum ersten Mal gelesen habe. Was mich wütend macht ist, dass die SZ sich für meine Begriffe öffentlich nur für die Formulierung „Zwerg“ entschuldigt hat. Wobei man auch sagen muss, der Hashtag hieß auch #keinzwerg. In dem Artikel war aber so viel anderes noch ganz schlimm. „Von ihnen geht ein märchenhafter Zauber aus“, „Ihre Stimmen sind höher als die mancher Frauen“, was gleichzeitig noch sexistisch ist, „man möchte fast selber schrumpfen, wenn man sie sich so ansieht“. Was mich wütend macht ist, dass alles so in einen Topf geworfen wird. Da leistet man seit Jahren diese Aufklärungsarbeit, von wegen: Kleinwüchsige gibt’s nicht nur im Zirkus und auf der Bühne, das ist nicht von der Natur so angelegt. Und dann kommt jemand und macht das mit einem Wisch weg, weil es auch in einem großen Medium veröffentlicht wurde. Aber ich bin keine, die täglich super frustriert und wütend durch die Gegend läuft, ich arbeite ja eher mit Humor und Satire. Aber da fiel mir das im ersten Moment schwer.

JF: Der Aktivismus ist also nach wie vor nötig?

NB: Mir geht es ja nicht nur um Kleinwüchsige. Menschen mit Behinderungen müssen mehr in die Gesellschaft eingebunden werden, nicht nur eingebunden, sondern gleichwertig behandelt werden. Kleinwuchs kann ich natürlich am besten nachvollziehen, andere Behinderungen nicht, darüber kann ich nicht so gut sprechen. Da gibt es aber immer noch einige Probleme. 2013, zum Beispiel, gab es ja diese Liliputaner-Action, so hieß die Party, in einer Diskothek in Cuxhaven. Da war ein kleinwüchsiger Darsteller in der Disko, den mussten die Gäste jagen. Und wenn man den gefangen hatte und in einen Käfig gesperrt, bekam man einen Flachbildfernseher.

JF: Nein.

NB: Doch. Das kam nur heraus, weil der Darsteller sich danach beim Tanzen verletzt hatte, von einem Podest gefallen oder so. Bis in die 90er hinein gab es auch einen Freizeitpark mit einem Liliputanerdorf, da konnte man sich anschauen, wie die kleinen Leute leben. Es gibt da auch einen Foreneintrag, der für mich sehr bezeichnend ist, in dem sich jemand darüber beschwert, dass dort im Delfinarium lebendige Delfine gehalten werden, das ginge doch nicht, aber das Liliputanerdorf sei sehr schön. Es gibt da noch viel an Aufklärungsarbeit zu leisten, das ist anstrengend und manchmal frustrierend.

JF: Ich wünsche auf jeden Fall viel Erfolg. Und vielen Dank für das Gespräch!

 

Ein großer Dank geht an Simona Bednarek von Bednarek Photography für die Fotos.

Bildquellen

  • Ninia Binias aka Ninia LaGrande im Interview: Bednarek Photography / Simona Bednarek
  • Ninia Binias aka Ninia LaGrande im Interview: © Bednarek Photography / Simona Bednarek
  • Ninia Binias aka Ninia LaGrande im Interview: © Bednarek Photography / Simona Bednarek