Ex: Jonis Hartmann und seine scharfkantigen Textschmuckstücke

in Ex verschiebt Jonis Hartmann mit seiner Sprache die Grenzen der Realität. Außerdem ist das Buch gutes Mittel gegen Flugangst.

Ich habe manchmal leichte Flugangst. Es ist nicht schlimm, ganz leichte Wellen verzweifelter Todesangst nur, die in unregelmäßigen Abständen über mich hinwegwaschen, während ich in einer engen Metallröhre in ein paar tausend Metern Höhe sitze und irgendwo über den Erdball schieße und mich freue, bald auch irgendwo anders anzukommen. Ich rede nicht gerne darüber. Nicht, weil ich mich schämen würde Angst zu haben, sondern weil es eine so irrationale und bekloppte Angst ist.

Auf meinem letzten Flug – vor ein paar Tagen erst – haben zwei Dinge geholfen. Einmal war das eine laute und schon vor dem Abflug sehr betrunkene Gruppe Altligisten irgendeines Turn- und Sportvereines in identischen schwarzen Sakkos mit Vereinslogos, die während des ganzen Fluges vor sich hin lärmten. Solche Menschen, dachte irgendein eigenartiger Winkel meines Hirns, sterben nicht in einem gigantischen Feuerball, der explodierend irgendwo zwischen den Alpen und dem Mittelmeer vom Himmel fällt.

Das andere war Jonis Hartmanns Band Ex. Es ist nur ein schmales Bändchen, 99 Seiten, mit kurzen Texten, die selten länger als eine Seite sind und formal irgendwo zwischen Lyrik und Kurzprosa umhervagabundieren. Und die immer versuchen, mit sprachlichen Grenzgängen Wahrnehmung der Realität ein wenig zu verschieben. So wie hier:

Innovativ wie Asche

An einem grauen Morgen, dessen Jahreszeit unerheblich ist beging ich zum erstem Mal keinen Fehler. Ich blieb im Bett. Mit den nicht vorhandenen Sonnenstrahlen im Hintergrund, stopfte ich mir die Bettdecke in den Mund. Erst ging es sehr langsam voran, dann irgendwann lief es von selbst. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon nicht mehr am Leben, sondern Teil der Belegschaft der Apparatur, die sich, angetrieben von jenem mächtigen Wort, in Kreisen um den Schacht bewegt, um das bisschen Erröten auf den Antlitzen der Sterne zu erzeugen.

Ex ist nach Bordsteinsequenzen das zweite Buch des 1982 geborenen Autors, das im Elif Verlag erscheint. Hartmanns Texte in Ex sind gleichzeitig sehr charmant, poetisch und feindlich. Charmant und poetisch, weil sie sich durchaus in Alltagsstationen und -beobachtungen verankern, poetisch, weil sie von diesem Anker aus in oft eigenartig gebrochen glänzende Bilder abheben. Feindselig, weil es Rätseltexte ohne Lösung sind, wie ein Rubikwürfel, an dem es ein farbiges Feld zuviel gibt. Man steht oft kurz davor zu verstehen, worum es in Hartmanns Texten geht – und dann wird ein weiteres Bild, eine weitere Formulierung hineingeworfen und das Rätsel beginnt neu. Oft fühlt es sich an, als fehle nur ein kleines Teil, eine kleine Verbindungslinie um die Texte entschlüsseln zu können – beides davon wird aber schlicht nicht geliefert. Was, selbstverständlich, eine große Stärke der Texte ist, die als kleine, funkelnde und scharfkantige Schmuckstücke über die Seiten gesprenkelt sind.

Realitätsverschiebung

Es sind Texte, die auf eigenartige Weise es schaffen, die Realität zu verschieben – sowohl sprachlich als auch inhaltlich ein Universum anderer Wahrnehmung nur soweit zu berühren, wie es verständlich bleibt. Weniger, und die Texte wären nichts besonderes. Mehr, und sie wären unverständlich. Jonis Hartmann wandelt in Ex auf dem sehr feinen Grat dazwischen. Die Realitätsverschiebung zieht sich bis in die Sortierung des Buches: Auf den ersten Blick ist es alphabetisch unterteilt, A-Z, keine großen Überraschungen, aber dann fehlen plötzlich zwischendrin Buchstaben, einzelne Buchstabenblöcke sind zusammengruppiert und tragen Titel wie „Depri“ oder „Smrt“ und zerschießen die alphabetische Sortierung noch weiter. Und dass das ganze am Ende bei genau 99 Seiten landet, ist sicherlich auch kein Zufall. Was das bedeutet? Keine Ahnung. Aber irgendwo gibt es sicherlich eine Realität, in der das alles sinnvoll zusammenfindet. Wir hier bei uns sehen nur kleine, faszinierende Stücke davon.

Es ist genau diese Verschiebung, dieses Anblitzen einer anderen Realität, das die Texte zum Hirnverknoten interessant zu lesen macht, der Spaß, sich in das fremde Wahrnungsuniversum einzuarbeiten und dann dann unser gewohntes mit dem an Hartmanns Texten geschärften Blick anders zu betrachten.

Naja, und wenn die Realität dann genug verschoben ist, wenn das Hirn in schwindelerregender Höhe lange genug um das Rätsel kreist, dann geht auch die Angst weg, und die Neugier siegt.

Jonis Hartmann: Ex
Elif Verlag, 2019
99 Seiten, 18 EUR

Bildquellen

  • Jonis-Hartmann-Cover: Elif Verlag
  • IMG_20190404_164210: Jan Fischer