The sun always shines on tv

The Sun always shines on TV: Hilfe, die Dotwins sind gekommen! – Kleine Geschichte des interaktiven Fernsehens

Jedes Jahrzehnt hat seinen multimedialen Technologie-Hype: Heute ist es Virtual-Reality. Vor 15 Jahren war es noch interaktives Fernsehen, aber so richtig interaktiv war es eigentlich nie. Folge # 28 (29. April 2001)

Pro7 hat seit dieser Woche voll aufs Kindchenschema gesetzt und an das Gewissen der Zuschauer appelliert, kleinen, runden, roten Technowesen mit großen Augen dabei zu helfen, ihre Heimat wiederzufinden. „Bring mich zum Licht!“ quieken sie in Werbespots und flehen uns so an, sie von ihren unwürdigen Haftbedingungen in McDonalds-Restaurants, Shell-Tankstellen und Bild-Zeitungs-Verkaufsstellen zu befreien. Wer kann sich nicht vorstellen, wie es an solch dystopischen Plätzen unserer Gesellschaft zugeht, und wäre deshalb nicht bereit, eine Rettungsaktion zu starten? Die Frau am Kiosk an der Ecke, die als Bild-Zeitungs-Verkäuferin eine solche Sklavenhalterin ist, hat aber keine mehr, so viele Menschen waren zu spontanem karitativen Verhalten bereit. Allerdings hält sie auch nicht viel von der Aktion, das ginge doch sowieso immer alles an die DDR. Womit sie nicht die kleinen roten Männchen meint, sondern die Gewinne, die man mit seinem uneigennützigem Verhalten einstreichen kann. Denn außer einem reinen Gewissen und der Gewißheit, einen Platz im Himmelreich reserviert zu haben, weil man bedürftigen Wesen geholfen hat, gibt es auch einige unbedeutende Zugaben wie einen VW Sharan oder eine Reise nach Mexiko. Die, so die Logik der Kioskbesitzerin, zum größten Teil an die kleinen, runden, sächselnden Zonis gehen werden, weil so auch ihnen das Licht gebracht werden kann, das ihre finstere Ostblockexistenz ein wenig aufhellen kann. Programmdirektoren und Gewinnspielanbieter haben nämlich auch ein Gewissen, weshalb ihre ganzen Unternehmungen rein humanitären Zielen dienen.

Ein Blick auf die Spielregeln zeigt, daß das Seelenheil der Technoknubbel nur mit äußerster Anstrengung und Präzision gerettet werden kann. Zunächst einmal muß man herausfinden, in welchen beiden Sendungen des Tages überhaupt die Möglichkeit einer Rettung besteht. Zu Beginn der Sendung wird einem dann mitgeteilt, wo genau auf dem Bildschirm der Dotwin plaziert werden muß. Fünf Minuten lang erscheint ein kleiner roter Signalpunkt, auf den man seinen kleinen, roten Freund kleben muß. Er muß es dort ohne seine Schutzfolie aushalten, die ihn bisher vor Schäden durch die unwirtlichen Bedingungen in Deutschland bewahrt hat. Außerdem muß er es zulassen, daß der rote Signalstrahl durch das Loch in seiner Mitte strahlt. Aber nicht nur das. Ab jetzt wird er während der gesamten Sendung einer Bestrahlung ausgesetzt, die unter dem euphemistischen Etikett „Dotwin-Aktivierungsprozeß“ firmiert. Man selbst muß peinlichst darauf bedacht sein, den Dotwin während der Sendung nicht vom Bildschirm zu nehmen oder gar umzuschalten. Der kleine Freund wäre dann tot. Durch die eigene Nachlässigkeit. Dabei wäre es gar nicht so schwer gewesen, ihn zu retten. Man hätte sich einfach mal dazu durchringen müssen, den mittelmäßigen amerikanischen Fernsehfilm der achtziger Jahre oder die vierte Wiederholung eines Harrison-Ford-Blockbusters auf Pro7 anzutun. Danach hätte man den geretteten Technofreund in einem Briefumschlag in die Freiheit schicken können und eventuell auch einen kleinen Sachpreis als Anerkennung erhalten, was aber gar nicht so wichtig wäre.

Die Dotwin-Aktion von Pro7 reiht sich ein in eine lange Reihe von Aktionen, bei denen die Zuschauer mit ihrem Fernseher interagieren können. Der Preisausschreiben-Aspekt der Dotwins ist dabei die traditionellste Form der Interaktion. Man schreibt an seinen Sender, um entweder eine Frage zu beantworten oder eine Stimme für eine Wahl abzugeben. Als Belohnung kann man einen Preis gewinnen. Der Gewinn für den Sender ist eine Ermittlung von tatsächlichen Zuschauerzahlen, meist gekoppelt mit zusätzlichen Information wie Altersstruktur oder Sozialschichtenzugehörigkeit. Dafür ein Auto rauszuhauen ist finanziell ein Klacks verglichen mit den Kosten für eine Studie durch ein Forschungsinstitut. Außerdem sind die Preise ja gesponsert, weil der Hersteller diese Präsentation seines Produkts im Fernsehen als ebenso kostengünstige Werbung versteht. Eine der ältesten und schönsten Ausprägungen dieser Zuschauerzahlenermittlung ist die Wahl zum „Tor des Monats“ in der ARD-Sportschau. Ernst Huberty und seine Nachfolger(innen) stellten dabei immer die ihrer Meinung nach schönsten Tore des vergangenen Monats zu Wahl, die als Clips eingespielt wurden. Ein kleines Zeichentrickmännchen spielte dabei immer mit einem Ball und dem Torgehäuse, um den unterhalten Charakter dieser Wahl zu unterstreichen. Das „Tor des Monats“ hatte neben der Zuschauerermittlung noch weitere positive Ergebnisse. Erstens gab es der ARD die Möglichkeit, auch eine Alibi-Präsentation vernachlässigter Bereiche zu unternehmen, etwa mit sporadischen Toren von Amateuren, Frauen oder Alt-Herren-Ligen. Das war zweitens ein Test, wie heftig die Reaktion auf solche Randerscheinungen ist, um eventuell über eine verstärkte Berichterstattung nachzudenken. Drittens war das „Tor des Monats“ die Garantie eines prominenten bis skurrilen Studiogastes für die nächste Sendung, weil jeder sich verpflichtet fühlte, nach seiner Wahl den Preis auch abzuholen. Insgesamt also nur Vorteile für die ARD, getarnt als eine sportive und journalistische Veranstaltung.

https://www.youtube.com/watch?v=fIQXs8N07i8

Der zweite Aspekt der Interaktionsmöglichkeit mit dem Fernsehen durch die Dotwins ist allerdings interessanter. Sie bieten nicht nur die konventionelle Teilnahme an einem Gewinnspiel, sie stellen gleichzeitig eine andere Form dar, mit dem Fernsehgerät selbst umzugehen. Es ist eine Beschäftigung mit der Hardware, eine Verfremdung des Kastens, der sich sonst durch immer ausgefeiltere Bedienungsmöglichkeiten unsichtbar machen will. Indem man den Dotwin auf den Bildschirm klebt und den in ihm enthaltenen Filmstreifen belichten läßt, läßt man sich auf ein Spiel mit Technik ein. Dabei bleibt es allerdings auch schon. Einen Mehrwert kann man bei dieser Interaktion nicht erzielen, etwa indem der Filmstreifen ein schönes Bild zur Kontemplation oder eine überraschende philosophische Weisheit präsentieren würde. Das war bei früheren Hardware-Interaktionen anders, deren bekannteste wahrscheinlich das 3D-Fernsehen sein dürfte. Zu Beginn der Achtziger Jahre gab es eine erste Welle, als man in Fernsehgeschäften und beim Optiker eine rot-grüne Pappbrille erstehen konnte, um auf den Dritten Programmen eine Schwarzweiß-Sendung betrachten konnte, in der Moderatoren begeistert über Dreidimensionalität waren und Besenstiele oder Ähnliches auf den Zuschauer richteten. Im letzten Jahr versuchte das ZDF seine Olympia-Berichterstattung durch 3D aufzupeppen. Die Brillen waren immer noch rot-grün, das Programm allerdings in Farbe. Nun konnte man hauptsächlich beim Beachvolleyball den Rundungen der Spielerinnen folgen oder den obligatorischen Ball Richtung Kamera genießen. Leider wurden diese Bilder in den Zusammenfassungen mit normalen Aufnahmen gemischt, so daß die Dreidimensionalität immer nur aufflackerte und man sich nicht auf sie einstellen konnte. So richtig hat sich noch niemand an ein konsequentes 3D-Fernsehen gewagt, wahrscheinlich, weil die Zuschauer mit den Brillen zu dämlich aussehen, als daß sie sich freiwillig zuhause ihren Mitbewohnern oder Gästen so präsentieren wollen.

Eine andere Art der Zuwendung zum Gerät wurde in der WDR-Sendung Hobbythek gepflegt. Im Endeffekt war es ähnlich wie bei den Dotwins, indem man nämlich durch die Interaktion die Teilnahme an einem Gewinnspiel möglich machte, allerdings war der Weg ereignisreicher und damit ein Zugewinn an Unterhaltung. Kurz vor Ende der Sendung mußte man seinen wasserlöslichen Edding bereithalten, um dann einem Leuchtpunkt zu folgen. Daraus entstand dann, wenn die Hand nicht zu zittrig war und man auch an den richtigen Stellen ab- und wieder angesetzt hatte, ein Bilderrätsel. Den Rest der Sendung sah man dann noch durch die Eddingkritzeleien, bevor man abschaltete und dann am Lösungswort knobelte. Diese Knobelei war der Mehrwert, den man erhielt. Außerdem mußte man anschließend den Fernseher wieder saubermachen, wodurch der Bildschirm regelmäßig sauberer war, als in den heutigen, interaktionslosen Zeiten. Meistens fand diese Säuberung allerdings erst am nächsten Tag statt, wenn man den Fernseher pünktlich zur Tagesschau das erste Mal wieder anschaltete und fluchend feststellte, daß Köpckes Gesicht durch Graffiti verziert war.

Die avancierteste Form der Mehrwert-Interaktion wurde von einer weiteren WDR-Sendung betrieben, dem Computerclub von Wolfgang Back (Ex-Hobbythek-Moderator neben Jean Pütz, somit wahrscheinlich auch kreativer Kopf hinter dem Bilderrätsel und damit Hauptprotagonist des interaktiven Fernsehens in Deutschland). Im Jahr 1983, als der Computerclub gestartet wurde, waren die damals aufkommenden Heimcomputer noch so teuer, daß man zusätzliche finanzielle Belastungen für Diskettenlaufwerke umgehen wollte und auf die Möglichkeit einer Datensicherung und –bereitstellung durch Audiokassettenrekorder auswich. Am bekanntesten war die sogenannte Datasette für den C64. Auf den Kassetten befand sich ein fürchterliches Gequietsche, neben dem sich heutige Modemeinwählgeräusche wie Musik anhören. Eigentliche war dieses Gequietsche aber ein Abfolge von hohen und tiefen Tönen, die für „Eins“ bzw. „Null“ standen, also ein Maschinenspracheprogramm darstellten; das geschah aber so schnell, daß es sich für das träge menschliche Ohr wie ein einziger fieser Ton mit leichten Schwankungen anhörte. Wolfgang Back und sein Team hatten nun die brillante Idee, den Zuschauer einen kostenlosen Software-Service anzubieten. Nach der Ankündigung, welche Art von Programm er in dieser Sendung bekommen konnte, mußte der Zuschauer seinen Kassettenrekorder an den Kopfhörerausgang des Fernsehers stöpseln und auf Aufnahme drücken. Im Studio wurde dann das Gequietsche gestartet und gesendet, was auf der Kassette aufgezeichnet wurde und später in den Computer eingelesen werden konnte. Für alle diejenigen, die nicht den Kopfhörerausgang des Fernsehers belegten, kam dieses Gequietsche natürlich in voller Pracht und Lautstärke über den regulären Lautsprecher, weshalb dieser Sendeteil in der Szene auch „Hard-Bit-Rock“ genannt wurde. Bei einer Übertragungsrate von 6 Kilobyte pro Minute kamen so schon mal einige Minuten zusammen, in denen vom WDR nur schrille Töne gesendet wurde, während der Moderator stumm das Ende der Übertragung abwarten mußte.

Datasetten gibt es nicht mehr. Eine Zeit lang versuchte sich der WDR noch in einer komplizierteren Weiterführung des „Hard-Bit-Rock“, dem sogenannten „Videodat“, wo die Lücke zwischen den Zeilen der beiden Halbbilder des Fernsehbildes dafür genutzt wurde, Informationen zu übertragen, ähnlich wie beim Videotext. Dafür benötigte man aber einen speziellen Dekoder. Den Charme des naiven Anstöpseln von Kassettenrekordern an den Fernseher hatte dieses Verfahren nicht. Man wußte nicht mehr genau, was da passiert, und konnte es auch anderen nicht mehr vermitteln. Mit dem Edding auf dem Bildschirm zu malen oder jetzt kleine rote Männchen draufzukleben hat dagegen etwas sehr Basales und Begreifbares. Das Kindchenschema der Dotwins ist dabei die plakativste Ausprägung, eigentlich haben alle diese Interaktionen diesen Appell an Versorgerinstinkte gemeinsam. Man kann sich dem Fernsehgerät als einem Objekt zuwenden und in einen physischen Kontakt mit ihm eintreten. Man kann es streicheln, ihm zuhören und positives Feedback auf diese Fürsorge erhalten. Was bei den Kindern nicht mehr klappt, weil sie sich in pubertärem Rumgezicke gefallen, was einem die Ehefrau oder der Ehemann verweigern, weil das jahrelange Zusammenleben zu Verbitterungen geführt hat, das funktioniert nun mit diesem Gerät, das man plötzlich als einen konkreten Mitbewohner erleben kann. Was man schon immer geliebt hat, das reagiert nun endlich auf diese Liebe und liebt zurück, fordert Zuwendung, begehrt einen. Endlich wird die eigene Abhängigkeit vom Fernsehen relativiert. Das Fernsehen ist noch abhängiger.

Bildquellen

  • The sun always shines on tv: Mathias Mertens