Hör auf die Rauchmelder

(aber denk nach, bevor du rennst.)

Lieber Jan,

als du gestern redaktionsintern um Feedback zu deinem noch unveröffentlichten Essay über Köln, Armlängen und provozierte Ängste gebeten hast, hatte ich Bedenken. Und nannte deinen Argumentationsverlauf bei aller Sympathie für viele Details unter anderem zynisch. Da hattest du den Text allerdings gerade schon veröffentlich. So ist das eben manchmal im Online-Journalismus. Zeit ist Aufmerksamkeit. Ich könne ja gerne einen Widerspruch formulieren, schriebst du, wir könnten das auch auf Zebrabutter weiter diskutieren. Schließlich geht es mir jetzt wie dir mit der Köln-Thematik: Eigentlich will ich gar nicht. Aber jetzt muss ich irgendwie doch.

Marginalisierung

Ich kann deine Argumentation weitgehend nachvollziehen. Dennoch erscheint es mir ein wenig … marginal, die Debatte um #einearmlänge auf Bevormundung und Angstmacherei zu reduzieren. Und auf der Ebene darüber wiederum den notwendigen Diskurs um Hysterie, Panikmache und unseriösen Journalismus auf #einearmlänge einzudampfen. Ich finde Deine sehr persönlichen Alltagsassoziationen nicht falsch. Ich finde sie sogar ganz sympathisch. Aber sie passen eben sehr viel besser zur Terrorismusdebatte als zu den aktuellen Ereignissen. Du erwähnst das selbst. Nach den Anschlägen von Paris war in aller Munde: Wir lassen uns nicht Bange machen! Wir leben unser Leben weiter wie immer, jede Einschränkung wäre ein Sieg des Terrorismus. Gerade ich als überzeugter Hedonist und jemand, der sich professionell mit öffentlichen Räumen beschäftigt, war mir da ganz sicher. Als in Hannover im vergangenen November wegen einer Terrorwarnung nicht nur ein Fußballspiel abgesagt wurde, sondern auch eine Buchvorstellung mit Helge Schneider, saß ich für die Lokalzeitung im Publikum. Eher unwillig verließ ich die Buchhandlung. Und während sich Helge für sein millionenfach geklicktes Video im Hotel eine Mandarine drauf pellte, trank ich in der Altstadt Craft Beer. Irgendwie trotzig. Mich weigernd, mich zuhause zu verkriechen. So weit bin ich bei dir und deiner Meinung.

Ideologie

Aber es fällt mir schwer, das alles auf diese Sache in Köln zu übertragen. Da ist ja nicht etwa etwas passiert, das genauso unkalkulierbar wäre wie ein Wohnungsbrand, eine Küchenüberschwemmung oder eben ein öffentlicher Anschlag mit Toten. (Schon bei dieser Aufzählung ist mir ein wenig unwohl.) Sehr wahrscheinlich handelt es sich bei den Geschehnissen in der Silvesternacht um das Ergebnis organisierter Kriminalität. Um einen zumindest anfänglich geplanten Coup, der sich wiederholen könnte. Und tatsächlich ist ja die Vorgehensweise der Täter offenbar nicht neu, sondern den Behörden längst bekannt. Auch der Tatort hat keinen überrascht. Vor alldem zu warnen, ist also ähnlich sinnvoll, wie in Palermo vor Schutzgelderpressern zu warnen. Nämlich sehr. Dass die Warnung – in diesem Fall vor allem die Warnung der Kölner Oberbürgermeisterin, sich vor Fremden in Acht zu nehmen – viel zu pauschal ausfällt, dass sie die potentiellen Opfer in ihrer Freiheit beschneidet und so mitverantwortlich macht, ist natürlich nicht nur ungeschickt oder dumm. Es ist Ausdruck einer ideologischen Perspektive auf Männer als Täter und Frauen als Opfer. Auf „Sitte“ und „Anstand“. Auf „was man tut“ und „was man nicht tut“. Auf gesellschaftliche Normen und Gepflogenheiten. Insofern ist der #einearmlänge-Ratschlag reaktionär. Auch Henriette Rekers Ankündigung, „Menschen aus anderen Kulturen“ zu erklären, dass die „Fröhlichkeit“ des Karnevals nichts mit „sexueller Offenherzigkeit“ zu tun hat, zeigt ja recht deutlich, wie unbeholfen bestimmte Politiker versuchen, die Kölner Taten gegen Migranten zu instrumentalisieren. Dass sexuelle Übergriffe zwar einerseits mit religiösen Überzeugungen und herkunftsbedingter Sozialisation zusammenhängen können, andererseits aber genau deshalb auch zahlreich und seit sehr langer Zeit von christlichen deutschen Staatsbürgern begangen werden, spielt ja in der öffentlichen Debatte eine auffällig verschwindende Rolle.

Bevormundung

Interessant ist am Ratschlag zu #einearmlänge für mich also vor allem, inwiefern solche Aussagen unwidersprochen zurückführen in eine offen ausgesprochene Legitimation sexueller Übergriffe durch angeblich mangelnde Vorsicht der Opfer. Deine Analogien zu Rauchmeldern und Wasserstopvorrichtungen verharmlosen das meinem Empfinden nach auf unangenehme Weise. Ich halte den Kontext eines latenten Unwohlseins gegenüber solchen versicherungsbedingt vorgeschriebenen Schutz- und Warnvorrichtungen des Alltags für ein wenig zynisch angesichts des Umstandes, dass hier Frauen eine Mitschuld an ihrer Vergewaltigung gegeben werden soll. Zumal diese Analogie durchaus hinkt. Rauchmelder und Wasserstops mögen gefühlte Bevormundungen darstellen. (Auch ich zuckte zusammen, als der Schornsteinfeger neulich klingelte, um in meinem Schlafzimmer eine Plastikkapsel unter die Decke zu kleben, ohne dass ich ihn langfristig wirksam daran hätte hindern können.) Andererseits funktionieren diese Dinger ja tatsächlich. Sie warnen vor Feuer und verhindern Wasserschäden. Fremde auf Armlänge zu halten, und sei es auch nur metaphorisch, verhindert wohl kaum sexuelle Übergriffe. Viel wichtiger: Es nicht zu tun, bedingt niemals die Mitschuld an solchen. Henriette Rekers Ratschlag impliziert eher Dinge wie: „Wer sich an Karneval als Frau mit Fremden betrinkt, fordert den Missbrauch heraus“. Einen analogen Vorwurf bezüglich häuslicher Sicherheitstechnik habe ich hingegen noch nie gehört: „Wer keinen Rauchmelder installiert, fordert das Ausbrechen des Feuers heraus.“

Freiheit

Ich ahne, es geht dir um Freiheit als Gegenteil von Bevormundung. Und klar: Mit Rauchmeldern, Wasserstopvorrichtungen, Hygieneautomaten oder Terrorwarnungen schränken andere unser Verhalten und unsere Entscheidungen gezielt ein. Und immer mit dem Argument, nur unser Bestes zu wollen. In diesem Zusammenhang fügen sich die vorgeblich wohlmeinenden Empfehlungen rund um #einearmlaenge recht gut in eine solche Aufzählung. Nun kann man natürlich jedwede politische oder gesellschaftliche Einschränkung, Regel, Norm oder Empfehlung als pauschal gleich lästig beurteilen. Oder eben als gleich gefährlich ablehnen. Ich hingegen ziehe es vor, zu differenzieren. Sich für eine pauschale Ablehnung zu entscheiden, würde vermutlich bedeuten, auch der US-amerikanischen Waffenlobby zu applaudieren. Und empört aufzujaulen, sobald jemand einen Veggie-Day in Kantinen vorschlägt. Freie Wahl der Waffen für freie Bürger. Und jedem nach Laune sein tägliches Steak. Wie weit unsere Gesellschaft damit gekommen ist, auf individuelles Verantwortungsbewusstsein zu setzen, zeigt unter anderem der Zustand unserer Umwelt. Deshalb halte ich es für wesentlich, einschränkende Regeln jeweils einzeln im Rahmen ihrer Kontexte, Ideologien, Pragmatismen und Bezüge zu hinterfragen. Und entsprechend für nützlich, überflüssig oder gar gefährlich zu halten.

Angst

Letztlich läuft deine Argumentation aber ja aufs Bangemachen hinaus. Auf ein Leben in Angst. In immer mehr Angst, die uns in immer mehr Zusammenhängen suggeriert wird. Ich verstehe, dass das problematisch ist. Dass Angst schnell und häufig zu oberflächlichen und falschen Entscheidungen führen kann. Oder, wie einer unserer Freunde in seiner Artikelempfehlung auf facebook schrieb: „Es geht um Angst im Alltag. Worst Case Scenarios. Furcht-Programme und -Rituale und -Ermahnungen, die immer mit laufen, wie bei einem Computer. Und viel von unserem Arbeitsspeicher fressen.“ Tatsächlich kann Angst blockieren. Von Wesentlichem ablenken. Lebensqualität einschränken. Das Gegenmodell wäre Unbedarftheit. In den Tag zu leben. Sich erst dann Gedanken über mögliche Bedrohungen zu machen, wenn sie akut werden. So lange eine Insel zu sein, bis der Klimawandel den Meeresspiegel ansteigen lässt. Ich gebe zu, eine Balance zu finden, wird zunehmend schwerer. Einerseits steuert Angst Menschen in Misstrauen, Feindseligkeit und asoziales Verhalten. Andererseits weigere ich mich, so zu tun, als sei alles in bester Ordnung. Ich halte es für unerlässlich, sensibel für problematische Situationen zu bleiben. Dinge, die falsch laufen, beim Namen zu nennen. Sich dagegen zu engagieren. Für die Geschehnisse in Köln bedeutet das, über sexuelle Gewalt zu reden. Über organisiertes Verbrechen, Doppelmoral und Ideologie. Über Polizeiarbeit, Budgets und Strategien. Über Instrumentalisierung, Rassismus und Menschenwürde. Und über das Verhalten der Medien. Selbst seriöse Zeitungen haben anfangs lautstark behauptet, es ginge um „1.000 Täter“ (und nicht um vermutlich 20 bis 100, die „aus einer feiernden Gruppe von etwa 1.000 Menschen heraus agierten“). Das ist, als würde man bei sexuellen Übergriffen im Karneval von „Hunderttausenden Tätern“ sprechen. Den leichtfertigen Umgang mit Zahlen halte ich in diesem Fall für ein echtes Problem, das fast alle Medien mit verursacht haben. Es ist die breite Basis für rechtspopulistische Verdrehungen. Unseriöse Zahlen sind das Lieblingsargument der Rassisten. Das hätte man wissen und deshalb mit Bedacht recherchieren/berichten müssen. Zu sagen, all dies mache mir Angst, wäre falsch. Angst ist das falsche Wort. Aber es bewegt mich, beunruhigt mich, macht mich nachdenklich und wütend. Ich lasse zu, dass es mich berührt. Das mag oft mühsam sein. Aber es bedeutet für mich vor allem eins: zu leben.

Bildquellen

  • 12493410_10205566000369222_5272902196130028692_o: Thomas Kaestle

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