Interviewreihe “Davon leben” – Interview mit Charlene Beck (Schauspielerin)

Die Schauspielerin und Stuntwoman Charlene Beck über Castings, Messejobs und darüber, wie blond und blauäugig sie nicht ist. Unsere Interviewreihe Davon leben.

Kunst machen – klar. Aber davon leben? Für Davon leben trifft Martin Spieß sich mit Künstlerinnen und Künstlern an der Peripherie des ganz großen Erfolgs. Dort, wo es wenig Geld, aber viel Leidenschaft gibt. Heute im Gespräch: Charlene Beck, 30, eine deutsche Schauspielerin. Sie lebt in Berlin.

Du bist 1986 in Berlin-Pankow geboren. Bist du dort auch aufgewachsen, zur Schule gegangen und hast Abitur gemacht?

Ich bin ab meinem ersten Lebensjahr in Prenzlauer Berg aufgewachsen. Da bin ich auch aufs Gymnasium gegangen, habe es aber ohne Abitur nach der 13. Klasse verlassen. Das Abi wurde mir aufgrund meiner vielen Fehlzeiten aberkannt.

Ernsthaft?

Ja, ich habe Abitur gemacht, da ich aber nur die gesetzlich vorgeschriebene Zeit anwesend war – ich hatte mir damals richtig einen Plan gemacht, wie viel ich fehlen darf –, konnten die Lehrer entscheiden, ob ich das Abitur erhalte. Sie wollten mir eine Lehre erteilen. Ich hatte dann einen Fachhochschul-Abschluss.

Fehlzeiten, weil du kein Bock hattest? Weil Schule dich angeödet oder gelangweilt hat?

Auch, aber vor allem, weil ich der Meinung war, ich brauche die Anwesenheit nicht, um gut durchzukommen. Ich war nachtaktiv und wollte lange ausschlafen. (lacht) Außerdem konnte ich Schauspiel auch ohne Abitur studieren, da braucht man eine künstlerische Eignung, deswegen war mir das egal. Ich habe aber 2011 mein Abitur an einem Kolleg nachgeholt. Als Erwachsene war das noch mal ein tolles Erlebnis. So richtig morgens bis nachmittags Schule, als Vollzeitschülerin, mit Hausaufgaben und dann schon Zentralabitur.

Dir war also schon während der Schule klar, dass du Schauspielerin werden wolltest?

Das wollte ich schon relativ früh. Ich habe viele Filme von Jackie Chan und Jet Li geguckt, deswegen fing ich auch mit 13 an, Kampfsport zu machen. Und ich war Wrestling-Fan: Ich wusste, dass die da alles spielen und dachte, dass das ein total cooler Job wäre. Mit 14 habe ich im Fernsehen einen Bericht vom Herr-der-Ringe-Dreh im Fernsehen gesehen und fand das toll. Gar nicht nur wegen des Films, ich kannte Herr der Ringe nicht, sondern wegen des Setlebens. Ich habe mit 15 dann in einem Kurzfilm mitgespielt und konnte erste Dreh-Erfahrungen sammeln. Ich wollte irgendwie immer Schauspiel machen, aber habe auch nicht darüber nachgedacht, es zu studieren oder zu lernen. Damit habe ich mich nicht so beschäftigt. Erst so richtig, als ich merkte: Ich kriege mein Abitur nicht. Mein Vater war sehr enttäuscht, er war selber Lehrer und hat mir viel beigebracht. Ich habe dann erstmal nach einem Job gesucht und bin bei einer Versicherungsgesellschaft gelandet, die eigentlich Schneeballsystem-Dinge machte, das war mir aber erst später bewusst. Dann habe ich als Hostess gejobbt, war auf Messen und als Promoterin unterwegs. Bin rumgefahren und habe WM-Tickets an die Gewinner eines Preisausschreibens verteilt, und habe Zeitschriften an Stände auf der IFA verteilt. Das Schauspielstudium habe ich erst 2007 angefangen, zwei Jahre nach dem ersten Abiturversuch.

Wie bist du dazu gekommen?

Ich habe immer mal wieder in einem Film mitgespielt und habe mich dann an einer Schauspielschule beworben, die Theater- und Filmausbildung macht, da ich mich beim Film wohler fühle und das Schauspiel auch bei beidem unterschiedlich ist.

Welche Schule war das?

Die Filmschauspielschule Berlin. Die HFF in Potsdam hatte genau in dem Jahr ihren Schauspiel-Studiengang umgestaltet und dann habe ich mich bei den privaten Schulen umgesehen.

Und wie hast du das finanziert?

Ich habe weiterhin als Hostess gejobbt, auch viel bei maskworld.com gearbeitet, einem Unternehmen für Kostüme, Masken und Make Up, auf Messen und im Store. Außerdem habe ich Bafög erhalten und auch noch ein wenig Halbwaisenrente. Und ich habe Komparserie gemacht. Aber die Bezahlung ist da recht gering.

Und wie war das Studium inhaltlich? So, wie du es dir vorgestellt hattest?

So richtig viel hatte ich mir vorher nicht vorgestellt. Ein Freund von mir hat oft von „Ufo-Studien“ gesprochen, wenn ich was erzählt habe. Vieles war mir erst befremdlich und ich konnte nicht mit allem direkt was anfangen: Das ganze Zu-sich-selbst-Finden, das Den-eigenen-Körper-Spüren oder auch den vom Spielpartner. Aber es hat geholfen. Die Sprechausbildung war toll und je nach Dozent, mit dem man zum Beispiel eine Rolle erarbeitet hatte, konnte man Sprünge in der schauspielerischen Entwicklung merken. Mit manchen Dozenten konnte ich nicht so gut arbeiten, da habe ich schnell zugemacht und mein Interesse war dann minimal, dem zu folgen. Das war zum Glück aber nicht so häufig. Manche Fächer wie Aikido waren für mich recht langweilig, da ich ja, wie schon erwähnt, selbst Kampfsport mache, seit ich etwa 13 bin. Da konnte ich nicht so viel mitnehmen. Oder Gesang, da ich zu dem Zeitpunkt für mich zwar gerne gesungen habe, aber das Ganze vor allen zu zeigen, fand ich unangenehm, da ich auch weniger Töne getroffen habe, als mir lieb war. Das konnte ich zum Glück bei meiner Aufnahmeprüfung noch mit Akkordeon wettmachen. Nach meinem Schauspielabschluss habe ich dann Gesangsunterricht genommen und singe nun auch im Chor, mittlerweile geht das ganz gut. (lacht) Aber es hat geholfen, sich auf der Bühne auch Dinge zu trauen, sich zu überwinden. Wie soll das sonst gehen, als Schauspielerin mit Bühnenangst? Obendrauf hat mir die Schule ganz gut was zum Berufsbild und zum organisatorischem Hintergrund beigebracht. Eben dass nicht alles so rosarot ist. Ich erinnere mich noch an die Frage eines Dozenten: „Wer von euch würde in einer Soap Opera mitspielen?“ Nur ganz wenige haben dazu „ja“ gesagt, viele haben sich vehement dagegen ausgesprochen. Ich glaube, einige wären froh, wenn sie jetzt so was machen könnten. Und einige haben es dann auch gemacht.

Wenn du sagst, „einige wären froh, wenn sie jetzt so was machen könnten“: Was machst du? Spielst du viel? Hast du genug Drehtage, um über die Runden zu kommen? Oder ist es ein harter Job, also vor allem finanziell?

Ich kann nicht und konnte noch nie davon leben. Vor allem nicht vom Schauspiel. Aber ich freue mich auf den Tag, an dem sich das ändert. Anfangs habe ich einiges umsonst gemacht, um Demomaterial zu haben und Erfahrung vorweisen zu können. Ich habe noch gejobbt und eine Weiterbildung vom Jobcenter gefördert bekommen, die speziell für Schauspieler ist und auf Selbstvermarktung abzielt. Ein bisschen mehr als ein Jahr nach meiner Ausbildung habe ich mein Abitur nachgeholt. In der Zeit hat mich mein Kampfsportlehrer gefragt, ob ich Höhenangst habe. Da ich erstmal „nein“ sagte, hat er mich für eine Stunt-Rolle in Cloud Atlas vorgeschlagen, der zu der Zeit gerade in Berlin gedreht wurde, und ich habe das erste Mal als Stuntwoman gearbeitet. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Und das mache ich auch weiterhin noch. Da kann ich meine Liebe zu Schauspiel und Kampfkunst im Film vereinen. Obwohl viele Stuntaufträge wenig mit Kampf zu tun haben. Aber auch da ist die Auftragslage noch nicht gut genug, um davon zu leben. Vielleicht wäre es einfacher, wenn ich blond und blauäugig wäre. Und im Schauspiel auch dazu noch männlich. Aber vielleicht ändert sich das auch noch mal, ich will darüber nicht jammern. Ich bin beispielsweise nie zu Filmfestivals gegangen, um da mit der Branche abzuhängen. Bisher war das nicht so mein Ding, da einfach Leute anzuquatschen und so. Bestimmt auch ein Fehler. Ich studiere jetzt Sportwissenschaften und versuche, mich im Stuntbereich weiterzubilden. Es ist für die vielen, die kein Glück haben, weil sie vielleicht beim Casting nicht genommen werden, da sie so aussehen, wie die Nachbarin, die dem Caster oder Produzenten immer mies gelaunt begegnet, ein harter Job. Weil es dadurch eben immer mehr zu einem Hobby degradiert wird, und wer will das schon? Zusätzlich werden auch 2017 immer noch weniger Rollen für Frauen geschrieben – und es gibt immer mehr Schauspielerinnen. Was nicht heißt, dass Schauspieler es per se einfacher haben. Aber statistisch gesehen schon.

Wenn du sagst „blond und blauäugig“: Wo liegen deine Wurzeln? Und gehst du noch zu Castings? Oder lässt du das mittlerweile sein, weil du eben nicht blond und blauäugig bist?

Meine Wurzeln liegen in Berlin, aber mein biologischer Vater ist Kubaner. Das „blond und blauäugig“ kommt nicht nur von mir, sondern wurde mir auch schon von Kolleginnen berichtet. Ich glaube auch, da passiert schon etwas und es ändert sich. Manchmal hatte ich Anfragen, eben weil ich ein dunklerer Typ bin, aber dann konnte ich leider kein türkisch, was auch wieder Schubladendenken ist. Ich wurde auch schon mal wegen der kubanischen Herkunft genommen, für Das Leben der Anderen. Die Szene wurde dann leider rausgeschnitten, das passiert den Besten. (lacht)

Hast du dich dann bewusst mehr und mehr auf Stunts konzentriert?

Nein, auf beides. Obwohl ich in den letzten Monaten länger an einem Messeprojekt gearbeitet und mich nicht ums Schauspiel gekümmert habe. Das soll jetzt wieder losgehen. Trotzdem habe ich gerade erst wieder einen Werbedreh gehabt. Manche Dinge passieren auch spontan oder eben, weil man in einer Kartei oder Website drin ist. Generell kann ich sowohl Stunt als auch Schauspiel betreffend noch ganz viel dazu lernen, um mehr anbieten zu können. Ich plane in der nahen Zukunft, einen Drifting-Workshop zu machen, damit ich auch mal Auto-Stunts machen kann. Das eine soll das andere nicht ersetzen. Aber vielleicht hab ich durch beides mehr Chancen.

Du wirkst keinesfalls so, als würde dich der Status quo belasten. Du kannst zwar noch nicht von der Schauspielerei leben, und es ist schwer für dich, gecastet zu werden, aber du machst unbeirrt weiter. Stimmt das in etwa?

Es wäre vermessen zu sagen, dass ich unglücklich bin. Ich lebe im Jetzt und da geht es mir gerade gut. Natürlich mit Stressfaktoren, die nervig sind und unnötig Arbeit und Zeit bedeuten. Aber das geht ja vielen so. Sehr gern würde ich mehr drehen, auch weil ich das gerne mache, nicht nur, um davon zu leben. Aber einen Dreh ohne Bezahlung würde ich sehr abwägen und nur unter bestimmten Umständen annehmen. Arbeiten für lau finde ich nicht gut und auch unterbezahlte Arbeit macht die Branche kaputt. Aber es gibt meist jemand, der es auch für weniger macht, leider.

Gibt es auch Momente, in denen du verzweifelt bist? In denen du nicht weiter weißt? Wenn dem so ist: Was machst du dann? Wie holst du dich da raus? Wie motivierst du dich, weiterzumachen?

Ich bin bestimmt auch mal verzweifelt, aber nicht wirklich wegen des Schauspiels. Das macht mich eher manchmal traurig. Meist ausgelöst von tollen Filmen oder bei Rollen, bei denen ich denke: „Das hätte ich auch spielen können.“ Manchmal auch bei schlechten, bei denen ich denke: „What the fuck? Warum hat man die dafür gecastet?“ Ist vielleicht ein bisschen eingebildet, und vermutlich auch übertrieben. Es hilft in jedem Fall, mit Freunden zu sprechen, die auch in der Branche sind. Oder mit meinem Freund, der baut mich auf. Also ja: Ich mache weiter, und versuche, dazu zu lernen und zu erleben, so viel ich kann. Weitermachen, weil: „Man lebt ja nur einmal, YOLO und so.“ (lacht) Egal, wie doof und abgedroschen das klingt. Aber mein Vater sagte einen Tag, bevor er starb, zu mir: „Forever Young“, und er meinte, dass man immer was Neues probieren kann, und leben sollte, als wäre man jung. Daran denke ich dann auch, mal mehr, mal weniger.

Website von Charlene Beck

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  • NIK_6138_Nico Lück: Foto: Nico Lück