Lysistrata mit The Thread: Metal wie Gott in Frankreich

Metal ist tot? Nein. Rettung naht. Ausgerechnet aus Frankreich: Lysistrata mit dem Album The Thread.

Wenn man sich fragt, was es so neues im Metal und seinen zahlreichen Spielarten gibt, lohnt sich ja eigentlich immer der Blick nach Skandinavien. Denn Metal gedeiht, wie man weiß, traditionell besser, wo es dunkler und kälter ist.

Aristophanes statt Powerriff-Geholze

Nun ja. Traditionen sind dazu da, gebrochen zu werden. Denn im Fall von Lysistrata ist der Blick nach Skandinavien – zumindest von Deutschland aus – ein Blick in die völlig falsche Richtung. Denn – wie die Kollegen der Prog-Metal Truppe Gojira – kommen Lysistrata aus Frankreich. Ähnlich wie Gojira fabrizieren auch Lysistrata Metal, der sich erfrischend fernhält von hinlänglich bekanntem Powerriff-Geholze, endlosem Solo-Gegniedel und langhaarigen Allmachts-Posen.
Alleine der Bandname – kurzer Exkurs in die Literaturgeschichte – ist nicht nur unmöglich zu merken, sondern auch der Name der Hauptfigur aus der gleichnamigen Komödie von Aristophanes. Lysistrata ist darin die Anführerin einer Gruppe Frauen, die versucht einen Krieg zwischen Athen und Sparta zu beenden. Die Gruppe besetzt dafür die Akropolis und verweigert sich ihren Gatten sexuell. Solange, bis tatsächlich Frieden herrscht.

Tritt gewaltig in den Arsch

Make love not war plus Empowerment von Frauen also – auch das eine eher abseits der Klischees liegenden Idee für eine Metal Truppe. Aber genau wie die Figur Lsystrata tut die Band Lysistrata vor allem eines: Gewaltig in den Arsch treten. Zumindest auf ihrem heute erscheinenden Album The Thread. Allein der erste Song und Titelstück der Platte wartet nach ein wenig Fallhöhenaufbau durch Rauschen mit einer explosiven und dringlichen Mischung aus langsamen und schnellen Riffs, großartigen Steigerungen bis zu Explosion und schön gesetzten Pausen auf. Ryhtmisch interessanter und intensiver, ja, was eigentlich? Post-Metal? Post-Hardcore? Prog-Metal? Mit ein bisschen Noise und Math-Rock drin, vielleicht. Post-irgendwas auf jeden Fall, wobei Post- ja auch immer nur ein Code ist für: Man weiß schon, wos herkommt, aber ist halt doch irgendwie anders.

Die große und die kleine Form

Lysistrata beherrschen dabei die große und die kleine Form – das kürzeste Lied auf The Thread, Dawn, dauert gerade mal anderthalb Minuten und ist eine kleine, feine Studie über ein Effektgerät. Das längste – The Boy Who Stood Above The Earth – dauert gute zwölf und enthält mindestens halb so viele Ideen, die eigentlich auch eigenständige Songs hätten werden können. Wobei die Königsdiziplin von Lysistrata die lange Form bleibt. Je länger der Song, desto mehr Abwechslung, Tempowechsel und Harmoniespielereien stopfen die drei Franzosen in ihre Songs. Alleine in Answer Machine reicht die Bandbreite von Metal über Poprock bis Indie-Ballade, und da sind zwei, drei leicht experimentelle Zwischenteile noch nicht mitgezählt.

Kein Zeitspaltenmetal

Während also woanders noch geholzt wird wie gehabt beweisen die drei von Lysistrata, dass Metal noch eine Zukunft hat. Sie ist zwar leicht nerdig und vielleicht nicht unbedingt massentauglich, macht dafür aber gewaltigen Spaß. Ob man jetzt die Feinheiten hören möchte – oder einfach nur eine Metalplatte, die nicht klingt wie aus einer Zeitspalte von irgendwo aus den 80ern oder frühen 90ern ins Jahr 2018 gefallen. Nein, Metal ist nicht tot. Er lebt nur wie Gott in Frankreich. Und hin und wieder inspiriert er ein paar seiner Anhänger, auf dass sie ihm ein neues Lied spielen mögen.

Bildquellen

  • a1404330508_10: Albumcover / Pressematerial