Ruhe sanft, Roddy Piper!

Ein paar kritische Worte zum Wrestlingbusiness angesichts des Todes der Ringlegende „Rowdy“ Roddy Piper

Profi-Wrestling (früher in Deutschland schlicht „Catchen“) ist ein hartes Geschäft. Über 300 Tage im Jahre liefern die Sportunterhalter aus den USA in den Ringen dieser Welt das Zerrbild einer sportlichen Auseinandersetzung. Einen Anspruch auf eine Kranken-, Unfall- oder Altersversicherung gibt es für sie dabei nicht. Als der spätere Gouverneur von Minnesota, Jesse „The Body“ Ventura (auch bekannt aus Filmen wie Predator oder Running Man, ein Intimus von Gouverneur a.D. Arnold Schwarzenegger) seinen Kollegen Mitte der achtziger Jahre vorschlug, es den US-amerikanischen Profi-Footballern und Baseballspielern gleichzutun und eine Gewerkschaft zu gründen (damals eine Garantie für bessere Arbeitsbedingungen), verpetzte ihn das damalige Flaggschiff seines Verbandes, Hulk Hogan (im Moment wegen rassistischer Äußerungen arbeitslos), beim Chef das damals wie heute größten Wrestlingverbandes WWE („World Wrestling Entertainment“, früher WWF „World Wrestling Federation“), Vincent Kennedy McMahon. Dieser setzte alles daran, dieses Vorhaben ein für alle Mal aus den Wunschzetteln seiner Angestellten zu streichen und blieb damit bis heute erfolgreich. Wrestling blieb ein Geschäft in dem Menschen physisch gnadenlos verheizt werden. Ein milliardenschweres börsennotiertes Unternehmen wie die WWE wird weiterhin wie ein Familienbetrieb im Schaustellergewerbe geführt.

Für mich war das bunte Spektakel von Kindheit ein „guilty pleasure“, etwas das mich fasziniert, bei dem ich gerne zuschaue und mitfiebere, wofür ich mich aber eigentlich schäme. Ist die Mischung aus Sport und Varietéelementen für einen Linken eigentlich doch eine ziemlich unsympathische Angelegenheit. Neben den bereits erwähnten so gar nicht arbeitnehmerfreundlichen Zuständen wird hier noch ungehemmt dem Recht des Stärkeren, einem platten Hurra-Patriotismus, dem Sexismus und einem Rassismus der ethnischen Stereotype gefrönt. Noch heute lassen sich ganze Storylines (so nennt man eine Soap-Opera-artige Geschichte, die zu den Kämpfen zwischen zwei oder mehr der “Sports Entertainer” führt) mit nationalem Hass, Differenzen aufgrund ethnischer Unterschiede oder klischeehaftem Streit um ein Weibchen füllen, ohne dass es zu merkbaren Zuschauerprotesten oder zu einem Einbruch der Quoten kommt. Auch ich werde wohl wieder dabei sein, wenn sich dieses Jahr zum 28. Mal der Summerslam jährt und für 3-4 Stunden bei den modernen Gladiatorenkämpfen mitfiebern. Ich werde mich wieder dafür schämen und genau darauf achten, wem ich von meiner zweifelhaften Vorliebe erzähle.

Aber nun haben die Härten des Geschäfts mir einen Helden meiner Kindheit genommen. „Rowdy“ Roddy Piper, einen Kanadier mit Schottengimmick, großer Klappe und Schlägerattitüde, hat es im Alter von 61 Jahren dahingerafft. Wie sein ehemaliger Arbeitgeber WWE verkündet, starb Piper wohl eines natürlichen Todes (inzwischen wird von “Herzstillstand” gesprochen). Das ist sogar glaubhaft, legt man zu Grunde, dass der Mann in seiner Karriere geschätzte 15.000 – 20.000 Mal mit ungebremster Wucht auf eine Ringmatte knallte und unzählige Male kleine bis größere Gehirnerschütterungen erlebt haben muss. Die vielen erlittenen größeren Verletzungen mal außen vor gelassen. Vor einigen Jahren sprach Piper im amerikanischen Fernsehen davon, dass es die schlechten Arbeitsbedingungen seien, die einen Wrestler früh zum Wrack werden ließen und für den frühen Tod vieler Ringer verantwortlich seien. Bereits wenige Tage später zog er diese Aussagen wieder zurück. WWE-Chef McMahon hatte sich empört zu Wort gemeldet und medienwirksam aufgelistet, was sein Unternehmen alles Gutes für seine Performer tue. Wahrscheinlich machte er Piper hinter den Kulissen klar, wie abhängig ein Mann ohne Kranken-, Alters- und Unfallversicherung, der vielleicht auch kein Händchen für Geld hat, davon sein kann, hin und wieder nochmal einen lukrativen Vertrag für Gast- und Legendenauftritte zu bekommen. So kam es auch.

Piper blieb uns zeitweise im WWE-Programm erhalten, immer mal wieder war der Veteran, der seine Karrierehöhepunkte in den Achtzigern und Neunzigern hatte, in- und außerhalb des Ringes zu sehen. Die Reaktionen der Zuschauer sprachen für sich: Roddy Piper ist bis zu seinem frühen Tod einer der beliebtesten Wrestler geblieben. Auch ich schwanke irgendwo zwischen wegegedrücktem Tränchen und zynischer Gleichgültigkeit. Schaue ich mir ein Programm einer beliebigen Großveranstaltung aus meiner Kindheit an, so kann ich darauf inzwischen mindestens die Hälfte, der damals aufgetretenen Superstars, mit einem kleinen Kreuzchen versehen. Piper ist nicht der erste und wird nicht der letzte sein, der viel zu früh für immer von uns geht. Schuld sind die mittelalterlich schlechten Arbeitsbedingungen für Leute, die eigentlich Hochleistungssportler sind und gewisser Regenerationsphasen bedürften. Vielleicht findet ja doch mal wieder einer den Mut und gründet die dringend notwendige Gewerkschaft. Vielleicht kann ich dann das „guilty“ endlich streichen und mich an dem herrlich bunten Starke-Männer-Quatsch guten Gewissens delektieren. Ruhe sanft (und vor allem schmerzfrei!), „Rowdy“ Roddy Piper!

Interessant zum Thema: Born To Controversity – Dokumentation über Roddy Piper, RF Shoot Interview mit Jesse Ventura. Beides ist urheberrechtlich geschützt und muss entsprechend erworben werden.

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