Der chinesische Künstler Ai WeiWei in Berlin Prenzlauer Berg

Wir sehen nicht das Bild eines toten Kindes, wir sehen ein Bild von Ai Weiwei

Der chinesische Künstler Ai Weiwei hat an einem Strand als ertrunkenes Flüchtlingskind posiert. Autorin Mika Doe fragt sich, wieso das nicht funktioniert.

Im September 2015 ging das Foto des dreijährigen Alan Kurdî‎, der auf der Flucht aus Syrien ertrunken war, um die Welt. Es entflammte nicht nur erneut die Debatte um die Flüchtlingspolitik, sondern warf auch die Frage auf, was man zeigen dürfe und was man zeigen müsse. In seinem Artikel für Zebrabutter schrieb Martin Pleiß einen Metakommentar über die Metadebatte. Und nun rollt die zweite Metawelle an.
Der chinesische Künstler Ai Weiwei stellte das Foto nach, um ein Zeichen gegen die weltweite Flüchtlingspolitik zu setzen. Zuletzt machte er Schlagzeilen, als er seine Ausstellung in Kopenhagen abbrach, als Reaktion auf das kürzlich verabschiedete Gesetz, dass es der dänischen Regierung erlaubt, Flüchtlingen ihre Wertgegenstände abzunehmen. Auf der Insel Lesbos arbeitet er momentan mit Geflüchteten.
Die für die Kunstmesse India Art Fair entstandene Fotografie soll nebst einem Interview mit Ai Weiwei in India Today erscheinen und schon jetzt wird die virale Trommel fröhlich gerührt. Laut eines Artikels in der Washington Post bildete sich eine Schlange aus KunstliebhaberInnen und GalleristInnen vor der Fotografie. Die Autorin des Artikels Rama Lakshmi twitterte “Brilliant political art, by Rohit Chawla for India Today. Artist Ai Weiwei poses in Lesbos, Greece” und der Guardian titelt „Ai Weiwei poses as drowned Syrian infant refugee in ‘haunting’ photo.”

Was anderen passiert, kann uns auch passieren

Es ist nachvollziehbar. Schließlich handelt es sich um ein schwerwiegendes Ereignis in unserer jüngsten Mediengeschichte. Seine Nachstellung erinnert uns an etwas, das uns betroffen gemacht hat. Übrigens nicht zum ersten Mal: Kurz nach Veröffentlichung des Fotos legten sich rund 30 Menschen in rotem T-Shirt und blauer Hose an einen marokkanischen Strand. Das Nachstellen, Teilen, sowie die unzähligen (und zum Teil unsäglichen) künstlerischen Bearbeitungen erinnern an die Reaktionen nach den Anschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo. „Je suis Charlie“ – Ich bin Charlie – Wir alle sind Charlie – Wir solidarisieren uns – Das was anderen passiert, kann auch uns passieren. Auch wir sind gemeint, wenn die Menschenrechte verletzt werden. Wir sind betroffen, im doppelten Sinn des Wortes. Wieso sollte Ai Weiwei also nicht sagen: Ich bin Alan Kurdî‎?

Martin Pleiß schreibt, dass wir nicht das tote Kind sehen, sondern ein Bild eines toten Kindes: „Ein Bild, das über seinen buchstäblichen Inhalt hinaus wuchs und zu einem ikonographischen Ereignis wurde.“ Doch diese ikonographische Macht setzt sich aus bestimmten Faktoren zusammen. Unter anderem handelt es sich um ein Kind – also um einen Menschen, wie er unschuldiger nicht sein kann. Außerdem handelt es sich um eine Leiche. Ai Weiwei ist weder das eine noch das andere. Es mag banal klingen, so offensichtlich ist es: Das Foto eines toten Kindes ist etwas anderes, als das Foto eines lebendigen Erwachsenen. Alan Kurdî war den politischen Umständen so schutzlos ausgeliefert wie dem Mittelmeer. Die scharfe Asylpolitik sprach ein Todesurteil, das viele EuropäerInnen so nicht unterschrieben hätten, hätte man sie direkt gefragt. Diese Verbindung aus der Unschuld eines Kindes, und der Schuld einer ignoranten und wohlhabenden Gesellschaft ließ das Schicksal vieler Flüchtlinge plötzlich ein ganzes Stück näher an unser Bewusstsein rücken.
Ai Weiwei hat ebenfalls eine Geschichte von Verfolgung hinter sich, aber seine Rolle für die europäische Gesellschaft ist eine andere. Während Alan Kurdî uns unsere verhängnisvolle Unzulänglichkeit vor Augen führte, gibt Ai Weiwei uns eine Rückversicherung dafür wie frei und liberal wir sind. Man darf uns dafür beklatschen, dass er hier die Kunst machen darf, die sein eigenes Land ihm verbietet.

Noch nicht einmal das Bild eines toten Kindes

Dieser Unterschied wird jedoch in Rohit Chawlas Fotografie ignoriert. Wer sich der ikonographischen Macht eines Bildes ohne weitere Bearbeitung bedient und vor allem, wer sich darin an die Stelle des Handlungsträgers setzt, setzt sein eigenes Schicksal damit gleich. Je furchtbarer die Umstände unter denen das Original entstanden ist, umso mehr sind wir geneigt diese Gleichheit genauestens zu überprüfen. Ob sie dieser Prüfung standhält, ist eine persönliche Entscheidung. Verwunderlich ist, dass dies bislang nur sehr vereinzelt geschieht. „I am sure it wasn’t very comfortable to lie down on the pebbles like that. But the soft evening light fell on his face when he lay down”, sagte der Fotograf. Dieser Satz muss uns zynisch vorkommen, denn die ästhetische Gleichsetzung zweier Schicksale auf der einen Seite und der Kommentar, Weiwei hätte es bestimmt nicht sehr gemütlich gefunden auf der anderen, zeugt von beeindruckender Ignoranz gegenüber einer Kinderleiche.
Es ist eine Ignoranz, die auch von Sandy Angus, Mitveranstalterin der India Art Fair weiter getragen wird, wenn sie sagt:

„It is an iconic image because it is very political, human and involves an incredibly important artist like Ai Weiwei.”

Hier könnte ein Missverständnis vorliegen: Nicht Ai Weiweis Foto ist ikonisch, sondern das Original. Das Original lieferte die nötigen Elemente, um einen Diskurs auszulösen. Weiweis Fotografie erinnert uns lediglich daran. Natürlich kann man in dieser Erinnerung an sich schon einen Wert sehen, doch würde man von einer künstlerischen Arbeit erwarten noch einen Schritt weiter zu gehen, eine Kommentarebene einzubinden oder zu rekontextualisieren, eben noch irgendetwas anderes zu tun, als sich für ein paar Minuten an den Strand zu legen. Denn so sehen wir nicht einmal das Bild eines toten Kindes. Wir sehen ein Bild von Ai Weiwei am Strand und das Schicksal von Alan Kurdî‎ wirkt wie eine Passform für die Inszenierung, in die sich der Künstler hineinlegen kann.
Wohlwollend könnte man meinen, dass im Mangel des Metakommentars, also im Mangel der Extraleistung schon der Kommentar liegt. Ai Weiwei legt sich lieblos an den Strand und alle beklatschen ihn ganz brav für sein Engagement. Vielleicht will er uns das damit zeigen, wie leicht wir uns von einem Bild beeinflussen lassen, das lediglich postuliert „Ich mache jetzt was mit dir“ und wir glauben ihm, dass es etwas mit uns macht. Wir sehen etwas, das aussieht wie Inhalt, aber verlassen die Debatte umgehend, bloß mit einem Erinnerungsfoto in der Hand.

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