GröPaZ: Warum Adolf Hitler der größte Popstar der Welt ist, aber sich keiner traut, es zu sagen.

Morgen läuft die Verfilmung von „Er ist wieder da“ in den deutschen Kinos an. Mathias Mertens und Merlin Schumacher haben sich darüber Gedanken gemacht, warum wir Hitler so oft sehen, parodieren und uns trotzdem dafür schämen.

Godwins Gesetz gilt überall, auch hier: Mit zunehmender Länge einer Diskussion über Popkultur nähert sich die Wahrscheinlichkeit für eine Erwähnung Hitlers dem Wert 1. Wenn man über Pop redet, muss man über Hitler reden, auch wenn man das nicht will oder wenn es einem überhaupt nicht einleuchtet. Aber Hitler erscheint nicht nur in allen Online-Diskussionen oder sonstigem Getrolle, er ist generell überall, jeden Tag, in jeglicher Fassung. Vor siebzig Jahren mag eine Entnazifizierung stattgefunden haben, aber Hitler ist geblieben und ist seitdem immer wieder da. Wie? Vor allem so:

Eine minimalisierte Darstellung Adolf Hitlers
Diese Illustration ist bereits mehrfach verwendet worden und nicht extra für diesen Text entstanden. Trotz des absoluten Minimalismus’ eines Dreiecks und eines Vierecks wird Hitler darin immer erkannt. Das Bild hat einer der Autoren während Science-Slam-Veranstaltungen schon mehr als 1000 Menschen gezeigt . Es dauerte kaum zehn Sekunden, bis jemand Hitler in den Raum rief. Das ginge wahrscheinlich auch schneller, aber Scham lässt die Leute erst mal zögern.

Doppelhitler

Die Scham ist berechtigt, denn wir befinden uns einem moralisch-äthetischen Zwiespalt. Das reflexhafte Erkennen eines ästhetisierten Hitlers und die Reflexion darauf, Hitler so erkannt zu haben, verunsichert. Was wir sehen ist ein reduziertes Abziehbild Hitlers; aber gleichzeitig müssen wir an den Massenmörder denken. Wenn wir Hitler sehen, können wir nicht anders, als doppelt zu sehen. Wir sehen die historische Figur und wir sehen seine bizarre Reduktion. Hitler gibt es zweimal. Und einmal davon ist er einer der größten Popstars der Welt.
Pop ist der massenmediale Effekt, dass sich bestimmte Gegenstände in der Berichterstattung über sie auf bestimmte markante Attribute reduzieren lassen. In dieser reduzierten Fassung können sie dann sehr leicht reproduziert werden, wobei sich die markanten Attribute noch stärker reduzieren, was die Reproduzierbarkeit und Wiedererkennbarkeit wiederum erhöht. Solange etwas in einer bestimmten, simplen Markanz immer wieder wiederholt und erkannt wird, ist es Pop. Und so ist Hitler seit mindestens siebzig Jahren Pop – und wahrscheinlich in seiner Permanenz zusammen mit Albert Einstein Rekordhalter in Poppigkeit.

Dass Hitler so gut reduzierbar und reproduzierbar ist, ist kein Zufall, wie es bei manch anderen Gegenständen des Pop der Fall ist. Der nationalsozialistische Propagandaapparat war von Anfang an darauf angelegt, Hitler zu einer messianischen Erlöserikone zu verarbeiten und zu inszenieren. Genau bei dieser Inszenierung erfolgte schon die Reduktion auf Merkmale wie Schnurrbart, Sprechweise, Hitlergruß, Uniform, Feldherrenblick, Hakenkreuzmanschette, Schäferhund, Obersalzbergpanorama, Parteitagslichtkonzept und anderes. Diese Propagandainszenierung eines markanten Bilds von Hitler stellte die Blaupause für die dann einsetzende popkulturelle Reduktion Hitlers dar. Der reduzierte Pop-Hitler war bis zum Tode des Menschen Adolf Hitler mit selbigem deckungsgleich, aber natürlich nicht identisch. Während Adolf Hitler halb wahnsinnig im Führerbunker den Untergang nicht wahrhaben wollte, war seine Ikone immer noch die idealisierte Spitze des tausendjährigen Reiches. Als der Massenmörder sich erschoss, lebte das Abziehbild alleine weiter in den Köpfen der Menschen und in den nach dem Zweiten Weltkrieg erst richtig Fahrt aufnehmenden Massenmedien.

Ein Tod vor dem Abstieg ist die beste Methode, Poppigkeit zu konservieren oder sogar erst zu erzeugen. James Dean konnte so zu James Dean werden und nicht zu einem zweitklassigen Love-Boat-Darsteller und Betty-Ford-Klinik-Stammgast, für den sich niemand mehr interessiert. Hitler vor Gericht zu stellen, ihn in einem riesigen Prozess erbärmlich zu machen, ihn zu hängen oder ihn lebenslang in einer Gefängniszelle vegetieren zu lassen – das alles hätte die Geschichte nicht ungeschehen gemacht, aber es hätte die Ikone Hitler nachhaltig angegriffen und wohl auch aufgelöst.

„Achtung, Baby.“

Wir haben diesen Hitler im kollektiven Gedächtnis, und er begegnet uns überall. Wir produzieren mehr Hitler, als für Geschichtsaufarbeitung in Dokus und Unterrichtsmaterial nötig ist. Viel mehr. Jede Gelegenheit, eine Hitlerparodie zu machen, wird genutzt. Ob sie dann gut und sinnvoll ist, ist oft erst danach die Frage.

Im Jahr 1990 drehte der britische TV-Sender Galaxy eine Single-Camera-Sitcom namens Heil Honey, I‘m home!. In der „world’s most tasteless situation comedy“1 sehen wir Hitler und Eva Braun als Figuren in einer Show in bester I love Lucy-Manier. Die Tatsache, dass Hitler sich dauernd über seine jüdischen Nachbarn aufregte war noch eines der kleineren Probleme der Show. Das Debakel wurde glücklicherweise nach einer Folge abgesetzt und verschwand im Giftschrank.
Besser gelang die Parodie Hitlers als Bürohengst in Switch reloaded. Die Stromberg-Parodie Obersalzberg machte Hitler zum inkompetenten Chef unter Goebbels Knute mit strombergschem Minderwertigkeitsgefühl.

Stromberg-Darsteller Christoph Maria Herbst hatte bereits in Oliver Kalkofes Wixxer-Filmen den Butler Alfons Hatler gespielt, eine karaoke-singende Hitler-Parodie. Hatlers Karaoke-Repertoire beinhaltete solche Stücke wie Einmal um die ganze Welt. Als Dany Levi 2006 ankündigte eine Komödie über Adolf Hitler zu machen, raschelte es im deutschen Feuilleton. Alles auf Zucker war zuvor ein großer Hit gewesen und Levy wurde als neue deutsche Regiehoffnung gehandelt. Und ein bisschen schien es so als freue man sich unausgesprochen darüber, dass ein schweizer Jude in Deutschland eine Komödie über Hitler macht. Endlich lachen über Hitler ohne Angstschweiß auf der Stirn? Mein Führer mit Helge Schneider als Hitler geriet unentschlossen und schal. Vielleicht lag es daran, dass Levy eben nicht den reduktionistischen Hitler, den schreienden fuchtelnden Irren zeigte, sondern einen Hitler wagte der milder war. Mechanisierter Beischlaf mit Eva, Darmprobleme und ein jüdischer Sprachlehrer mit dem der Endsieg steht und fällt.

Der große Klassiker der Hitler-Parodie ist natürlich Der große Diktator: Chaplin zerlegte den Führerkult und die Ästhetik der Nazis von Hakenkreuz über Riefenstahl bis Wagner und schuf so ein Handwerkszeug zur Erschaffung der Nazi-Satire. Chaplin sagte mal, dass er den Film lieber nicht gedreht hätte, hätte er vom Holocaust früher gewusst.2 Ernst Lubitschs Sein oder Nichtsein zeigt uns einen Faschismus, bedingungslosen Führerkult und strenggehorsamen Militarismus, der so sehr auf sich selbst fixiert ist, dass man diesen mit seiner eigenen Struktur aufs Kreuz legen kann.

Mel Brooks (der auch eine Fassung von Sein oder Nichtsein drehte), drehte 1968 den Film The Producers über einen Broadway-Produzenten, der mit Hilfe seines Buchhalters entdeckt, dass es günstiger ist einen Flop zu produzieren, als einen Hit, wenn man Gewinnanteile einfach mehrfach verkauft. Bei der Suche nach dem schlechtesten Skript, das die Welt je gesehen hat, stoßen sie auf Springtime for Hitler. Ein Musical über den Werdegang Hitlers, geschrieben von einem verrückten Altnazi. Um den Plan zu perfektionieren heuern sie noch den schlechtesten Regisseur an, den sie kennen und casten einen Hippie als Hitler-Darsteller. Es kommt wie es kommen muss: Nach anfänglicher Abscheu des Publikums kippt das Stück und wird ein Hit und der Betrug der Produzenten fliegt auf.

Die spektakulärste Geschichte über unsere Obsession mit Hitler ist die der gefälschen Tagebücher. Als der Journalist Gerd Heinemann 1983 „Hitlertagebücher“ vom Fälscher Konrad Kujau kaufte, war dieser und die Chefredaktion des Stern so von Obsession und Halluzination geblendet, dass sie jeden Zweifel fahren ließen. Die Bücher, die der Leiter des Bundesarchivs im Nachhinein als „grotesk oberflächlichen Fälschung“ bezeichnete haben den Stern nicht nur Millionen sondern auch seinen Ruf gekostet. Zentraler Satz der Affäre war: „Große Teile der deutschen Geschichte müssen neu geschrieben werden“. Das Versagen des Stern, der Wahn Heidemanns, die Blindheit der Redaktion kulminierten in Helmut Dietls Schtonk!. Dessen Titel sich wiederum auf die Rede in Chaplins Der große Diktator bezieht. Dietl zeigt uns im Film wie sehr man beim Stern geglaubt haben muss, dass die Tagebücher echt sind. Selbst grobe Schnitzer Kujaus wie das Vertauschen des F und des A bei der Frakturschrift auf den Umschlägen log man sich zurecht bis das eigene Weltbild wieder stimmte. „EFF HAH… EFF HAH…. Führers Hund!“.

Die Unablässigkeit der Obsession mit Hitler reflektiert sich in der letzten Szene, in der Heidemanns filmisches Pendant Hermann Willié sich auf den Weg nach Südamerika macht um den Führer zu finden, denn wenn die Tagebücher echt sind, aber das Papier nach 1945 produziert wurde kann, das in seiner Welt nur eins bedeuten: Er lebt!
Zu Anfang von Walter Moers’ (Der Hitler auch einst als Pop-Ikone bezeichnet haben soll) Comic Adolf. Äch bin wieder da!! erzählt der Autor noch einmal wie es zur Werdung des Buches kam. Einst hatte er für die Titanic einen Comicstrip über einen Abend gezeichnet,in dem ein namenloser Protagonist Hitler, Prince („Pränz“) und Michael Jackson („Meikel“) zu sich nach Hause eingeladen hatte. Während Jackson sich verspätet, diskutieren Hitler und Prince (damals noch Symbol) über die Gestaltung ihrer Symbole. Hitler „hatte auch mal ein Symbol“, tat sich aber schwer dieses zu malen. Mit der Ankunft Jacksons gerät der Abend dann außer Kontrolle: Während Hitler Jackson zuerst noch vertraut, gerade überschwänglich begrüßt, verfällt er unversehens in einen manischen Wutanfall als Jackson seine neue riesige Nase präsentiert, mit der er zu einem Symbol für alle Kulturen der Welt werden wollte.
Und nun kommt Timur Vermes Bestseller „Er ist wieder da“ in die deutschen Kinos.

Hitler im Kopf

Es wird so viel Hitler produziert, dass sogar Hitler quasi von alleine entsteht. Das Phänomen der Pareidolie besteht darin, dass man Figuren in etwas sieht, was nicht dazu gedacht war, so auszusehen. Zum Beispiel ein Gesicht auf der Marsoberfläche oder Jesus auf einer Toastbrotscheibe. Und so wird auch Hitler dort gesehen, wo niemand ihn vermutet hätte. Hitler TeekanneIm Jahr 2013 hatte die amerikanische Supermarktkette JC Penney einen Teekessel im Angebot, der einen geschwungenen Griff und einen schwarzen Knauf aufwies. Auf Tumblr postete jemand ein Foto eines Werbeplakats für den Teekessel und wies darauf hin, dass dieser aussehe wie Adolf Hitler. Der Teekessel war innerhalb von Stunden ausverkauft. Die Ähnlichkeit war beim Produzenten Michael Graves und JC Penney niemandem aufgefallen. Warum auch? Keiner hat einen Teekessel im Hitlerdesign bestellt. Einzig die Kunden halluzinierten sich Hitler in die Kanne. Im Netz findet sich der schöne Blog catsthatlooklikehitler.com der unzählige Bilder von „Kitlers“ zeigt: Katzen, die eindeutig die Physiognomie Hitlers besitzen und sich auch dementsprechend in Pose setzen – so sieht es für das pareidolische Auge zumindest aus(manchmal wird mit Accessoires nachgeholfen). Und Millionen von iPhone-Benutzern waren erstaunt, dass nach dem Update auf iOS 7 sich beim Herunterladen einer App der kleinen, runden Downloadanzeige mit dem Quadrat in der Mitte langsam ein Seitenscheitel wuchs, bis das Gesicht Hitlers entstanden war, um sich dann wieder aus dem Führerbild herauszuwachsen. iOS7 Hitler LadesymbolMehr noch als das umfassende Parodieren von Hitler zeigt die Hitler-Pareidolie, dass sich die markanten Merkmale der Figur durch dauernde Wiederholung in die Hirne der Menschen eingebrannt haben und dass sie so simpel sind, dass sie überall gefunden werden können. Wenn Pop darin besteht, auf bestimmte Merkmale reduziert werden zu können und reduziert zu werden, dann zeigen die Beispiele, warum Hitler der größte Popstar der Welt ist. Reduzierter geht es nicht, Hitler besitzt in der Wiederholung die geringstmögliche Auflösung, die je eine massenmedial verbreitete Figur besessen hat.

Über die Scham

Warum aber dauert es zehn Sekunden, bis sich jemand im Publikum traut, zu sagen, dass er oder sie Hitler in einem Dreieck und einem Viereck erkannt hat? Worin besteht die Scham? Dass er ein Massenmörder ist, wäre die einfachste Antwort. Darüber macht man sich nicht lustig! Und auch, dass es eine deutsche Befindlichkeit ist, sich für die Mitverantwortlichkeit des deutschen Volkes an dem Völkermord zu schämen, so dass eine Erwähnung Hitlers tunlichst vermieden werden sollte, um sich nicht schämen zu müssen. Mit anderen Massenmördern haben wir kein Problem, sie in comichafter Verzerrung zu genießen und über sie zu lachen, Attila der Hunne zum Beispiel, der für große Teile des Witzes von Nachts im Museum verantwortlich ist oder der den beiden Pokémon-Bösewichter „Attila“ und „Hun“ den Namen geliehen hat. Wenn man sagt, dass der Gegenstand, der verpoppt wird, zu ernst ist, weil es um Massenmord geht, dann gäbe es viele Beispiele, die einen eines besseren belehren würden.

Der eigentliche Grund, warum man zögert, sich offen zum Pop-Hitler zu bekennen, ist der, dass man fürchtet, Blasphemie am realen Hitler zu begehen. Denn es ist nicht der Massenmord alleine, der Hitler ausmacht, es ist das Ausmaß seines Verbrechens, das systematische, industriell betriebene und unvorstellbar umfassende Auslöschen von Menschen und der erbarmungslose, alles ausbeutende und aufzehrende Kriegswille des Diktators. Sein Verbrechen war so groß, dass es überweltlich wurde, transzendental. Verbindet man nun den Pop-Hitler mit seiner grotesken und lächerlichen Reduktion auf die markanten Merkmale mit diesem transzendenten Verbrecher, so ist das rufschädigend und berührt den Glauben von Menschen an dieses absolute Böse. Ähnlich wie man die Göttlichkeit Jesus erniedrigt, wenn man über körperliche Gelüste des Zimmermanns Jesus nachdenkt, oder die unendliche Mitmenschlichkeit von Mutter Theresa herabwürdigt, wenn man sie als Karikatur darstellt, nimmt man dem größten Verbrecher aller Zeiten das absolut Böse, wenn man seine Lächerlichkeit zeigt.

So denkt man zumindest, dass andere Leute denken, wenn man über Mutter Theresa, Jesus oder eben Hitler lachen möchte. Die Scham über den Pop-Hitler ist ein soziales Phänomen. Alleine hat man keine Probleme damit, Hitler zu erkennen und es lustig zu finden, wie er verzerrt und rekontextualisiert worden ist. Aber inmitten von Menschen, insbesondere Deutschen, setzt die Unsicherheit darüber ein, wie stark und unerschütterlich der Glauben der anderen an das absolut Böse wohl wirklich ist. Und ob man ihre Gefühle verletzt, wenn man sich am Pop-Hitler erfreut. Ob man also Blasphemie begeht. Hinzu kommt dann – und das macht es bei Hitler so extrem schwierig und beschämend – dass es einem unangenehm ist, dass die anderen denken könnten, dass es einem ganz unentspannt unangenehm sein könnte, wenn sie hören, dass man über Hitler, das absolut Böse, in unernster Weise spricht. Während man dieses alles denken muss, sind dann mindestens zehn Sekunden vergangen. Aber am Ende siegt inzwischen doch das Popbewusstsein.

  1. Marian Calabro, Zap! A Brief History of Television, Four Winds Press, 1992, (p. 150). ISBN 0027162427
  2. Chaplin, Charlie (1964). My Autobiography. p. 392. Had I known of the actual horrors of the German concentration camps, I could not have made The Great Dictator, I could not have made fun of the homicidal insanity of the Nazis.

Bildquellen

  • Popikone Adolf Hitler: Merlin Schumacher
  • Hitler Teekanne: Merlin Schumacher
  • Die maximale Reduktion des Pop Hitlers: Merlin Schumacher