Im Herzen der Gewalt: Ein Ausflug

Unser Autor hat keine Lust, über Édouard Louis‘ neuen Roman Im Herzen der Gewalt zu schreiben und geht stattdessen lieber einen Kaffee trinken.

Ich müsste über Édouard Louis‘ Buch Im Herzen der Gewalt schreiben. Aber so oft ich es versuche, wandern erst meine Augen, dann mein Kopf weg davon, hin zu den Häusern dieses Retortendorfes an der südfranzösischen Mittelmeerküste, zu den Menschen, die über den herbstlich leeren Platz in Richtung Wasser flanieren. Ich sitze in einem Café namens Le Chat Rouge, zwischen übereinandergestapelten Häuserblöcken, nicht höher als drei Stockwerke, angestrichen in diesem für den französischen Süden typischen Farbton, eine Mischung aus rosa und ocker. Es ist Mitte September, die Sommerferien sind vorbei, die Vorhänge der Ferienwohnungen sind zugezogen, die Fensterläden sind geschlossen. Der Ort ist ausgestorben, bis auf die paar Menschen, die hier, mitten in den gestapelten Ferienwohnungen, tatsächlich das ganze Jahr über leben, oder die paar Menschen, die ihre Ferienwohnungen jetzt, am Anfang der Nebensaison beziehen, wenn der Herbst sich schon ankündigt und das Wasser zu kalt ist, um es lange darin auszuhalten. Es sind hauptsächlich ältere Menschen.

Louis‘ Roman – wenn man ihn Roman nennen kann – spielt im französischen Norden, in Paris, im wirtschaftlich vernachlässigten Niemandsland nördlich davon. Es ist ganz anders als in dem Retortenort am Mittelmeer. Es ist schwer – zumindest von Deutschland aus – sich vorzustellen, dass es in einem Land so unterschiedliche Landstriche geben kann. Im Norden der Nebel, die Feuchtigkeit, die leeren Dörfer und die stillgelegten Fabriken. Im Süden das Mittelmeerklima, die heißen Sommer, die milden Winter. Dort der oft endgültig wirkende Stillstand, die Landflucht der Jungen. Hier die Wohnungen – die Träume, der Luxus namens Ferienwohnung – die nur vorübergehend verbarrikadiert sind, der Ort, der nur für ein paar Monate in den nächsten Winterschlaf gleitet. Aber verlassen, verlassen ist beides. Im Moment.

Arbeitslosigkeit und verzweifelte Männlichkeitsideale

Es geht bei Édouard Louis um eine Stimmung im Land – natürlich nie so platt, dass man es an irgendetwas festmachen könnte, nie so platt, dass das Buch in einen Essay abdriften würde. Um ein Gefühl, ein Gefühl, das ähnlich ist wie dieser verlassene Ort, der in den 80er Jahren als groß angelegtes Regierungsprojekt zur Förderung des Tourismus aus versalzenem Brachland zwischen einem Brackwassersee und dem Meer gestampft wurde. Menschen kauften damals die Wohnungen hier, der Wirtschaft ging es gut, den Menschen auch, eine kleine Ferienwohnung war drin, das ging, man konnte sich das leisten, so einen Luxus. Als Mittelklasse am Mittelmeer, in den eigenen vier Wänden, von gesellschaftlichem Aufstieg träumen. Die paar Alten, die jetzt hier leben, vielleicht das ganze Jahr, gehen oft schon vormittags in die Kneipe, sitzen da vor Wein oder Pastis oder Bier, warten. Als seien sie übrig geblieben. Nachts werden sie manchmal laut.

Man kann sich diese Menschen gut als Protagonisten von Louis‘ erstem Buch, Das Ende von Eddy, vorstellen, in dem ein Junge in einem nordfranzösischen Dorf voller Arbeitslosigkeit und verzweifelter Männlichkeitsideale versucht, seine Homosexualität zu gleichzeitig zu entdecken und zu verstecken. Alle Männer trinken dort, arbeiten für einen Hungerlohn, alle Frauen dort sind Mütter und erdulden stumm, so lange, bis sie nicht mehr erdulden können. Frauen wie Männer sind gewalttätig und ausländerfeindlich, und geben ihre Hoffnungslosigkeit an die nächste Generation weiter. Eddy Bellegeule, der Ich-Erzähler und Protagonist, versucht von dort zu entfliehen – und landet schließlich auch in der Stadt.

Brutales Soziogramm

Das Ende von Eddy ist ein brutales Soziogramm eines vergessenen Dorfes, das im nordfranzösischen Nebel in einer Feedbackschleife der Hoffnungslosigkeit steckt. Ich frage mich, wenn ich über meinen Espresso über den Platz blicke, ob man dieses Psychogramm einfach so über dieses verlassene Retortendorf legen könnte. Jetzt, wo die Touristen fort sind. Vermutlich nicht, man müsste hier und da Anpassungen vornehmen: Es gibt wenig Kinder und immerhin bringen im Sommer die Touristen etwas Geld in die Stadt. Aber Das Ende von Eddy hat dieses Ding, dieses Gefühl, das auch Im Herzen der Gewalt hat: Dass die einfache, psychologisch komplex erzählte Handlung, größer ist als ihr Setting, ihre ganze spezifischen regionalen Probleme, dass sie eine Art von Allgemeingültigkeit hat.

Das Meer ist übrigens schon kalt, um diese Jahreszeit, am Strand liegen noch ein paar Menschen, wenn man sich dicht an den Sand drückt, merkt man den Wind nicht, nur die Sonne. Zwei oder drei Menschen trauen sich ins Wasser, schwimmen parallel zum Ufer ein paar Bahnen, laufen in dem kalten Wind zu ihren Handtüchern, wickeln sich so schnell wie möglich in sie ein, drücken sich wieder an den Boden. Vom Strand, auch vom Café aus, kann man die Strandpromenade sehen. Jeder Mensch hier hat einen Hund, geht mit ihm Gassi, meistens an der Promenade, die Hunde kacken zwischen die dort in regelmäßigen Abständen abgestellte Kunst im öffentlichen Raum.

Polyphoner Monolog

Genau wie Louis’ erstes Buch Das Ende von Eddy hat Im Herzen der Gewalt eine im Grunde simple Handlung: Der Protagonist, ein Ich-Erzähler namens Édouard, geht am Weihnachtsmorgen einsam und leicht betrunken durch Paris nach Hause, wird von einem anderen angesprochen, Reda, Sohn eines Einwanderers, Édouard nimmt ihn mit zu sich nach Hause, sie schlafen miteinander, alles ist schön und intim, Reda versucht danach, Édouards Handy und sein iPad zu stehlen, Édouard bemerkt das, die Situation schaukelt sich hoch und Reda vergewaltigt Édouard mit vorgehaltener Waffe. Aber selbstverständlich ist das nicht die ganze Geschichte. Die Geschichte in Im Herzen der Gewalt ist eine andere, es ist die Geschichte davon, wie diese eine Nacht, die Intimität, der Diebstahl, die Vergewaltigung, immer wieder von anderen nacherzählt und bewertet wird. Es ist eine Art vielstimmiger Monolog, in dem Louis zuhört, wie seine Schwester die Geschichte ihrem Mann erzählt, wie er selbst die Geschichte der Polizei und im Krankenhaus erzählt, wie seine Freunde ihm die Geschichte zurück erzählen. Ein eigenartiges Vexierspiel aus multiplen Perspektiven, das noch komplexer dadurch wird, dass die Figur Édouard und der Autor Édouard Louis fast deckungsgleich sind – an einer Stelle erwähnt der Erzähler ein Café, in dem er an seinem Buch Das Ende von Eddy arbeitete. In Interviews gibt Louis zu Protokoll, dass ein Roman nicht unbedingt heißen müssen, dass die Geschichte Fiktion sei, sondern nur, dass sie auf eine gewisse Art und Weise literarisch konstruiert sei. Hat Louis das alles selbst erlebt? In irgendeiner Variante? Das lässt sich sicherlich herausfinden, aber spielt das eine Rolle? Im Herzen der Gewalt ist eine Geschichte, in der es – wie in Das Ende von Eddy – exemplarisch um Homophobie, Rassismus, um Vorurteile und die unterschiedlichen Wahrnehmungen davon geht.

Aber das ist eigentlich auch nicht die Geschichte, man kann das sehen, wenn man am Vormittag eine dieser Kneipen beobachtet, wie sie beginnen zu trinken, immer lauter werden, und da hinten, am Tisch in der Ecke, kiffen da zwei, verschämt, wie Schuljungen auf dem Raucherhof, die eigentlich zu jung dafür sind? Erzähl mal – ja, ich arbeite mit Vorurteilen – einem von ihnen einen solche Geschichte. So, als sie dir passiert. Ich bin der erste, der sich freut, wenn das gut geht. Aber es wird nicht gut gehen. Du wirst auf eine andere Lebenswelt stoßen, in der jemand sagen wird, was Ausländer immer tun, was Schwule immer tun, und das man ja wohl kaum von jemandem vergewaltigt werden könne, mit dem man gerade Sex gehabt hat. Man muss nicht nach Frankreich fahren, weder in den Süden noch in den Norden, um das so zu erleben, aber darum geht es in Im Herzen der Gewalt, einerseits: Um einen Zustand, oder besser: Zustände, Lebenswelten, in denen sich sowas sagen lässt, in denen es schief geht, wenn eine solche Geschichte erzählt wird. Andererseits geht es aber auch um Verständnis dafür: Hören ist nicht erleben, erzählen ist nicht erleben. Édouard, der Erzähler, und Édouard Louis, der Autor, bemühen sich um dieses Verständnis – oder zeichnen zumindest Umstände nach, in denen es es dazu kommen kann, kommen muss, dass Menschen kategorisiert werden, in denen er auch Mitschuld trägt, in denen ihm geraten wird, die Sache nicht weiter zu verfolgen. Er empört sich – und versucht, diese verschiedenen Realitäten, die Sichtweisen, irgendwie zur Deckung zu bringen, sie in eine kohärente Geschichte zu drücken.

Also was? Mein Espresso ist leer, selbst den Zuckerrest am Grund der Tasse habe ich ausgelöffelt, ich habe Édouard Louis‘ polyphonem Monolog eine weitere Stimme, eine weitere Nacherzählung hinzugefügt, die sich, finde ich, in etwa so verhält wie ein hoffnungsloses nordfranzösisches Dorf zu dieser südfranzösischen Retorte am Mittelmeer: Harmloser, nicht ganz so schlimm, auszuhalten. Anspruchsloser. Wärmer. Ich winke dem Kellner, vermutlich auch Besitzer des Le Chat Rouge, zahle, lasse ein wenig Trinkgeld da. Stehe auf und gehe nochmal ans Meer, um die Füße hineinzuhalten, bevor es endgültig zu kalt wird.

Weitere Informationen: 

Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt
S. Fischer, 2017
ca. 216 Seiten, 20 EUR
ISBN: 978-3-10-397242-9

Bildquellen

  • u1_978-3-10-397242-9: (c) S. Fischer Verlage
  • 20170927_110930: Jan Fischer