Lovecraft, der besorgte Bürger

Vergangene Woche wäre Horror-Autor H.P. Lovecraft 125 Jahre alt geworden. Dies nahm Marcel Durer zum Anlass über sein zwiegespaltenes Verhältnis zum Kultautor zu schreiben. Ein Hin und Her zwischen Verehrung der Kunst und Ablehnung eines rassistischen Weltbilds.

Wenn Menschen ihre Argumentation mit den Worten „Ich bin ja kein Rassist, aber …“ anfangen, dann würde ich ihnen gerne ein lautes „Doch!“ entgegen brüllen. Gerade diese Floskel ist die oft verwendete Einleitung für braunes Gedankengut eines Menschen, der sich wahrscheinlich tatsächlich für tolerant hält. Solche „versteckten“ Rassisten sind noch schlimmer als die offenen Rassisten – weil sie eine faschistische Gefahr nicht erkennen, sondern ihr blind folgen würden. So viel zu meiner persönlichen Abneigung gegen Fremdenfeindlichkeit.
Und dennoch weiß ich jetzt schon, dass ich hier aufpassen muss, nicht eine ähnliche Floskel zu verwenden. Dabei geht es jedoch keinesfalls um mich. In diesem Artikel möchte ich mit mir selbst streiten. Mein antifaschistisches Ego steht hier im Konflikt mit meiner Verehrung für das Werk von H.P. Lovecraft.

Wem weder Howard Phillips Lovecraft, noch sein Werk des Cthulhu-Mythos etwas sagen, dem kann ich an dieser Stelle auch nicht weiter helfen. Gehen Sie weiter, für Sie gibt es hier nichts zu sehen. Sie haben den wahrscheinlich größten Horror-Autor des 20. Jahrhunderts verpasst.
Ich könnte an dieser Stelle eine ausführliche Einführung zur Person, der Welt seiner Geschichten und ihren Einfluss auf Generationen von Autoren, Filmemachern und Künstlern geben.

Doch dies werde ich nicht tun. Wer nämlich nie den vergnüglichen Schauer erlebt hat, eine seiner verstörenden Gruselgeschichten über uralte, schlafende Gottheiten an einem Gewitterabend zu lesen, wird nicht nachvollziehen können, warum ich ihn so sehr verteidige und mich dabei wahrscheinlich rhetorisch verrenke. Werde ich ihn überhaupt verteidigen? Werde ich ihn verurteilen? Ich hoffe man merkt, wie unsicher an diesen Artikel ran gehe. Ich befinde mich in einem inneren Zwiespalt.

Howard Phillips Lovecraft, (1890 – 1937) war ein Großteil seines Lebens Rassist – so zumindest der Eindruck, den man aus seinen Geschichten, seinen Gedichten und seiner brieflichen Korrespondenz bekommen kann. Auch ein Blick auf die Biographie wirft einen gewaltigen Widerspruch zwischen meiner Verehrung seiner Kunst und dem verächtlichen Mitleid mit seiner Person auf.
Lovecraft war kränklich und erzkonservativ, strebte sein ganzes Leben dem vergangenen Ideal eines schreibenden Gentleman und litt seit Kindheitstagen unter körperlichen und psychischen Problemen, die ihn sein ganzes Leben begleiteten. Sowohl sein Rassismus, als auch sein Antikapitalismus und Antikommunismus waren durchweg geprägt von Angst: Angst davor, seinen Lebensstandard zu verlieren. Das klingt ein bisschen nach heutigen „Asylkritikern“.
Er wurde vor ziemlich genau 125 Jahren geboren. Nun kann man versuchen seine Fremdenfeindlichkeit mit Zeitgeist zu rechtfertigen. Selbst wenn es eine Begründung wäre, so ist es keine Entschuldigung, genauso wenig wie Rassismus eine tolerierbare Meinung ist.

Handlanger des Bösen

In vielen Geschichten Lovecrafts haben Ausländer, Eingeborene und Immigranten die Rolle der Handlanger des Bösen inne. Entweder sind sie Kultisten einer dunklen Gottheit, Teil einer weltweit agierenden Verschwörung, Hexer und Magier, degenerierte Mutanten oder einfach nur primitive Kannibalen. Gleichzeitig scheut sich Lovecraft nicht abfällige Begriffe zu benutzen, die man vielleicht als Zeitgeist abstempeln könnte – aber diese Verteidigung ist nicht unbedingt Wasserdicht. In The Rats in the Walls gibt es z.B. eine Katze namens „nigger man“. Andernorts redet er von „jesidischen Teufelsanbetern“ (The Horror at Red Hook) oder von „Mulatten und anderen Mischlingen“ (Call of Cthulhu) – um nur ein paar weitere Beispiele zu nennen. Nicht zuletzt ist jedoch das von ihm verfasste Gedicht „on the creation of niggers“ das stärkste Indiz für seinen Rassismus:

„When, long ago, the gods created Earth
In Jove’s fair image Man was shaped at birth.
The beasts for lesser parts were next designed;
Yet were they too remote from humankind.
To fill the gap, and join the rest to Man,
Th’Olympian host conceiv’d a clever plan.
A beast they wrought, in semi-human figure,
Filled it with vice, and called the thing a Nigger.”

Wenn man nun die Person Lovecraft und sein politisches Weltbild kennt, dann ist es sehr einfach darin einen Beleg für seinen Rassismus zu finden. Doch feiern Fans von Lovecrafts Geschichten insgeheim diese Fremdenfeindlichkeit ab? Nein – und das hat einen einfachen Grund. Dramaturgisch funktioniert dieses Motiv der gefährlichen und undurchschaubaren Fremden einwandfrei. Dies hat weniger etwas mit der politischen Meinung der Leser zu tun, sondern viel mehr damit, wie Ängste funktionieren.
Lovecraft hatte recht, als er sagte „The oldest and strongest emotion of mankind is fear, and the oldest and strongest kind of fear is fear of the unknown“. Die schlechtesten Horrorfilme sind immer jene, die deutlich den Auslöser des Schreckens zeigen. Meistens hat man als Zuschauer nämlich genau davor keine Angst. So funktioniert der menschliche Verstand. Und so funktioniert auch Horror. Stephen King hat dies von Lovecraft gelernt: zeig den Horror nicht, sondern zeig dessen Auswirkungen. Nicht umsonst sind die Kreaturen, die Dämonen, die Gottheiten und deren Tempel im Cthulhu-Mythos häufig nur als „unvorstellbar“, „unbeschreiblich“ und „grotesk“ beschrieben.
Die Angst vor dem Fremden zieht sich konsequent durch das Werk von Lovecraft – die Angst vor fremden Kulturen ist hier nur ein kleiner Teilaspekt. Die Kommunikationsbarriere zu eben jenen stellt bloß eine gute Basis für diese fremde, beängstigende Wirkung dar. Wenn man sich jedoch die Handlanger des Bösen“ in seinem Gesamtwerk genauer ansieht, dann findet man auch Vertreter der weißen Mittelschicht wieder.

Der Unterschied zwischen Künstler und Kunst

Was man Lovecraft zu Gute halten kann, ist die Tatsache, dass er sich später in seinem Leben für seine Fremdenfeindlichkeit jüngerer Tage geschämt haben soll. Hier kann wieder diskutiert werden: Ist dies eine bloße Behauptung gewesen? Steckt dahinter mehr als nur eine Aufbesserung des eigenen Images? Kann sich das Weltbild eines Erwachsenen noch so gravierend ändern?
Letzteres hoffe ich persönlich, ansonsten würden antifaschistische Ausstiegsprogramme wie „Exit“ keinen Sinn machen. Auch glaube ich nicht, dass es ein geglückter „PR-Stunt“ war – zu Lebzeiten hatte Lovecraft nicht einmal Ansatzweise den Bekanntheitsgrad, dass sich so etwas überhaupt gelohnt hätte. Und erneut muss man auch auf den rassistischen Zeitgeist hinweisen, in welchem er lebte. Aber reicht das wirklich aus?

Kann man außerdem wirklich zwischen dem Künstler und seiner Kunst unterscheiden? Das hängt stark von der Kunst ab. Die Kunst Maria Abramovic oder von Joseph Beuys z.B. macht ohne die Biographie relativ wenig Sinn. Zarah Leanders Lieder dagegen haben wenig biographischen Bezug. Und die religiösen Ansichten von Tom Cruise sind nicht der ausschlaggebende Grund, warum Filme mit ihm eher „meeh“ sind.

Auch bei vielen anderen Künstlern wird die Person gerne ausgeblendet. Sei es bei Salvador Dali, der die Faschisten unterstützt hat. Sei es Byron, der Inzest betrieb. Sei es Rimbaud, der als Schmuggler aktiv war. Sei es Norman Mailer, der in Rage versuchte seine Frau zu töten. Sei es Klaus Kinski, bei dem man lieber über seine Tobsuchtsanfälle schmunzelt, statt sich mit dem Vorwurf, er habe seine 13-jährige Tochter vergewaltigt, auseinanderzusetzen. Lovecraft kann man wenigstens die späte Reue zu Gute halten – wenn sie denn aufrichtig war.

Es macht für mich auch einen Unterschied, ob eine Person noch lebt und man durch den eigenen Konsum die Privatperson finanziert und unterstützt oder ob jemand bereits seit mehreren Jahren tot ist. Bei Ersterem ist man eher in der Verantwortung, sich mit dem Künstler hinter dem Werk zu beschäftigen. So finde ich es deutlich verwerflicher einen Roman Polanski zu verehren und zu unterstützen, als einen H.P. Lovecraft, dessen ganzer Ruhm post mortem war.

Lovecrafts Werk ist für mich als freischaffender Autor mit einer Vorliebe für das phantastische auf einem hohen Podest. Mir würde kein Autor im Horror-Genre einfallen, der mehr Einfluss auf die literarische Welt und Popkultur im Allgemeinen hatte. Beruflich läuft mir Lovecraft ständig über den Weg – sei es in meiner Tätigkeit als Dramaturgie-Dozent, in der Analyse von Filmen oder Geschichten oder beim Verfassen von eigenen Werken.
Er spricht fundamentale Ängste mit seinem Horror an – die Angst vor dem Unbekannten, der Horror der eigenen Unbedeutsamkeit im großen Ganzen der Realität, der Sog des Wahnsinns und das Rütteln an dem Podest, auf welches wir gerne unsere Menschheit stellen sind Motive, die er geprägt hat. Seinen Horror auf „böse Ausländer“ zu reduzieren wäre schlichtweg falsch.

Das ist die Stelle, an der ein Fazit kommen sollte. Was ist mein Fazit? Bin ich begeistert von seiner Kunst, seinem Werk und seiner Rolle in der Welt der Literatur? Ohne Zweifel. Würde ich mit ihm, der mich an einen „besorgten Bürger“ erinnert, ein Bier trinken? Wahrscheinlich nicht. Kann man die Kunst und den Künstler moralisch trennen? Wahrscheinlich.
Phantastische Geschichten lese ich nicht, um mehr über den Autor zu erfahren sondern um meiner eigenen Realität zu entfliehen. Ob also der Autor jetzt Rassist war oder nicht ändert objektiv nichts an der Qualität seiner Erzählung. Diese ist bei Lovecraft enorm hoch.

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