Der Himmel ist für Verräter: Das Leben, ein Kompromiss

Stephan Phin Spielhoff hat mit seinem Debütroman Der Himmel ist für Verräter eine große Geschichte über eine Liebe geschrieben, die zur Heimsuchung wird: Bewegend in ihrer Alltäglichkeit, verstörend in ihrer Schwärze. Martin Spieß hat das Buch gelesen.

Mit der Liebe ist das so eine Sache: Haben wir sie, fragen wir uns, ob wir sie haben, wir sind unzufrieden, wir kritteln aneinander oder an uns selbst herum und stellen unsere Gefühle infrage – bis die Liebe irgendwann nicht mehr da ist. Und haben wir sie erstmal nicht mehr, dreht sich alles nur noch darum, wie groß sie einst gewesen ist, wie leuchtend, wie lebensverändernd – und wie kalt und grau jetzt alles ist.

Stephan Phin Spielhoffs Protagonist geht es da nicht anders. Fitz heißt der junge Mann Anfang 30 in Spielhoffs Debütroman Der Himmel ist für Verräter, dem es eigentlich an nichts mangeln sollte: Guter Job als Texter in einer Werbeagentur, gute Beziehung zu seinem Freund Marek, schöne, große Wohnung in Berlin. Sollte, Konjunktiv. Denn wo er geht, umschwebt ihn der Schatten seiner Jugendliebe Theo, wo er steht, lasten Erinnerung und das Wissen auf ihm, dass Theo einfach irgendwann verschwand – auf ein Containerschiff. (Die Dramatik der Geste erinnert ein wenig an Sebastian Schippers Film Absolute Giganten.) Und auch sein übriges Leben macht ihn nicht glücklich, und das sagt er auch: „Es geht mir nicht besonders gut. Ich bin nicht glücklich.“ Darüber, eine streunende Katze zu retten, sagt er, es sei seit langer Zeit das Erste, das sich gelohnt habe. „Der ganze Rest? Ich weiß nicht, wie ich das durchhalten soll.“

Also schmeißt er den Job in der Agentur hin und entschließt sich, „seine Serie“ fertigzuschreiben. Sie handelt von Dämonenjägern, von Empathen, die einander spüren können – die Serie ist der große Wurf für das deutsche Fernsehen, und ein großer deutscher Sender kauft sie ein. Die schwule Hauptfigur jedoch wird ihm gestrichen, Fitz rebelliert kurz, aber fügt sich dann den Gegebenheiten. Er macht Kompromisse, wo er keine machen will, die Serie wird trotzdem ein Hit – und bei den Dreharbeiten läuft ihm eines Tages Theo über den Weg.

Nichts bleibt, nur weitermachen

Der Himmel ist für Verräter ist dabei mitnichten ein Nerdroman, wenngleich er, geht es um die Serie, nicht frei ist von Andeutungen und Anspielungen. Die Serie, die Fitz schreibt, ist weniger die Erzählung einer Fantasy-Geschichte, sondern ein einziger, großer Versuch, sich die Vergangenheit von der Seele zu schreiben, den Schmerz loszuwerden – irgendwie die Trauer zu verorten, dass der eine Mensch, den er einst liebte, plötzlich weg war. Klar geht es um Dämonen, wird Fitz doch eben von diesen verfolgt. Und natürlich geht es um Empathen, die die Gefühle anderer spüren können – kann er selbst doch kaum etwas spüren.

Was er spürt, das ist der klägliche Rest von Hoffnung in einer Welt, in der ihm nichts geblieben ist, als irgendwie weiterzumachen – obwohl er weiß, dass es hohl sein wird, dass da eine Leerstelle ist, die sich nicht wird schließen lassen können. Kein Wunder, dass er ständig ausgeht, zu viel raucht und zu viel trinkt. Und Mareks Lächeln kann noch so bezaubernd sein, Fitz wird ihn trotzdem mit Theo betrügen und alles kaputtmachen. Fitz ist dabei kein schlechter Mensch, der mutwillig oder gar boshaft anderer Leute Leben zerstört. Er ist lediglich gefangen von seinen Dämonen, und so sehr er auch kämpft, er kann nur verlieren – und wie für einen tragischen Helden passend, geht nicht nur er selbst vor die Hunde, sondern er nimmt auch die mit, die er liebt.

Liebe ist kein life saver

Stephan Phin Spielhoff erzählt das alles mit schnörkellosem, aber doch immer wieder poetischem Sound, und mit Sprachbildern, für die man töten würde. Der Himmel ist für Verräter ist eine tragische Geschichte, tragisch nicht nur in ihrem destruktiven Verlauf, sondern auch in ihrem deprimierenden Fazit über die Liebe: Die ist bei Spielhoff kein life saver, keine Erlösung, keine Rettung. Sie ist eine Heimsuchung, ein Fluch, der Fitz – und damit alle, die mit ihm in Liebesdingen zu tun haben – zerstört. Die Lektüre von Der Himmel ist für Verräter fällt einem nicht immer leicht, schafft der Autor es doch, genau da hinzufassen, wo es richtig wehtut: Spielhoff vermag es, dass man fast bis zuletzt mit Fitz bangt und hofft, wo man doch eigentlich schon lange weiß, dass er verdammt ist.

Aber mit der Liebe ist es eben so eine Sache: die richtig große, tief empfundene tut schrecklich weh, und sie hinterlässt Tränen, Blut und Scherben. In einigen Glücksfällen gelingt es einem Autor, die Geschichte einer solchen Liebe aufzuschreiben. Stephan Phin Spielhoffs Der Himmel ist für Verräter ist so ein Glücksfall.

Stephan Phin Spielhoff: Der Himmel ist für Verräter
Albino Verlag, 2019
280 Seiten, 18 Euro

Bildquellen