Literatur-Kolumne: Wozu mehr lesen… als Seite 1?

Stefan Mesch über verräterische Leseproben – gut geschrieben, schlecht erzählt: eine Literatur-Kolumne über Bestseller.

Wozu mehr lesen… als die erste Seite? Fast alle Bücher entlarven sich beim Lesen von Seite 1. Stefan Mesch über verräterische Leseproben. Gut geschrieben. Schlecht erzählt.

Zu lange habe ich Klappentexten geglaubt. Buchcovern. Verlagen und ihrem Image:

„Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch? Dann muss es kantig, rotzig sein.“

„Das Foto einer Frau, als Titelbild? Ein Buch für Frauen.“

„Wild schwankende Buchstaben, wie bei Jonathan Safran Foer? Jung! Wild! Unkonventionell?“

Noch vor drei Jahren kaufte ich Bücher auf Amazon – nur, weil mir Freunde sagten: „Lies.“ Oder, weil mich Wertungen auf Goodreads, Kritiker, Blogposts, Artikel neugierig machten. In Einzelfällen reichte mir ein guter Titel, ein sympathisches Cover. Oft ein bekannter Autorenname: Autoren und Verlage, die ich mochte, hatten einen Vertrauensvorschuss.

Dann noch kurz den Klappentext lesen. Ein, zwei Rezensionen. Und: bestellt!

Mein Stapel ungelesener Bücher wuchs. Ich habe viel entdeckt. Aber vieles auch nur angelesen und nach zwei, drei Kapiteln fort gelegt. Denn das ganze komplizierte Drumherum, das jedes Buch umgibt – Kritiken, Sternchen, Leselisten, Artikel, Klappentexte, Verlags-PR und Cover – hilft nur bedingt, schlechte (oder schlicht: für mich unpassende) Bücher zu entlarven.

Etwa die Hälfte meiner Bestellungen und Lektüren waren Flops.

Bis ich anfing, stattdessen die erste Seite dieser Bücher zu lesen – in Bibliotheken, im Buchladen. Oder als Online-Leseprobe. Eine Seite lesen… das hilft mehr als das ganze Drumherum.

Bestseller entlarven sich auf Seite 1

„Obwohl August schon acht Jahre alt war, hatte Frans bisher kaum je versucht, die Vaterrolle zu übernehmen, und auch jetzt fühlte er sich dieser Aufgabe nicht unbedingt gewachsen.“

„Kaum je“? O je – das klingt trocken und hakelig. „Nicht unbedingt“? Warum diese ungeschickte Relativierung? „Die Vaterrolle“, dann „diese Aufgabe“, die ganze unnötige Wiederholung in der zweiten Satzhälfte… all das wird redundanter, mundgerechter, verquaster erzählt als nötig. Und das soll ein Thriller sein? Ich weiß nicht. Zwei Sätze später:

„Es war ein Teufelswetter. Regen und Sturm peitschten ihm ins Gesicht.“

Der vierte „Millennium“-Roman, „Verschwörung“, nach Stieg Larsson. Mut machen mir diese Auszüge nicht: Will ich 608 Seiten durch Sprachmatsch, Matschsprache stapfen? Peitschen mir auf jeder Seite solche Floskeln und Ungenauigkeiten ins Gesicht? Liegt es am Autor – oder an der Übersetzung? Oder soll die Sprache (Kunstgriff) hier nur etwas langsam und dümmlich klingen, weil vielleicht die Figur, der überforderte Papa Frans, ein bisschen langsam, dümmlich ist? Ich müsste mehr lesen, um sicher zu sein.

Aber schon jetzt ist klar: Dringend ist dieses Buch nicht, für mich.

Auf Seite 1 von Rebecca Gables „Der Palast der Meere“ „warnt“ die Marktfrau, „murmelt“ Isaac, „die junge Frau am Pranger fing an zu schluchzen“, „’Das Eisen ist heiß’, sagte der Constable, und das Funkeln in den Augen verriet seine freudige Erwartung.“

Davor kommt ein überfachtetes Personenverzeichnis, ein eher selbstverliebtes Zitat und – kein gutes Zeichen – eine Illustration einer Gruppe von Seglern, Händlern oder Piraten an Bord eines Schiffes, gezeichnet im einfachen und überdeutlichen Stil eines Kinderbuchs: Der Historienroman erscheint mir bunt, abwechslungsreich, schnell und plastisch. Aber die Figuren auf dem Bild und auf der ersten Seite stehen herum, agieren wie Puppen oder Comichelden – ihre Sprache überdeutlich und künstlich: furchtbar dick und plump aufgetragen, das alles.

Ein dritter Versuch, ebenfalls in der aktuellen Spiegel-Bestsellerliste: Rafik Schamis „Sophia oder Der Anfang aller Geschichten“.

Seite 1 zeigt Aida, die mit dem Fahrrad Schlangenlinien fährt. Und – sehr schön: Die Sätze schlingern und wanken genauso wie die junge Frau auf dem Rad, „Sie trug an diesem Tag weiße Espandrilles, eine blaue Hose und ein rot-weißes Streifenshirt. Ihr langes graues Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden.“

Graues Haar? Aida ist eine ältere Frau – und fährt gut angezogen, nervös und lachend auf dem Rad? Das macht Spaß! Eine strahlende, einfache, sympathische Szene mit einer untypischen Haupt(?)figur. Mein Interesse ist geweckt.

Klar könnte das Buch Kitsch sein. Die Sprache von „simpel“ in „dümmlich“ kippen, vielleicht ist Aida – die lachende grauhaarige Frau, die erst jetzt das Fahrradfahren lernt – doch eine eher alberne und flache Figur. Kitsch für grauhaarige, lebensfrohe Frauen? Autor Rafik Schami ist 69, und vor zehn Jahren hasste ich sein – sehr schlicht gestricktes, stammtischhaftes – Buch über den 11. September, „Mit fremden Augen“.

Trotzdem: Schamis Seite 1 ist die erste, die mir auch Lust macht, Seite 2 zu lesen.

Natürlich sind das nur Indizien – keine Beweise:

Um literaturkritische Urteile zu fällen, müsste ich mehr lesen. Das ganze Buch, und oft noch weitere Texte, Interviews: mir Hintergründe erarbeiten. Doch für die erste und wichtigste Frage jedes Lesers, „Lohnt es sich für mich, mir dieses Buch ins Haus zu holen?“, verrät Seite 1 meist viel, viel mehr als ein Klappentext oder eine Kritik (die ich davor, danach, ergänzend lese).

Genau lesen. Aufs Niveau der Sprache achten.

Was macht der Autor uns leicht – und was schwer? Gibt es Klischees? Vereinfachungen? Kluge, raffinierte – oder plumpe? Sind die Sätze lang? Kurz? Überrascht etwas? „Lauschen“, „munkeln“, „schmausen“ Figuren? Werden viele Haar- und Augenfarben, Frisuren, Kleidung, Schmuckstücke beschrieben? (Dann ist es oft seichtere Unterhaltung und/oder Klischee-Fantasy.)

Mir geht es nicht um „richtigen“ oder „falschen“ Stil, „Schreibsünden“ oder stilistische No-Gos.

Auf Seite 1 ist alles erlaubt, und alles macht mich erst mal neugierig. Doch alles wird eben auch von mir beachtet – als erstes Indiz: wie kalt oder warm, wie schnell oder gemächlich, wie tief oder flach, wie gefühlskalt oder emotional, wie routiniert oder unbeholfen, wie geschickt oder möchtegern wird diese Szene gebaut, inszeniert – mit welchen Worten lenkt man uns durch eine Welt, stellt uns Figuren vor?

Probleme auf Seite 200? Spürbar oft schon auf Seite 1.

Autoren wissen, dass Seite 1 eine wichtige Visitenkarte ist – für neue Leser und Kritiker, oft auch für Agenten, Lektoren, Jurys, die keine andere Seite so lang, genau, kritisch und halbwegs unvoreingenommen lesen wie diese allererste.

Natürlich gibt es trotzdem Bücher, die 20, 50, 200 Seiten brauchen, um richtig in Fahrt zu kommen. Es gibt Prologe und Stilwechsel, Brüche und Überraschungen, falsche Fährten und literarische Mosaike, auf denen Seite 5 völlig anders klingt als Seite 7, Seite 1 und Seite 11.

Wenn ich ein Buch rezensiere, lese ich es komplett. Ohne Ausnahme: Noch auf der letzten Seite kann etwas stehen, das alles Bisherige in neues Licht setzt, den Plot, den Ton oder den Gesamteindruck immens verändert.

Wenn ich ein Buch als Gutachter für Verlage lese – prüfen soll, ob ein Manuskript oder ein englisches Buch in Deutschland in Frage kommt – gebe ich dem Autor meist bis Seite 100 Zeit.

Und bei vielen Büchern, die ich kaufen will, lese ich die komplette Online-Leseprobe. Blättere 20 oder 30 Minuten in einer Buchhandlung. Lasse mir viel mehr Zeit als nur diese Seite 1.

Um zu wissen, ob (und warum) ein Buch GUT ist, braucht man lange.

Um zu wissen, ob (und warum) ein Buch SCHLECHT, ist, braucht man oft noch viel länger.

Aber um zu AHNEN, dass ein Buch wahrscheinlich gerade nicht zu mir passt, mir die Lektüre keinen Spaß machen wird – dafür reichen oft sehr wenige Seiten. Die großen Hindernisse oder Probleme, das, was auf Seite 200 furchtbar nerven wird, deuten sich oft schon auf Seite 1 an.

Lesen und Zappen

Man braucht viel Zeit und sehr viel Leseerfahrung, Übung und Sprachgefühl, um schnell zu verstehen, in welche Richtung ein Buch wirkt: kalt oder warm, schnell oder gemächlich, tief oder flach…

Aber wir alle können zappen – als TV-Zuschauer binnen Sekunden einordnen: DAS ist ein eher billiger Actionfilm. HIER sind die Frauen püppchenhaft und dümmlich. DAS sieht nach einer Telenovela aus und DAS ist etwas kindisch und DA ist die Filmmusik trashig.

Das Krimi-Meisterwerk, das nach Mitternacht in einem dritten Programm läuft, findet und erkennt man beim Zappen oft schlecht: Ich brauche viel Zeit, um mich auf den Erzählrhythmus und die subtilen Aspekte eines Films einzulassen.

Aber zu merken „DAS ist eine eher plumpe Sitcom“ oder „HIER geht es um billig inszenierten Grusel“… das können wir alle seit den vielen Privatsendern der 80er und 90er Jahre gut. Ob ich einen Song weiter hören will oder nicht, ist ebenfalls in 10 oder 20 Sekunden meist gut zu entscheiden.

Warum also bei Büchern auf Klappentexte, Kritiken, Beschreibungen von außen vertrauen? Warum nicht „zappen“? Indizien sammeln. Trainieren, wie schnell man aus den ersten Sätzen den Ton eines Texts, seine Stärken und Schwächen lesen kann?

gut geschrieben, schlecht erzählt

Meine große Schwäche sind zu stilsichere Autoren: Blender.

Seite 1 von Valerie Fritschs „Winters Garten“, nominiert für den deutschen Buchpreis 2015, klingt wunderbar. Kein Wort zu viel. Keine einzige Formulierung, die mich skeptisch machte. Valerie Fritsch kann begnadet gut schreiben.

Erzählen kann (oder will) Fritsch nicht so recht: Ihr Buch hat Stil-, aber kaum Erzählfreude. Die Oberfläche stimmt. Rhythmus und Melodie, Bildsprache. Poesie! Nur die Figurenzeichnung, Leitmotive, Recherche, Spannung, Handlungsbogen haben mich kein Stück überzeugt – und um mir sicher zu werden, musste ich das ganze Buch lesen. Vollständig. Das kann man nicht beurteilen – auf Seite 1.

Entsprechend oft verliebe ich mich in Stilkünstler und Routiniers, Illusionisten und Sprachtrickser: Wenn es toll KLINGT, hoffe ich oft vorschnell „Wow. Wer so toll formulieren kann, der kann (und will) auch toll erzählen.“

Jeder von uns zappt – selbstbewusst und oft ohne große Mühe oder Zweifel. Und lange habe ich dieses Zapp-Verhalten, diese Zapp-Kompetenz und Zapp-Routine, aufs Bücher-Finden angewandt, indem ich über Buchcover „zappte“ oder durch Klappentexte.

Meine Empfehlung: Lieber durch erste Seiten zappen. Ein, zwei Seiten ganz genau, Satz für Satz lesen – geduldig, gründlich, ruhig fragen: „Wie ist das inszeniert? Wie werden hier Räume und Figuren gebaut, aus Sprache, Wort für Wort? Mit genau welchen Mitteln, in welchem Ton und Tempo? Mit wie viel Schwung, mit wie viel Charme? Wie klar? Wie klug? Wie schön? Wie flüssig?“

Wenn Seite 1 Spaß macht – und diesem gründlichen Blick fürs Erste halbwegs stand hält – machen meist auch Seite 2 bis 200, 400, 800 Spaß. Falls aber Seite 1 schon holpert oder etwas billig, fade wirkt: Vorsicht. Weiter lesen. Aber: Mit Enttäuschungen rechen. Noch nicht sofort das Buch zur Kasse tragen, zum Bezahlen.

Ich lese besser, klüger (und: billiger), ich finde viel passendere Bücher, seit ich Seite 1 lese. Misstrauisch. Neugierig. Mit viel Geduld für jedes einzelne Wort und seine Wirkungen. Und wenig Toleranz für Floskeln.

Bildquellen

  • Literatur-Kolumne, Stefan Mesch: Stefan Mesch

One thought on "Literatur-Kolumne: Wozu mehr lesen… als Seite 1?"

Kommentieren ist nicht möglich.