Warum die Vögel sterben: Victor Pouchet und die Bedeutung des zart Beiläufigen

Mit Warum die Vögel sterben legt der französische Autor Victor Pouchet einen Debütroman vor, in dem alles nichts bedeutet – und umgekehrt.

Gut, also: Warum die Vögel sterben erfährt man in Victor Pouchets Roman nicht. Überhaupt erfährt man in dem Debütroman des 1985 geborenen Autors sehr wenig, aber davon eben doch recht viel. Und das ist die große Stärke des Buches.

Von seiner Freundin verlassen, von seiner Promotion ermüdet, von der Welt im Allgemeinen und von seiner Familie im Besonderen entfremdet verbeißt sich ein Pariser Student (der, weil autofiktionale Spielereien unter jungen französischen Autoren offenbar en vogue sind Victor Pouchet heißt) in seltsame Todesfälle von Vögeln in der Nähe seines normannischen Heimatdorfes Bonsecours. In allen drei Fällen sind die toten Vögel entlang der Seine zu Boden gefallen, also beschließt Victor – weil allen anderen die Vögel egal zu sein scheinen – auf der Suche nach dem Grund für diese Todesfälle auf einem Renterausflugskahn die Seine von Paris bis in die Normandie hochzuschippern.

Das Blubbern der Seine

Dieses Schippern gibt in vielerlei Hinsicht den Rhythmus des Romans vor: Einmal ist da die gemächliche Struktur an Bord, die von Mahlzeiten, touristischen Vergnügungstouren und Abendunterhaltung geprägt sind. Dann ist da das ruhige Gluckern des Wassers, das in Pouchets unaufgeregten, sorgsam geschichteten Stil hineinzuschwappen scheint. Dann ist das die vorbeiziehende Landschaft, die zwar immer irgendwie präsent ist – so sehr, dass es nichts anderes gibt – aber dann auch wieder sofort aus dem Blick gerät, spätestens nachdem das touristische Programm absolviert ist, meistens aber früher. Es ist dieses Beiläufige, das den Roman inhaltlich ausmacht: Pouchet (die Figur) führt ein Notizbuch, in dem er alles festhält, was ihm mit den toten Vögeln verbunden zu sein scheint. Das reicht von seiner Ex-Freundin bis zu seinem Vater, der die ganze Zeit geisterhaft abwesend bleibt, von obskuren naturwissenschaftlichen Werken zwischen Römer- und Jetztzeit bis zur Fehde zwischen Louis Pasteur und Félix-Archimède Pouchet über asexuelle Spontanzeugung. Über eine Büste von Félix-Archimède stolpert Victour Pouchet im Naturkundemuseum von Rouen und nimmt wegen des gleichen Nachnamens, und weil er in seinem Notizbuch sowieso gerade endlose Verknüpfungen spinnt, eine Verwandtschaft an. In einer der schönsten Stellen des Buches umwandert Pouchet (der Autor) mit seiner Figur Scrabble:

„Was ich beim Scrabble-Spielen am meisten mag ist das Klicken der Plastiksteinchen, wenn auf der Suche nach einem Ausweg im Beutel rührt. Ich sehe noch genau die schöne, gebräunte Hand meines Großvaters vor mir, wie sie an Sommerabenden, an denen man meine pyjamabewehrte Anwesenheit am Tisch der Großen duldete, in das grüne Säckchen eintauchte. Ich spüre wieder die frischen Nächte in dem Haus in Vencano und die leichte Beklommenheit vor den großen ungleichmäßigen Steinblöcken, wenn man allein in das obere Zimmer hinaufgehen muss. Scrabble ist so frustrierend wie das Leben: Ich könnte jetzt augenblicklich ein makelloses Wort bilden, aber es fehlt immer der Buchstabe oder der richtige Platz, um es hinzulegen. Man würde die Wörter gerne horten, sich warmhalten, um dann plötzlich die Karten auf den Tisch zu legen, das Spiel zu wenden, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen und sich mit dem Schlusswort schlafen zu legen. Es gibt Menschen mit zweifachem Wortwert, Nachmittage mit dreifachem, Y-Tage (zehn Punkte), sehr viele E-, A- und S-Vormittage (ein Punkt), vor allem gibt es Tage, wo wir uns aus all den vor uns liegenden Buchstaben nicht ein einziges Wort zusammensetzen können. Ein D, ein N, ein A, ein U, ein E (je ein Punkt): Ich lege DAUNE, fünf Punkte, einfacher Wortwert, chronische Dormititis, geplatzte Luftmatratze am Beckenrand.“

Das Gegenteil eines Abenteuers

Seit 2017 liegt der Roman unter dem Titel Pourquoi les oiseaux meurent vor, im März 2019 erschient er auch in der Übersetzung von Yvonne Eglinger im Piper – Verlag. Aber auch wenn der deutsche Klappentext ein „Abenteuer ungeahnten Ausmaßes“ verheißt: Warum die Vögel sterben ist eher das Gegenteil eines Abenteuers. Aber irgendwie eben auch nicht. Pouchet (der Autor), der seit seiner (lauf offizieller Biographie ebenfalls mit Vogelbeobachtungen prokrastinierte) Promotion moderne Literatur lehrt hat mit Warum die Vögel sterben einen leisen, zarten, Roman geschrieben, eine Reise gleichzeitig in eine Kindheit und eine Zukunft, in endlose Assoziationen, eigenartige zoologischer Fakten und auf einem Fluss durch eine fremde. Alles davon plätschert so beiläufig und träge vorbei die die Seine, aber weil es eben nichts anderes gibt, geraten diese Beiläufigkeiten in den Fokus, müssen verknüpft werden, irgendwie vernäht. Pouchet (die Figur) verliert sich in diesen Beiläufigkeiten, die ihm alles bedeuten, ein wenig, und findet sich ein wenig. Pouchet (der Autor) schichtet sie aufmerksam und sorgfältig übereinander, so dass irgendwie eine Geschichte da ist und irgendwie auch eine Figur, die nach ihrer Reise irgendwie anders ist und irgendwie auch etwas erfahren hat. Wie und was? Man weiß es nicht. Alles bedeutet nichts und umgekehrt. So elegant entschwindet, oder besser: entfleucht, der Warum die Vögel sterben aus sich selbst wie ein Vogelschwarm, der hinter dem Horizont zu Boden geht.

Victor Pouchet: Warum die Vögel sterben
März 2019, Piper
192 Seiten, 22,00 EUR
Übersetzt von: Yvonne Eglinger

Bildquellen

  • produkt-10004038: Piper Verlag
  • IMG_20190325_080510: Jan Fischer