Jurassic World: Grady und seine Raptorenkumpels

Review: 22 Jahre nach dem Original ist der Jurassic Park“ endlich eröffnet. Gestern ist Jurassic World angelaufen. Martin Spieß hat ihn gesehen.

22 Jahre nach dem Original ist der Jurassic Park endlich eröffnet: gestern ist Jurassic World angelaufen. Martin Spieß hat ihn gesehen.

(Spoiler Alert: in diesem Artikel werden wichtige Handlungselemente aus Jurassic World verraten)

Eine Freundin fragte mich vor ein paar Tagen, was die Band meiner Pubertät ist. Ich musste einen Moment überlegen, dann aber war es klar: RATM. (So wie meine Antwortnachricht ein Test an sie war, ob sie etwas damit würde anfangen können, so ist diese Abkürzung es übrigens auch jetzt.)

Wenn ich mich für den einen Film meiner Pubertät entscheiden müsste, würde die Wahl auf Jurassic Park fallen.

Auf dem Motorrad durch ein Velociraptoren-Rudel

Allein schon deshalb war klar, dass ich Jurassic World, der gestern – 22 Jahre später – in den deutschen Kinos angelaufen ist, würde sehen wollen. Auch wenn der Trailer die seltsame bis alberne Szene enthält, in der Dinosaurierforscher Owen Grady (Chris Pratt) cool wie Gurkensuppe auf einem Motorrad sitzt und durch ein Velociraptoren-Rudel brettert.

Die Prämisse des Films aber ist keine schlechte: Der Park ist seit ein paar Jahren geöffnet und allmählich werden den Zuschauern die ewiggleichen Dinosaurier langweilig. Die Wissenschaftler aber finden eine Lösung, wenn allen voran der neue Park-Eigentümer und achtreichste Mann der Welt Simon Masrani (Irrfan Khan) in einem Memo fordert, die Saurier sollen „cooler“ sein: sie kreuzen einfach ein paar Arten miteinander. Natürlich bricht die neueste, super intelligente Kreuzung aus – und mit ihr die Panik.

Grady, der seine Zeit sonst damit verbringt, das Verhalten von Velociraptoren zu erforschen und sich nebenbei gegen die Pläne, diese für militärische Zwecke zu verwenden, einsetzt, übernimmt jetzt die Rolle des Jägers bzw. (Auf-) Sammlers. Denn natürlich sind zwei Jungs im Park verschwunden: Gray und Zach, die Neffen der Parkleiterin Claire, die sich zusammen mit Grady auf die Suche nach ihnen macht.

Darf der Mensch Gott spielen?

Je mehr Opfer der ausgebrochene Hybrid fordert, desto lauter wird die Stimme von Vic Hoskins (Vincent D’Onofrio), dem Chef der Sicherheitsfirma, endlich Waffen sprechen zu lassen. Er ist es auch, der Grady in den Ohren liegt, die Raptoren zu militarisieren. (Daher also die Szene: die Raptoren sind seine Kumpels! Ergibt Sinn.)

Genau wie Jurassic Park ist auch Jurassic World eine Metapher für menschliche Hybris. Der Unterschied ist nur die Gewichtung: 1993 war die durch Chaostheoretiker Dr. Ian Malcolm (Jeff Goldblum) gestellte Frage nach der Rechtschaffenheit des Parks – ob der Mensch das überhaupt dürfe, Gott zu spielen und Leben zu erschaffen – noch die zentrale Thematik der Geschichte. Heute taucht diese Frage nur noch nebenbei auf, wenn Brady die mahnende Stimme mimt. Aber Dinosaurier existieren nun mal, die Publikumszahlen sollen steigen, immer neue Attraktionen müssen her. Die vielleicht stärkste Szene des Films ist die, in der der Leiter des Labors Dr. Wu (BD Wong, der auch schon in Jurassic Park mitspielte) Masrani mit seinen eigenen Forderungen konfrontiert: wer nach immer mehr Nervenkitzel schreie, nach mehr Zähnen, mehr Gefahr, der dürfe sich nicht wundern, wenn das irgendwann nach hinten losgehe.

Unnötige Militärkeule

Die Militarisierung von Sauriern aber, gefordert von einem circle beard und Siegelring tragenden, schmerbäuchigen und damit sehr eindimensionalen Bösewicht wie Hoskins, kommt dann doch allzu B-Movie-artig daher. Und dass dieser Dr. Wu zusammen mit den Embryos in einen Hubschrauber setzt, riecht sehr stark nach Fortsetzungserklärung.

Owen Grady sagt an einer Stelle: „They’re dinosaurs. Wow enough.“ 2015, nach etlichen Jahren betriebenen Parks, sind sie das wohl nicht mehr. Dass die Autoren die erzählerische Militärkeule auspacken allerdings ist nicht nur unnötig, weil naheliegend und unkreativ, sie nimmt dem Film dadurch auch die Möglichkeit, die Fragen des Originals weiterzuführen.

An das reicht „Jurassic World“ trotz besserer CGI-Effekte und der (zwar albernen, aber irgendwie doch coolen) Raptorenkumpels nicht heran. Aber Audioslave haben ja auch nie an Rage Against The Machine herangereicht. Gehört habe ich sie trotzdem immer sehr gern.