Eine Menge Smartphones

Medienästhetische Überlegungen zur App – Teil 1

In seinem Essay zur App erklärt Medienwissenschaftler Mathias Mertens was Smartphone und App von Computer und Applikation unterscheidet.

“Computers can do better than ever what needn’t be done at all.” 1

1.

Der Unterschied, den der Computer zu allen sonstigen Maschinen, Apparaten und Automaten gemacht hat, ist seine Universalität. Universalität insofern, dass immer wieder neue und andere Programme auf ihm laufen können, dass diese Programme darüber hinaus auch für alle möglichen Zwecke und Interessen eingerichtet sein können. Wiewohl Alan Turings Überlegungen zu einer “Universalmachine”, die er 1938 anstellte, mit der Entwicklung des digitalen Computers nichts zu tun hatten, ist dieses Konzept seither doch die beste Metapher dafür geworden, was der Computer für uns darstellt.2 Er ist das Ding, das alles kann und alles macht, wenn wir es nur verstehen, unser Bedürfnis und Begehren in eine dem Ding verständliche Prozedur zu übersetzen. Diese Universalität ist eine zutiefst romantische Vorstellung, die mit dem Computer verbunden ist, dass in ihm nämlich, um Joseph von Eichendorffs Gedicht “Wünschelrute” zu adaptieren, alle Dinge als Lied schlafen und von ihrer Realiserung träumen: “die Welt hebt an zu singen, / Triffst du nur das Zauberwort”. Mit den richtigen Programmen (die ebenso, und damit ist man noch stärker an den Konzepten der Romantik dran, von der richtigen Programmiersprache abhängig sind3 kann man alles machen und die Welt verändern. Das zeitliche, räumliche und auch personale Zusammenfallen von Hippie-Kultur und Hacker-Kultur im Silicon Valley der 1960er und 1970er Jahre war auch keine Laune der Geschichte, sondern, wie John Markoff ausführlich belegt hat, folgerichtig.4 Jegliche Kulturkritik, Apologetik, Fortschrittsfeier, Pragmatik, die sich mit dem Computer beschäftigt, bezieht sich im Kern auf diese Universalität.

2.

Obwohl beides Programme sind, die dem Computer zugeführt werden, und somit beide eigentlich der Universalität des Apparates zuspielen, wird bei der intuitiven Beurteilung von Betriebssystem und Anwendungsprogramm nur Letzteres als Ausdruck dieser universalen Möglichkeiten verstanden. Phänomenologisch (und nicht technisch) gesehen, ist das Betriebssystem mit dem Computer identisch, schon als man es ihm noch jedesmal aktiv zufügen musste, bevor man beginnen konnte zu arbeiten, aber mehr noch, seitdem es automatisch beim Einschalten von der Festplatte geladen und zum Laufen gebracht wird – “der Computer fährt hoch” nennt man diesen Prozess, nicht “das Betriebssystem wird geladen und gestartet”. Und viele Menschen kaufen neue Computer nur, weil auf ihnen als OEM-Fassung ein neues Betriebssystem installiert ist, und nicht wegen anderer Hardware-Spezifkationen des neuen Rechners. Betriebssystem und Computer sind so untrennbar verbunden, dass hier nicht von einer Hinzufügung gesprochen wird, schon gar nicht von einer Vielzahl verschiedener Hinzufügungen. Das machte und macht man nur bei den Anwendungsprogrammen, die dann auch mit dem lateinischen Wort für Hinzufügung “Applikation” bezeichnet werden. Ein Wort, das im Verlaufe der Kulturgeschichte schon für so verschiedene Praktiken wie der Verabreichung von Arzneimitteln, dem Einreichen eines Gesuches bei einer Institution, der Bewerbung für eine Position, der Feier einer katholischen Messe für bestimmte Personen oder dem Aufnähen von Verzierungen auf Kleidung verwendet worden ist. Alles allerdings Praktiken, die im Vergleich noch einmal deutlich machen, was die Applikationen von Computern sind: das, was hinzukommt und aus dem Computer etwas macht, nämlich eine von vielen möglichen Maschinen und immer wieder eine andere.

3.

Wenn man sich nun fragt, wie man diese Dinge definieren kann, mit denen man es seit ungefähr 2008 zu tun hat, und die man Apps nennt, so muss man zunächst sagen, dass sie ganz einfach nur Anwendungsprogramme sind. Applikationen. Mit irgendwelchen technischen Spezifika wie Zugriff auf Datenbanken im Netz statt auf eigener Festplatten, oder einem vom Anbieter der App auslesbaren Interface, oder sonstigen Programmbesonderheiten, aber grundsätzlich eben nur Applikationen, die dem Computer hinzugefügt werden, um aus ihm eine Maschine für eigene Zwecke zu machen und seine Universalität in einer weiteren Anwendung zu entfalten. Allerdings nennen wir Apps Apps und nicht Applikationen, und die Verwendung eines eigenen Begriffs ist immer ein Symptom für eine andere Qualität, das man beachten sollte und aus dem man eine Bestimmung dieser anderen Qualität ableiten kann. Schaut man nur auf den Begriff, so könnte man mutmaßen, dass wir es mit verkürzten Anwendungsprogrammen zu tun haben, mit Hinzufügungen, die nicht so universell wie die vollständig als Applikationen bezeichneten Dinge sind, sondern die auf einzelne Aspekte reduziert sind. Apps sind kurze Applikationen, so klingt es zumindest.

4.

Als kurze Applikationen sind Apps aber zunächst paradox. Denn es widerspricht dem Prinzip der Universalität, das dem Computer innewohnt, weil er mit immer neuen Applikationen versehen werden kann, und das auch den Applikationen innewohnte, weil sie selbst immer stärker ausgestattet wurden, immer mehr Funktionen und Features anboten, sich zu Paketen formierten oder gar zu Universallösungen. Das Moorsche Gesetz des stetigen Leistungsanstiegs bei stetiger Kostensenkung galt indirekt auch für Anwendungsprogramme, die stetig umfassender und leistungsfähiger wurden, während sie gleichzeitig immer zugänglicher und verinnerlichbarer werden mussten. Dass diese gesetzmäßige Komplexitätssteigerung nun abrupt gekappt wird, indem Miniaturausgaben von Anwendungsprogrammen verwendet werden, will nicht einleuchten. Und so wie Office-Pakete mit Zweifinger-Tipp-System-Editoren verglichen werden (und im Vergleich natürlich gewinnen), so werden auch Desktop-PCs und Laptops mit Smartphones und Tablets verglichen (die dann ebenso abgehängt werden). Das historische Paradox eines Leistungsrückschritts wabert denn auch durch Foren und Kommentarthreads zu Produkten und lässt Diskussionen darüber zu immer demselben Ergebnis führen: Dass es leistungsreduzierte Soft- und Hardware logischerweise nicht geben dürfte, aber dass sie seit einigen Jahren nicht nur existiert, sondern auch immer erfolgreicher wird.

5.

Es gab in der Vergangenheit bereits ein Phänomen, das dem Prinzip der Universalität von Apparaturen, denen beliebig etwas hinzugefügt werden kann, widersprach. Nämlich das der Killer-Application. Eine Killer-Application war (und ist) die eine Sache, die auf, an oder mit einem Ding läuft, deretwegen man dieses und kein anderes, vergleichbares Ding haben wollte oder will. Bezahlfernsehen beispielsweise versucht durch exklusive Fußballübertragung dafür zu sorgen, dass es abonniert wird. Neben all dem anderen Programm, das möglich ist und das auch wichtig ist, weil es sich sonst nicht um Fernsehen handeln würde, ist es doch die eine Sache Fußball, deretwegen Menschen bereit sein könnten, Geld für Fernsehen auszugeben. Eine Killer-Application kann sogar soweit gehen, dass sie die Universalität des Gerätes komplett schluckt, so etwa geschehen bei der immens erfolgreichen Spielkonsole Wii von Nintendo, deren gametechnisch schwaches beiliegendes Sportprogramm „Wii Sports“, das beinahe nur als Demonstrationsprogramm für die revolutionäre Bewegungssteuerung der Konsole angesehen werden konnte, von sehr vielen Käufern überhaupt nicht aus der Konsole genommen wurde und das einzige Spiel bliebt, das sie jahrelang auf der Wii laufen ließen. Eine Killer-Application war immer die überzeugendste und begehrenswerteste Realisierung der universellen Möglichkeiten eines Geräts; und wenn keine ebenso überzeugenden und begehrenswerten Realisierung damit in Konkurrenz standen, blieb sie die einzige. Killer-Applications minimierten das Gerät.

6.

Davon abgeleitet könnte man eine Hypothese über Apps formulieren. Dass sie als Minimierungen von Anwendungsprogrammen vielleicht ebensolche Killer-Applications sind. Tatsächlich gibt es die Apps, von denen alle gehört haben, von denen alle glauben, dass alle sie haben, und dass alle sie deshalb haben möchten, weil sie mit allen die gemeinsame Erfahrung teilen möchten. WhatsApp beispielsweise, der kostenlose Nachrichtendienst, die SMS ohne Kosten, oder Songify, die automatische Melodisierung von gesprochenem Text, oder Shazam, mit dem man Titel und Künstlers eines vorgespielten oder vorgesungenen Lieds identifizieren kann, oder Angry Birds, das Spiel, bei dem man kugelförmige Vögel auf wackelige Konstruktionen katapultiert, um kugelförmige Schweine zum Platzen zu bringen. Das sind Apps, die Killer-Applications sind. Wenn man diese Hypothese überprüft, merkt aber schnell, dass man dem Phänomen Apps damit überhaupt nicht gerecht wird. Denn sofort fällt auf, dass das Paradox der Leistungsreduzierung und Minimierung ein weiteres Paradox nach sich zieht: dass es da viele Apps gibt und nicht nur einige, dass es immer mehr gibt, dass immer mehr auf das Gerät gepackt werden und dass da plötzlich eine immer größer werdende Sammlung von reduzierten Anwendungsprogrammen entsteht. So als hätte man die Pakete und Suiten der Vergangenheit aufgeschnürt, auseinandergeschnitten und einzeln als Einklebebilder für ein Album verkauft. Jede einzelne App mag sich wie eine Killer-Application anfühlen, ist dann aber doch nur Baustein für die Rekonstruktion der Universalität des Geräts. Das wäre die erste Bestimmung für eine App.

7.

Das hat wohl mit der Qualität des besonderen Computers zu tun, den Apps wieder zur Universalmaschine aufbauen: dem Smartphone. Ohne Smartphone gäbe es überhaupt keine Apps, das ist so offensichtlich und so historisch unhinterfragbar, dass man es gar nicht als Bestimmung angeben möchte. “App has been around for ages”, merkte Ben Zimmer in der Begründung der American Dialect Society für die Wahl zum “2010 Word of the Year” an, aber “with millions of dollars of marketing muscle behind the slogan ‘There’s an app for that,’ plus the arrival of ‘app stores’ for a wide spectrum of operating systems for phones and computers, app really exploded in the last 12 months.”5 Selbst wenn es also Apps – und nicht Applications – bereits vor Smartphones gegeben haben sollte, erst mit dem explosionsartigen Erfolg von Smartphones gab es auch real so viele Apps, dass Menschen dafür einen Begriff geläufig machten. Die erste Bestimmung der App muss also noch um eine Prämisse ergänzt werden: Ohne Smartphones gäbe es keine Apps, denn das Smartphone ist ein Computer, dessen Computerhaftigkeit, also Universalmaschinenhaftigkeit, erst durch Apps aufgebaut werden muss. Alle anderen Computer sind bereits Universalmaschinen, und dafür braucht es Applications.

 

Hier geht es zu Teil 2 des Essays.

Zum dritten Teil des Essays geht es hier.

 

  1. Marshall McLuhan und Barrington Nevitt: Take Today: The Executive as Dropout. New York: Harcourt Brace Jovanovich, 1972. S. 109
  2. Alan Turing: “On Computable Numbers, With an Application to the Entscheidungsproblem.” In: Proceedings of the London Mathematical Society 42 (1937), S. 230-255. Zur Bedeutung von Turings Konzept für die Entwicklung des Digitalcomputers siehe Hao Wang: “A Variant to Turing’s Theory of Computing Machines.” in: Journal of the Association for Computing Machinery 4 (1957), S. 63-92.
  3. Siehe genau dazu Niklaus Wirth: “A Brief History of Software Engineering.” In: IEEE Annals of the History of Computing 3 (2008), S. 32-39)
  4. John Markoff: What the Dormouse Said: How the 60s Counterculture Shaped the Personal Computer Industry. New York: Penguin, 2005.
  5. http://www.americandialect.org/American-Dialect-Society-2010-Word-of-the-Year-PRESS-RELEASE.pdf

Bildquellen

2 thoughts on "Medienästhetische Überlegungen zur App – Teil 1"

Kommentieren ist nicht möglich.